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Klimaforscher: "Merkel hat eine rückwärts gewandte Sicht"

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Interview mit Klimaforscher  

"Merkel hat eine rückwärts gewandte Sicht"

15.11.2017, 17:45 Uhr | Marie Illner, t-online.de

Klimaforscher: "Merkel hat eine rückwärts gewandte Sicht". Bundeskanzlerin Angela Merkel 2007 in Grönland: Deutschland droht seine Vorreiterrolle im Klimaschutz zu verlieren, so der Metereologe Mojib Latif. (Quelle: dpa/Michael Kappeler)

Bundeskanzlerin Angela Merkel 2007 in Grönland: Deutschland droht seine Vorreiterrolle im Klimaschutz zu verlieren, so der Metereologe Mojib Latif. (Quelle: Michael Kappeler/dpa)

Mojib Latif ist Klimaforscher und Vorsitzender des deutschen Klima-Konsortiums. Mit t-online.de spricht er über Verschwörungstheorien und die Anforderungen an die neue Bundesregierung. Ebenso erklärt er, in welchem Bereich Deutschland dringend Innovationen braucht und warum es (noch) ein weltweiter Vorreiter ist.

Ein Interview von Marie Illner

t-online.de: Das Thema der aktuellen Klimakonferenz in Bonn – der Klimawandel – wird von manchen Menschen fortlaufend geleugnet. Wieso ist es gerade das Klima, welches so viele Verschwörungstheoretiker anzieht?

Mojib Latif: Das geschieht aus zwei Gründen. Erstens: Jeder glaubt, irgendwie mitreden zu können, denn Wetter erfahren wir irgendwie alle. Bei der Relativitätstheorie sieht es schon ganz anders aus: Da würde sich keiner anmaßen, die Thematik beurteilen zu können. Natürlich ist auch das Wetter eigentlich hochphysikalisch und hochmathematisch. Zweitens ist das Thema extrem ideologisiert und politisiert. Wenn das Thema Klimawandel von den Medien aufgegriffen wird, ist die Diskussion nicht immer sachlich und von Sachkenntnis geprägt. In den Diskussionen versuchen Menschen im Gegenteil in der Regel ihre Interessen zu befördern. Das ist schade, denn das Klima ist eine der größten Herausforderungen der Menschheit.

Wieso gelingt es nicht, Zweifler am Klimawandel mit fundierten Gegenargumenten zu widerlegen?

Die Klimawandelleugner verwenden zum Teil Argumente, die plausibel klingen, aber nicht stichhaltig sind. Das kann man in der Öffentlichkeit schwer entkräften. Wenn ich in einer Talk-Show sitze und sage: "Es ist erwiesen, dass es den Klimawandel gibt und dass der Mensch die Hauptursache ist", und mein Gegenüber sagt: "Das stimmt nicht, es gibt Professoren, die das Gegenteil behaupten" – dann ist das eine Lüge, aber der Zuschauer kann in dem Moment nicht beurteilen was stimmt, und was nicht. In den Medien kommt es so rüber, als sei das Verhältnis zwischen denjenigen, die den Klimawandel und den Menschen als seine Ursache für erwiesen halten und den Klimawandelleugnern 50 zu 50. In Wirklichkeit ist es aber in der Wissenschaft 99 zu eins.

Sie haben gesagt, wenn Deutschland es im eigenen Land schaffe, dem Klimaproblem mit sauberer Energie Herr zu werden, dann würden alle anderen es auch nachmachen. Warum sollte das so sein?

Am Ende des Tages muss man zeigen, dass Klimaschutz – also etwa die erneuerbaren Energien – der Garant dafür sind, Wohlstand zu halten und zu mehren. Es war immer so, dass der, der als Erstes auf die Zukunftstechnologie gesetzt hat, wirtschaftlich am Ende vorne lag. Der Umbruch von Pferdekutschen zum Verbrennungsmotor war enorm. Auch bei der Abschaffung der Sklaverei hat die Wirtschaft gesagt: "Das geht nicht." Sie wurde letztlich aber durch ethischen Druck abgeschafft und den müssen wir auch heute von unten erzeugen. Es kann nicht sein, dass ein Großteil der Bevölkerung darunter leidet, was ein kleiner Teil der Menschheit macht.

Klimaforscher Mojib Latif: Deutschland kann von nachhaltigen Technologien enorm profitieren. (Quelle: dpa/Arno Burgi)Klimaforscher Mojib Latif: Deutschland kann von nachhaltigen Technologien enorm profitieren. (Quelle: Arno Burgi/dpa)

Mit seinem Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen hat Donald Trump eine Disziplinierung der anderen Länder bewirkt, die Umsetzung des Abkommens mit voller Kraft voranzutreiben. Lässt sich eine solche Disziplinierung auch auf andere Weise herbeiführen?

Trump wird im eigenen Land selbst keinen Erfolg haben. Die USA haben neben der offiziellen Delegation auf der Bonner Klimakonferenz auch eine inoffizielle Delegation aus Gouverneuren, Bürgermeistern und Unternehmern. Diese bekennen sich eindeutig zu den Zielen des Pariser Klimaabkommens. Immer mehr Länder sehen, dass der Zug in diese Richtung geht. Heute sind weltweit betrachtet die Investitionen in erneuerbare Energien größer als in konventionelle Energie. Die Börse nimmt die Entwicklung immer vorweg: Wer ist Gewinner und Verlierer? Teslas Aktien boomen trotz des noch geringen Marktanteils, die deutschen Energieversorger hingegen schmieren ab. Das sind die letzten Rückzugsgefechte, man kann diese Dynamik nicht mehr aufhalten.

Die Kosten der Klimakonferenz belaufen sich auf 117 Millionen Euro, hinzukommen zahlreiche Flugstunden der Angereisten. Werden diese Kosten das Ergebnis der Konferenz wert sein?

Nicht als einzelne Konferenz, aber als kontinuierlicher Prozess. Der Tropfen höhlt den Stein. Man kann über die Größe der Delegationen streiten, das sehe ich ebenfalls kritisch. Ich denke aber, dass es jetzt darum geht, Deals zu entwickeln, wie man Klimaschutztechnologien und erneuerbare Energien an den Mann bringt. Länder wie Indien sollen nicht die gleiche Entwicklung durchfahren wie wir: Kohle, Öl, Gas und dann irgendwann erneuerbare Energien. Bisher ist das Land kaum verstromt - Indien muss einen Quantensprung machen und diese fossile Phase überspringen. Dabei braucht das Land Hilfe, das kann eine Win-Win Situation sein. Als Exportnation müssen wir dort vorne sein, wo die neuen Technologien sind.

Merkel fürchtet sich um die Arbeitsplätze. In einer Videobotschaft sagte sie, man haben für das Klima auf der Welt nichts gewonnen, wenn unsere Stahlwerke und Kupferhütten in Länder mit geringeren Umweltvorschriften gingen. Sie will Regeln finden, mit denen Arbeitsplätze erhalten werden und unsere Wirtschaft dennoch Vorbildcharakter entwickelt. Wie können solche Regeln aussehen und ist es legitim in Sachen Klimaschutz von der nationalen Warte aus zu denken?

Das ist eine extrem rückwärts gewandte Sicht der Dinge. Wir haben es nur deswegen gerade jetzt so schwierig, weil wir den Strukturwandel nicht angegangen sind. Man hätte gleich nach der Wiedervereinigung damit anfangen müssen. Je später es ist, desto schwieriger wird es. Man kann nicht ewig an den alten Technologien festhalten, denn dann wird das passieren, was eigentlich niemand möchte: Die Akteure werden ganz vom Markt verschwinden. Besonders deutlich sehen wir das bei der Automobilindustrie. Sie hat nicht das halten können, was sie versprochen hat. Dann fing sie an zu schummeln und ist dabei erwischt worden und es passiert überhaupt nichts. Man tut den Konzernen keinen Gefallen, wenn man keinen Druck ausübt, da sie dadurch immer so weiter machen. China wird eine Quote für Elektro-Motoren einführen, andere europäische Länder haben schon längst das Aus des Verbrennungsmotors beschlossen. Wir hinken hinterher. Wenn wir für diese Länder und Absatzmärkte keine Angebote mehr haben, dann verschwinden unsere Leute vom Markt. Das ist die eigentliche Gefahr. Daher muss man parallel fahren: Langsam die alte Technologie abbauen und im gleichen Maß die alternativen Technologien nach vorne bringen. Das aktuelle sture Verharren ist das Falscheste, was man machen kann. Das sichert vielleicht den jetzt Regierenden die Macht, aber man vergeht sich an den zukünftigen Generationen. Dabei spreche ich nicht über Generationen in 50 oder 100 Jahren, sondern in zehn Jahren.

Aktuell verhandeln in Deutschland Union, FDP und Grüne um eine Jamaika-Koalition. Dabei sind gerade noch zentrale Punkte offen. Welcher ist für Sie aus Sicht eines Klimaforschers am interessantesten?

Deutschland hat schon 2009 angekündigt bis zum Jahr 2020 ganze 40 Prozent der Treibhausgase gegenüber 1990 zu reduzieren. Der nationale Klimaschutzplan besagt, dass wir bis 2030 sogar 55 Prozent und bis 2050 dann 80-95 Prozent reduzieren wollen. Da darf man nicht zurück. Es muss klar vereinbart werden, dass diese Ziele gelten. Gleichzeitig muss man die Instrumente festschreiben. Eines dieser Instrumente muss der Kohleausstieg sein, sonst werden wir unsere Ziele nicht erreichen können. Bei der nächsten Klimakonferenz müssen wir einen Fahrplan vorlegen, der zeigt, wie wir das erreichen wollen, was wir versprochen haben. Da muss man konkret werden und kann nicht mehr im Ungefähren verharren. Das muss die zukünftige Bundesregierung leisten.

Wie klimafreundlich erwarten Sie die Politik der kommenden Regierung?

Ich sehe drei große Bereiche, in denen wir etwas tun müssen. Der erste Bereich sind Kohleausstieg und Energie. Der zweite Bereich ist die Mobilität. Wir ersticken hier in Feinstaub, die Autobahnen sind voll, wir haben ein enormes Potential was die Schiene und Gütertransport angeht. Gerade dort kommen wir in keiner Weise voran. Der dritte große Bereich ist die Landwirtschaft. Die industrielle Produktion ist enorm ressourcenintensiv. Was besonders wichtig ist: Wir müssen den Menschen klarmachen, dass es nicht um Verzicht geht, sondern um Gewinn an Lebensqualität. Heute sterben bereits ein Viertel aller Menschen weltweit durch Umwelteinflüsse. Was macht glücklich? Familie, Liebe, Freunde, Genuss – aber nicht der dritte Wagen vor der Tür. Unser Koordinatensystem ist da verrutscht und das müssen wir gerade rücken.

Kein Land verbrennt weltweit mehr Braunkohle als Deutschland. Bisher traute sich keine Regierung einen Plan für den Kohleausstieg zu. Gegenwind kommt besonders von Gewerkschaften und der Energielobby. Wie kann man sich standhaft gegenüber diesen Gruppen zeigen?

Man muss Alternativen anbieten. Gerade in Gebieten wie der Lausitz ist es extrem – da gibt es nichts anderes mehr als die Braunkohle. Sie bietet die einzigen Arbeitsplätze, mit denen man noch gut auskommen kann. Da verstehe ich schon, dass man es nicht einfach plattmachen kann und dann ist da gar nichts mehr. Man muss daher versuchen, dort andere Industrie oder Dienstleistungen – irgendetwas zukunftsfähiges – anzusiedeln. Deswegen ist es wichtig, nicht von heute auf morgen alles plattzumachen, sondern eine Strategie zu entwickeln, wie man Schritt für Schritt aus der Kohle rausgeht und diese Regionen entwickeln will. Dieser Plan fehlt aktuell.

Deutschland ist als Gastgeber der Klimaschutzkonferenz selbst ein schlechtes Beispiel, denn es versagt in der nationalen Politik. Haben die anderen Länder das schon erkannt?

Das haben die anderen Länder schon längst erkannt und es gab bereits Stimmen aus Amerika, die sich verbeten haben, dass Deutschland ihnen irgendetwas vorschreibt, denn sie selbst hätten schließlich in den letzten Jahren reduziert, Deutschland nicht. Deutschland ist immer noch ein Vorreiter, ist aber dabei diese Rolle zu verlieren. Warum? Auch wenn Deutschland in den letzten 8 Jahren seinen Treibhausgasausstoß nicht reduziert hat, hat Deutschland einen großen Verdienst. Vielleicht wird das retrospektiv 2040 so auch in die Geschichtsbücher eingehen. Deutschland hat die erneuerbaren Energien bezahlbar gemacht und das ist der Grund, warum sie im Rest der Welt boomen, etwa in China. Diesen Verdienst kann uns keiner mehr nehmen. Natürlich müssen wir aber unsere eigenen Ziele erfüllen, sonst verlieren wir an Glaubwürdigkeit.

Wer könnte sonst die Vorreiterrolle übernehmen?

Wer sonst in die Rolle schlüpfen könnte, hängt davon ab, auf welchem Niveau ein Land ist. China ist inzwischen der größte Verursacher von Kohlendioxid mit 29 Prozent Anteil an den weltweiten Emissionen. Nun hat sich aber China im Abkommen von Paris zusichern lassen, dass sie den Höhepunkt ihres Ausstoßes erst 2030 erzielen müssen. Es sieht aber so aus, als ob sie jetzt schon den Höhepunkt ihrer Emissionen erreicht haben – sie ihren Ausstoß bis 2030 also gar nicht immer weiter steigern. Wenn sie sogar anfangen in den nächsten Jahren ihren Ausstoß zu senken, dann wären sie im Vergleich zu dem, was sie in Paris angeboten haben, wirklich deutlich besser. Insofern übererfüllt China seine Verpflichtungen, obwohl sie natürlich immer noch auf einem ganz hohen Niveau sind.

In welchem Bereich fehlen uns am meisten technologische Innovationen?

Auf jeden Fall bei der Speicherung. Es ist ein großes Problem, dass wir die sehr stark fluktuierenden Angebote der erneuerbaren Energien immer noch nicht optimal nutzen können. "Etwas für übermorgen" sind Techniken, wie man Kohlendioxid nutzen kann. Das heißt nicht, es zu verbuddeln, sondern es als Rohstoff zu nutzen. Ich denke da an Kraftstoff, vielleicht auch erneuerbare Energie. Wir werden nicht darum herumkommen, Kohlendioxid auch wieder aus der Atmosphäre herauszuholen. Dann soll es aber nicht wie beim Atomproblem im Endlager verschwinden, sondern sinnvoll genutzt werden.

Wie erreicht man, dass die Anstrengungen der Länder bezüglich ihres Treibhausgasausstoßes vergleichbar werden?

Das ist einer der Hauptpunkte, die in Bonn diskutiert werden. Dafür muss man Standards, wie man berichtet und wie man Angaben verifizieren kann, definieren. Auch bei den Angaben zu den Treibhausgasemissionen wird natürlich geschummelt. Man kann nicht immer ernst nehmen, was da aus China oder Indien kommt. Das muss transparent sein. In diesem Zusammenhang ist es genauso wichtig, die Ambitionslücke der Länder zu schließen. Wir müssen dazukommen, dass die Angebote der einzelnen Länder immer weiter verschärft werden.

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