
Openair-Wahlkampf in Hamburg
Openair-Wahlkampf in Hamburg: Steinbrück packt den Tiger aus09.08.2013, 07:59 Uhr | von Florian Gathmann, Spiegel Online
Peer Steinbrück gibt sich beim Auftakt seiner "Klartext Openair"-Tour in Hamburg kämpferisch. (Quelle: Reuters)
Nur sechs Wochen bis zur Wahl - Peer Steinbrück hat angesichts der desolaten Umfragewerte keine Zeit mehr zu verlieren: Während die Bundeskanzlerin noch im Urlaub ist, startet der Herausforderer in Hamburg seine "Klartext Openair"-Tour. Er umkreist pausenlos die Bühne und attackiert Angela Merkel.
Und dann geht es linksherum. Eine Runde um das Rednerpult, eine zweite - dann stoppt Peer Steinbrück, dreht sich herum und ändert seine Richtung. Dann geht es weiter. Wie ein Tiger in der Manege.
Klartext im Kreis. "Mit mir wissen Sie, woran Sie sind". So startet der SPD-Kanzlerkandidat an diesem Abend in Hamburg seine Openair-Wahlkampftour. Es ist ein neues Kampagnen-Format: Über sich eine Art Zirkuszelt, unter seinen Füßen eine runde Bühne, etwa vier Meter Durchmesser, die Steinbrück während seiner 45-minütigen Rede fast ohne Pause umwandert. Dem Kandidaten liegt das wandelnde Vortragen, mit dem einst die Schüler des griechischen Philosophen als Peripatetiker bekannt wurden. Und er ist damit näher bei den Zuhörern als auf einer Frontalbühne.
Geist wird Steinbrück niemand absprechen - eher das Geschick, dem es ihm als Kanzlerkandidat in den vergangenen Monaten des öfteren mangelte. Zuletzt hat er mit Äußerungen zur DDR-Sozialisation Merkels und möglichen Konsequenzen für ihre aus seiner Sicht begeisterungslose Europapolitik danebengehauen. So ist zu erklären, dass aus dem einst sehr populären Politiker ein Mann mit geradezu verheerenden Umfragewerten geworden ist. Im direkten Vergleich mit Angela Merkel liegt er weit zurück, auch seine Partei hängt der Union deutlich hinterher.
Sechs Wochen hat er noch Zeit, das zu ändern. Die Zuversicht in der SPD auf den Machtwechsel sinkt, auch bei den Grünen, dem Wunsch-Koalitionspartner - dagegen können Union und FDP angesichts mancher Umfrage sogar wieder von einer schwarz-gelben Mehrheit träumen. Besonders für CDU und CSU scheint es bestens zu laufen, weshalb Merkel in diesen Tagen noch ganz entspannt Urlaub machen kann.
Aber Steinbrück will jetzt zeigen, dass er kämpfen kann. "Noch 45 Tage - und wir sind die los", ruft er den Zuhörern in der Hansestadt zu. Die - damit meint er Merkel und ihre Koalition.
Etwa 2500 sind gekommen, um den gebürtigen Hamburger zu erleben. "Ein sehr besonderer Auftritt" sei das für ihn, bekennt der Kanzlerkandidat zu Beginn. "Dort drüben", der Bastelfreund zeigt mit dem Finger, "gibt es einen kleinen Laden, der die schönsten Schiffsmodelle in Deutschland verkauft". Er lebt schon lange nicht mehr in Hamburg, aber die Stadt liegt ihm immer noch am Herzen.
Es ist ein ordentliches Heimspiel, das er an diesem Abend auf der Michelwiese unweit des Hafens hinlegt. Der Kanzlerkandidat ist kein Wahlkampf-Berserker wie Gerhard Schröder, aber auch kein so eintöniger Redner wie der letzte SPD-Bewerber Frank-Walter Steinmeier. Steinbrück hüpft rhetorisch immer hin und her zwischen Analyse und kernigen Sätzen. Aber in diesem Wahlkampf ist ja die Unterscheidbarkeit zur Amtsinhaberin entscheidend. Und die sieht der Herausforderer so: Merkel, das sei Politik in der Furche, "dahinplätschernd", zudem "anstrengungslos für die Menschen". Er dagegen "möchte Bundeskanzler in einem Land werden, das ich nicht nur verwalten, sondern auch gestalten will".
Das Problem ist halt, dass vielen Deutschen eine patent verwaltende Regierungschefin Merkel offenbar genügt.
Steinbrück will das nicht akzeptieren. "Ich wende mich an alle, die mit diesem Land noch etwas vorhaben", sagt er. Seine Kernforderungen: mehr Geld für Bildung, höhere Steuern für Besserverdienende, gerechtere und gleiche Löhne für Männer und Frauen, Investitionen in die Infrastruktur.
Das kommt beim Publikum prima an, aber es ist ja auch eine SPD-Veranstaltung in einer Stadt, die der Sozialdemokrat Olaf Scholz mit einer absoluten Mehrheit regiert. Die Frage ist, ob Steinbrück in den kommenden Wochen damit in der Bevölkerung mehr Zustimmung zu erlangen vermag.
Aber ein Heimspiel kann manchmal zumindest helfen, wieder ein bisschen Sicherheit für die nächsten Auftritte zu gewinnen.
Wie die Gesellschaft sich in Deutschland entwickle, "das haben Sie alle in der Hand". Steinbrück ist so viel im Kreis gelaufen, dass mancher wohl längst vom Drehwurm gepackt von der Bühne gefallen wäre - aber der Kanzlerkandidat ist stattdessen zu Form aufgelaufen. "Ich bitte um Ihr Vertrauen", sagt er am Ende, und mehrfach: "Ich will Bundeskanzler werden." Und plötzlich klingt das gar nicht mehr so abwegig, wie es die Umfragen erscheinen lassen.
Aber es ist nur Hamburg.
09.08.2013, 07:59 Uhr | von Florian Gathmann, Spiegel Online
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