Früherer Linken-Chef
Mittler und Integrator - Lothar Bisky ist tot14.08.2013, 09:10 Uhr | t-online.de, dpa, AFP
Lothar Bisky prägte seine Partei über Jahre, ohne dabei unbedingt im Rampenlicht zu stehen. Er galt als Arbeiter, dem Partei- vor persönliche Interessen gingen. Jahrelang hat er für seine Partei den Karren aus dem Dreck gezogen. Im Alter von 71 Jahren ist Bisky völlig überraschend gestorben.
Nach Informationen der "Berliner Morgenpost" soll Bisky bereits am Freitag in seinem Haus in Schildau in Sachsen gestürzt sein. Nun erlag er angeblich im Krankenhaus seinen Verletzungen.
In der Partei löste die Nachricht vom Tod großes Entsetzen aus. Der Linke-Bundestagsabgeordnete Thomas Nord sagte der Berliner Morgenpost: "Wir stehen unter Schock." Mit Biskys Tod hätte keiner gerechnet. Fraktionschef Gregor Gysi würdigte den Verstorbenen ebenso wie die beiden Parteivorsitzenden Katja Kipping und Bernd Riexinger als "streitbaren und solidarischen Genossen".
Vor der Gründung der heutigen Linkspartei war Lothar Bisky die Integrationsfigur der alten PDS schlechthin: Stets im Schatten von Gregor Gysi, sorgte der eher öffentlichkeitsscheue Parteiarbeiter jahrelang für den Zusammenhalt der SED-Nachfolgeorganisation.
Die nötige Reputation dafür rührte wohl auch aus seiner DDR-Vergangenheit her: Bisky war zwar SED-Mitglied - doch in seiner Funktion als Rektor der Potsdamer Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) galt er als eher unbequemer Genosse. Er wehrte sich gegen politische Maßregelungen von Studenten und Lehrpersonal sowie gegen Dreh- und Aufführungsverbote.
Seine Politikkarriere begann nach der Wende: Seine erste große Rede hielt Bisky bei einer Großdemonstration auf dem Berliner Alexanderplatz am 4. November 1989 vor hunderttausenden Menschen.
Danach ging er zunächst als Landespartei- und Fraktionschef der PDS nach Brandenburg. 1993 übernahm er von Gregor Gysi den PDS-Bundesvorsitz, den er dann zunächst bis 2000 innehatte und drei Jahre später erneut übernahm. Nach dem Scheitern der PDS bei der Bundestagswahl 2002 begann der wiedergewählte Parteichef ab Mitte 2003, die Sozialisten aus der Dauerkrise zu holen.
Dem Erfolg bei der Bundestagswahl 2005, als die sich damals gesamtdeutsch formierende Linke 8,7 Prozent holte, folgte bald die größte Niederlage seiner Karriere: Nach der Konstituierung des Bundestages wollte Bisky Vizepräsident des Parlaments werden, scheiterte aber viermal am Widerstand aus den anderen Parteien.
Resigniert zog er seine Kandidatur zurück. Schließlich wurde Petra Pau für die Linksfraktion Vizepräsidentin des Parlaments. Die Niederlage hat Bisky geschmerzt, doch seinen Umgang mit politischen Gegnern hat das nicht verändert. Er sei kein "Hart-Zugreifer", beschrieb er sich einst selbst.
Als er dann im Jahre 2007 den Vorsitz der offiziell neu gegründeten Linkspartei übernahm, stand Bisky wieder im Schatten - diesmal in dem seines Ko-Vorsitzenden Oskar Lafontaine. Bisky hatte den undankbaren Job, den Unmut der ostdeutschen Parteikreise über die Dominanz Lafontaines in der Öffentlichkeit in den Griff zu bekommen.
Schließlich gab er gemeinsam mit Lafontaine den Vorsitz ab, um dem glücklosen Nachfolger-Duo Gesine Lötzsch und Klaus Ernst Platz zu machen.
Nach seinem Abgang als Parteichef blieb Bisky zunächst Fraktionschef der Linken im Europaparlament. Im März 2012 gab er auch diesen Posten auf. Er sei in einem Alter, in dem er nicht mehr die Zukunft verkörpere, sagte er damals zur Begründung. Und: "Meine Gesundheit wird nicht besser."
Hatte Bisky während seiner Amtszeit an der Spitze der Linken öffentlichen Zwist vermieden, so scheute er später den Konflikt mit Lafontaine keineswegs. In der Schlammschlacht um den Parteivorsitz schlug sich Bisky im vergangenen Jahr offen auf die Seite von Lafontaines Widersacher Dietmar Bartsch.
Am Ende wurden weder Bartsch noch Lafontaine gewählt, die Parteispitze übernahmen stattdessen Katja Kipping und Bernd Riexinger. Diese beiden haben inzwischen wenigstens wieder Ruhe in die einst heillos zerstrittene Partei gebracht. Von Lothar Bisky war zu alledem in der jüngsten Vergangenheit immer weniger zu hören.
Bisky war stets ein Mittler zwischen den Flügeln seiner Partei. Er galt als kultivierter, kluger Mann, schlechter Redner, guter Zuhörer und bekennender Marxist - warmherzig und stur. Bis zuletzt blieb er aber auch ein Freund der klaren Worte, wenn es um die Existenz seiner Partei ging. Den erbitterten Machtkampf im vergangenen Jahr analysierte er mit den Worten, seine Partei sei "von einer Art ideologischer Schweinegrippe befallen".
Bisky hinterlässt zwei Söhne - den Maler Norbert Bisky und den Journalisten Jens Bisky. Sein jüngster Sohn Stephan war Ende 2008 gestorben.
14.08.2013, 09:10 Uhr | t-online.de, dpa, AFP
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