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Sarrazins Buch zur Euro-Krise: Doch der zweite folgt sogleich

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Sarrazins Buch zur Euro-Krise  

Doch der zweite folgt sogleich

25.03.2012, 12:24 Uhr | Ein Kommentar von Martin Eiermann

Sarrazins Buch zur Euro-Krise: Doch der zweite folgt sogleich. In dem zweiten Buch von Thilo Sarrazin geht es um die Euro-Debatte (Quelle: dapd)

In dem zweiten Buch von Thilo Sarrazin geht es um die Euro-Debatte (Quelle: dapd)

Thilo Sarrazin schreibt wieder. Um den Euro soll es dieses Mal gehen – genauer gesagt um die Überflüssigkeit desselben, und um das Wunschdenken, das uns von der Währungslüge in die Wirtschaftskrise katapultiert hat. Das wird man wohl noch sagen dürfen! Hans-Olaf Henkel darf sich schon einmal auf die Aussicht einstellen, bald vom Thron des Kritiker-Olymp gestoßen zu werden. Immerhin, so lässt uns der Verlag wissen, werde das Buch nichts weniger erreichen, als die verquere und verquaste Euro-Debatte endlich vom Kopf auf die Füße zu stellen. An großen Worten mangelt es offensichtlich schon heute nicht. Auf ZEIT Online schreibt Adam Soboczynski:

Wagen wir in Unkenntnis des Buches einen kühnen Blick ins Werk: Der Euro, wir ahnten es schon, ist bei Sarrazin womöglich der neue Migrant. Der Euro ist schließlich eine Art wurzelloser Kosmopolit. Wenn uns der Migrant noch nicht ganz abgeschafft hat durch Vermehrung – der Euro, indem er sich partisanenhaft in allen Ländern einnistete, wird unseren Untergang besiegeln.

Erscheinen soll das Werk am 22. Mai. Uns bleiben also ziemlich genau zwei Monate, um zu überlegen, ob und wie man am besten über Thilos zweiten Streich berichten sollte: Vorabdruck einfädeln oder totschweigen? Titelseite oder Redaktionsklo? Frei jeder Polemik – davon wird es noch genug geben, entweder von einem zu neuerlicher Höchstform auflaufenden Herrn Sarrazin, von seinen Claqueuren oder Kritikern daher ein paar erste Gedanken:

Fünf Gedanken zum Journalismus

1. Wenn ganz Deutschland über ein Thema redet, dürfen die Medien nicht schweigen Stimmt. Das konsequente Totschweigen unliebsamer Themen ist generell das Markenzeichen zensierter Staatspressen. Doch der Grad zwischen der Befriedigung eines berechtigten Informationsbedürfnisses und einer hochgezüchteten Scheindebatte ist schmal und rutschig. Eine Frage, die zu stellen es sich lohnt: Wäre eine Debatte vergleichbar lebendig, wenn die Medien ihr weniger Raum zugestehen würden? Je deutlicher die Antwort auf diese Frage ausfällt, desto eher schließt sich der tautologische Kreis: Die Medien berichten, weil jeder über ein Thema spricht, das es überall zu lesen gibt. An dieser Stelle wird es daher im Mai keinen weiteren Sarrazin-Text geben.

2. Viele Menschen stehen dem Euro skeptisch gegenüber Vielleicht. Zustimmung oder Ablehnung sind jedoch keine an sich validen Qualitätsmerkmale einer Argumentation. Es macht Sinn, stattdessen zwischen guten und schlechten Argumenten zu unterscheiden. Ein Konsens auf Basis schwacher Argumente ist kein Grund, eine Idee (oder eine Währung) ad acta zu legen. Der aufklärerische Auftrag der Medien fußt direkt auf dieser Feststellung: Journalismus bedeutet (unter anderem), Licht ins argumentative Dunkel zu bringen. Die zweite Frage lautet daher: Führt die Berichterstattung dazu, dass mehr Menschen mehr vom Thema verstehen?

3. Vielen Menschen fehlt der Durchblick – wir suchen Halt in klaren Thesen Mag sein. Klare Thesen allein sind jedoch kein Grund, ein Buch oder einen Autor zu loben (siehe Punkt 2). Die Eurokrise scheint ein Paradebeispiel zu sein für eine Debatte, die sich schlecht auf unbedingte Eindeutigkeiten reduzieren lässt. Hat Griechenland bei der Aufnahme falsche Zahlen angegeben? Hat der regulative Mechanismus versagt? Haben Rating-Agenturen und Finanzinvestoren das existente Risiko ignoriert? Hat Griechenland davon profitiert? Hat Deutschland davon profitiert? Ja zu allen Fragen – mit seitenweise Kleingedrucktem. Über viele Monate schien die Berichterstattung zur Euro-Krise unter anderem daran zu kranken, dass den darüber schreibenden Redakteuren genauso der finale Überblick zu fehlen schient wie den Politikern, über die sie schrieben. Daher die dritte Frage: Lässt sich das Thema auf klare Thesen reduzieren? Und falls nein: Wie gehen wir um mit Menschen, die trotzdem auf die rhetorische Pauke hauen?

4. Berichterstattung ist nicht gleich Zustimmung Absolut. Wer als Redakteur bei The European allen von uns veröffentlichten Beiträgen zustimmen kann, ist hoffnungslos schizophren. Der Journalismus lebt unter anderem davon, mehr zu sein als ein Verstärker für die Meinung der jeweiligen Journalisten. Das bedeutet jedoch nicht, dass alle Meinungen gleich wichtig sind, gleich viel mediale Aufmerksamkeit für sich beanspruchen können, oder neutral behandelt werden sollten. Wer sich zurückzieht auf die Aussage des sagen-dürfen-müssens, verweigert sich der eigentlichen Diskussion. Jede Idee muss sich zu behaupten lernen (siehe Punkt 2), jeder Autor und jede Intention kann prinzipiell kritisiert werden. Daher die Frage: Lässt sich eine Berichterstattung von einer Stellungnahme zur selbigen trennen? Und was bleibt, wenn Neutralität keine Option ist?

5. Erst lesen, dann schreiben Jawohl. Die letzte Sarrazin-Debatte krankte sicherlich nicht nur an den kruden Ansichten des Autors, sondern ebenfalls an den in das Buch hineininterpretierten Angeblichkeiten. Man muss Sarrazin zum Euro sicherlich nicht lesen, um über die Währungskrise diskutieren zu können. Man sollte es allerdings schon lesen, wenn das Buch oder der Autor zum Gegenstand der Diskussion werden. Nur wer sein Ziel klar im Blick hat, kann es auch sicher anpeilen. Soll heißen: Wer das Buch kritisieren will, muss sich noch zwei Monate gedulden. Und kann bis dahin schon einmal die Waffen schärfen.

Martin Eiermann: Er ist als Leitender Redakteur Mitglied der Chefredaktion von The European und verantwortlicher Redakteur der englischsprachigen Seite. Eiermann studierte von 2006 bis 2010 neuere Geschichte und politische Philosophie an der Harvard University. Seit Herbst 2011 lebt er in London und studiert an der London School of Economics and Political Science.

Quelle: The European

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