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Günter Grass kritisiert Israel: Sein Erstschlag

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Günter Grass kritisiert Israel  

Sein Erstschlag

05.04.2012, 13:51 Uhr | Ein Kommentar von Christian Böhme

Günter Grass kritisiert Israel: Sein Erstschlag. Das umstrittene Gedicht von Günter Grass (Quelle: dpa)

Das umstrittene Gedicht von Günter Grass (Quelle: dpa)

Ach ja, die Welt kann so herrlich einfach sein. Vorausgesetzt, man hat ein unerschütterliches Welt- und Feindbild. Weiß genau, wo das Gute zu Hause ist und wo das Böse wohnt. Und kennt die großen wie die kleinen Teufel dieser Erde. Günter Grass, immer noch Deutschlands Großschriftsteller und selbst ernanntes Gewissen der Nation, ist ein derartiger Allwisser. Einer, der gerne selbstverliebt den Finger hebt, um Klage zu führen, ja anzugreifen.

Einseitige Kritik

Dieses Mal bekommt Israel den blindwütigen Zorn des bald 85-jährigen Paten zu spüren. Per Prosagedicht holt Grass zum „lyrischen Präventivschlag“ gegen den jüdischen Staat aus. „Was gesagt werden muss“ heißt das Pamphlet – es hätte in Stammtischmanier auch „Man wird ja noch mal sagen dürfen …“ überschrieben sein können –, das am Mittwoch in mehreren bekannten Zeitungen erschienen ist.

Die neun Strophen sind der Beitrag des Literaturnobelpreisträgers zur Debatte um den Atomkonflikt mit dem Iran. Diese 69 Zeilen inhaltlich einseitig zu nennen, wäre eine ungerechtfertigte Untertreibung. Vielmehr handelt es sich um ein Sorge heuchelndes Machwerk, das in Wirklichkeit Jerusalem als gefährlichen Kriegstreiber denunziert. „Warum sage ich erst jetzt, gealtert und mit letzter Tinte: Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden?“, schreibt der Dichter. Und er weiß, wohlfeiler Beifall ist ihm hierzulande sicher.

Dabei ist das die falsche Frage. Sie müsste eigentlich lauten: Was treibt einen Mann wie Grass an, einen derartigen, zumal gefährlichen Unsinn der Welt kundzutun? Die Antwort könnte lauten: Der Moralist nimmt seine Rolle als Warner wahr, meint es nur gut mit den Juden, will das Schlimmste verhindern, fürchtet eine atomare Katastrophe. Die Antwort könnte aber ebenfalls lauten: Der ältere Herr hat ein Problem mit Juden und dem Staat Israel. Ist er womöglich, wie der Publizist Henryk M. Broder schreibt, der „Prototyp eines gebildeten Antisemiten“? Mag sein, sicher ist jedoch, dass Grass’ Philippika auf dumpfeste Art und Weise gängige Ressentiments bedient. Und die handeln davon, dass Israel das größte Übel für diese Welt ist.

Nun kann man trefflich darüber streiten, ob ein Militärschlag Jerusalems gegen Teherans Atomanlagen sinnvoll oder sinnlos wäre. Auch ein deutscher Schriftsteller, der erst im fortgeschrittenen Alter in einer Autobiografie etwas verdruckst einräumte, dass er am Ende des Zweiten Weltkriegs Mitglied der Waffen-SS war, darf dazu eine Meinung haben. Er kann auch monieren, dass Israels Kernwaffenarsenal keiner Kontrolle und Prüfung untersteht. Unbenommen.

Iran-Kritik sucht man vergebens

Infam ist es allerdings, wenn nur auf die eine Seite eingeschlagen, die andere ohne Wenn und Aber dagegen entlastet wird – kontrafaktische Geschichtsschreibung wie aus dem propagandistischen Lehrbuch. Denn der Lübecker Literat verschweigt beflissentlich, dass Irans Führung in Person von Präsident Ahmadinedschad schon mehrfach dem „zionistischen Gebilde“ mit Vernichtung gedroht hat. Dass Israels Existenz von den iranischen Machthabern immer wieder infrage gestellt wird. Dass die Mullahs Terrorbanden wie Hamas und Hisbollah tatkräftig unterstützen. Dass das Regime jede Form von Opposition gewaltsam unterdrückt.

All das kommt Grass nicht in den Sinn. Stattdessen geht er hinter angeblichen Denkverboten in Deckung, geriert sich als mutiger Tabubrecher. Das liest sich dann so: „Warum schweige ich, verschweige zu lange, was offensichtlich ist und in Planspielen geübt wurde (…)“. Oder so: „Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes“, gemeint ist Israels geheim gehaltenes nukleares Potenzial, „dem sich mein Schweigen untergeordnet hat, empfinde ich als belastende Lüge.“ Sätze, die nur rhetorisches Mittel zum Zweck sind. Denn Grass gibt den selbstlosen Aufklärer, den aufrichtigen Wahrheits-Sager. „Ich schweige nicht mehr, weil ich der Heuchelei des Westens überdrüssig bin.“ Eitler geht es kaum.

Das Gedicht ist zudem auf einer etwas subtileren Ebene von bestürzender Ehrlichkeit. Es soll uns Deutsche entlasten. Die historische Schuld des Holocaust, sie dient als Vehikel, um frisch, fromm, fröhlich und vor allem frei Politik in deutschem Namen zu betreiben. U-Boote made in Germany für ein martialisches Land wie Israel? Geht gar nicht. Da sei bundesrepublikanische, den Frieden heiligende Verantwortung vor. Und Oberinquisitor Günter Grass.

Grass liefert den Erstschlag

Das allein wäre schon schlimm genug, es kommt jedoch noch selbstzufriedener, noch entlarvender. Denn derjenige, der kein gutes Haar an Israel lässt, schützt vor, ein Freund zu sein. Einer, der die Lehren der Geschichte ernst nimmt. „Warum aber schwieg ich bislang? Weil ich meinte, meine Herkunft, die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist, verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit dem Land Israel, dem ich verbunden bin und bleiben will, zuzumuten.“ Ja, es muss sehr an Grass genagt haben, nicht schon vor langer Zeit gegen die Politik des jüdischen Staates zu Felde gezogen zu sein. Aber nun hat er sich von diesem Zwang befreit. Auf dass ihm die vielen Feinde Israels zujubeln mögen.

So wird es kommen. Und die nicht wenigen Hassprediger werden auf Günter Grass als ach so integren Gewährsmann verweisen. Weil es endlich mal gesagt werden musste Allein das müsste den einstmals großen Schriftsteller beschämen. Ebenso wie sein eigenes Gedicht. Mit wohlgesetzten, arglos harmlos daherkommenden Sätzen macht Grass aus Israel einen kriegslüsternen Dämon. Wenn das kein Erstschlag ist.

Christian Böhme arbeitete acht Jahre lang beim Tagesspiegel. Dann bekam er das Angebot, Chefredakteur der „Jüdischen Allgemeinen“ Wochenzeitung zu werden und nahm es an. Böhme half dem Blatt, das 2003 aus Geldknappheit nur vierzehntäglich erschien, aus der Krise und arbeitete dort bis Oktober 2011. Beim „Tagesspiegel“ war er Chef vom Dienst und zwischenzeitlich auch Leiter des Ressorts Politik.

Quelle: The European

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