Startseite
Sie sind hier: Home > Nachrichten >

Wallraffs GLS-Reportage: Paketbombe

...

Wallraffs GLS-Reportage

Paketbombe

01.06.2012, 12:53 Uhr | von Stefan Gärtner

Jetzt geht’s los: Erst wenn Wallraff kommt, ist ein Skandal ein Skandal. (Quelle: dapd)

Jetzt geht’s los: Erst wenn Wallraff kommt, ist ein Skandal ein Skandal. (Quelle: dapd)

Dass Fernsehen dumm mache, ist an dieser Stelle ja erst widerlegt worden, und der am Mittwochvormittag so lobend erwähnte 20.15-Uhr-Fernsehfilm (ARD) war am Mittwochabend immerhin so mittelmäßig, dass es zur parallelen Lektüre eines (schlechten) Romans langte. Und nach der Entscheidung, vor dem „Ausschalten“ (Peter Lustig) der Höllenmaschine noch einmal bei der privaten Konkurrenz nach dem Rechten zu sehen, schloss tatsächlich Günter Wallraff die Lücke bis zu „Tagesthemen“ und „heute journal“, die ausnahmsweise parallel liefen, was angenehm war, wenn man sich zwar einerseits Stoff für seine politische Wühlarbeit besorgen muss, aber andererseits auch nicht unbedingt den dicken Sigmund Gottlieb (CSU bzw. Bayerischer Rundfunk) ertragen will, wie er vor Begeisterung über seinen neuen Bundespräsidenten und dessen Reise nach Jerusalem sich fast ins Höschen macht.

Dann jedenfalls Wallraff auf RTL: „Günter Wallraff deckt auf“, und zwar das, was ein Kollege vom NDR vor einem halben Jahr schon aufgedeckt hatte, die skandalösen Zustände im Paketgewerbe nämlich, bloß dass der Reporter vom NDR nicht halb so verkleidet aussah, wie Wallraff immer aussieht, und seine Sendung irgendwann um Mitternacht ausgestrahlt wurde, Wallraff aber fast noch zur Prime Time. So viel, nebenbei, zum öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag, der sich so wohltuend vom privaten Gelärme abhebt.

Die Reportage vom NDR über Sklavenbedingungen bei UPS, Hermes und auch DHL hatte damals so gut wie keinen interessiert, für Wallraff, der sich des Großversenders GLS annahm, interessierten sich alle: „Es ist“, fasste der Medienchef der „FAZ“, Michael Hanfeld, zusammen, „nicht die erste Reportage über die Usancen im Zustellungsgewerbe, doch muss man Günter Wallraff anrechnen, dass er die nötige Aufmerksamkeit zu schaffen versteht, die es braucht, um skandalöse Zustände wirklich in Angriff zu nehmen und nicht mit einem Schulterzucken zur Tagesordnung überzugehen… Dieses Paket ist angekommen.“

Weil nämlich die Kanzlerin, wie vermutet werden darf, viel eher RTL als NDR guckt und nun also durchgreift, einen Mindestlohn verordnet oder wenigstens mal einen Referenten fragt, ob die Gesetze gegen Scheinselbstständigkeit (das sind die Fahrer bei GLS nämlich: Scheinselbstständige, die als Pseudo-Unternehmer unter Umgehung der Sozialleistungen für GLS schuften, bei totaler Abhängigkeit und vollem unternehmerischen Risiko) vielleicht auch mal zur Anwendung kommen

Am Ende ist er doch wieder bloß der Neger

Ein Schelm, wer annimmt, GLS werde und könne das locker aussitzen, weil die Hartz-Gesetze nämlich für genau die verzweifelten Massen sorgen, die sogar solche Jobs noch freudig annehmen, und höchst instruktiv, dass direkt über der Fernsehkritik von Wallraffs neustem Streich bei „Spiegel online“ freudig von „Boom“ und „Jobwunder“ die Rede war: es ist dieser Art, das Wunder. Wie viel die Aufdeckung von Skandalen durch Organe, die selbst zum täglichen Skandal nach Kräften beitragen, wert ist, mag jeder selbst entscheiden, und Wallraff, der die Paketstory (im Paket gewissermaßen) auch noch dem „Zeit-Magazin“ verklopfte, hatte gegen einen anderen Skandal übrigens nichts einzuwenden: dass RTL es nämlich für angezeigt hielt, die Wortbeiträge der Betroffenen nicht-deutscher Abkunft sämtlich zu untertiteln, und zwar ungeachtet der Tatsache, dass die GLS-Opfer mit ghanaischen, griechischen oder türkischen Wurzeln mehrheitlich gutes, fließendes Deutsch sprachen.

Da muss einer, der in Ghana Lehrer war, in Deutschland für drei Euro in der Stunde Pakete herumfahren, und wenn er im Fernsehen dann seinen Fall zur Sprache bringen darf, ist er vor einem Publikum, das Franz Josef Wagner für Hochsprache hält, doch wieder bloß der Neger. Direkt unter der Fernsehkritik zu Wallraff lesen wir bei „Spiegel online“ zu einem ganz anderen Thema: „Das Thema Rassismus ist noch nicht abgeschlossen“.

Muss Wallraff sich halt wieder mal verkleiden.

Stefan Gärtner ist Jahrgang 1973, studierte Geisteswissenschaftliches in Mainz und New York und war von 1999 bis 2009 Redakteur beim endgültigen Satiremagazin „Titanic”. Gärtner schreibt neben dem monatlichen Politessay fürs Hausblatt Bücher, Kritiken, Glossen und Witze. Druckfrisch liegt vor: „Deutschlandmeise. Streifzüge durch ein wahnsinniges Land“ (Atrium).

Quelle: The European

01.06.2012, 12:53 Uhr | von Stefan Gärtner

Liebe Leser, bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel kommentieren zu können. Mehr Informationen.

Kommentare

0

Diesen Artikel...

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre Adresse an.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht

Wählen Sie aus dem Pull-Down-Menü Ihren gewünschten Ansprechpartner aus. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail
Nachricht
Anzeige
Video des Tages
Überschwemmungen in den USA 
Feuerwehrauto kämpft gegen Wassermassen

Einsatzkräfte müssen in Colorado hohes Wagnis eingehen. zum Video

Fotos des Tages
Freche Moderation 
Frivole Zungenakrobatik mit Barbara Schöneberger

Salonfähig, oder nicht? Moderatorin verausgabt sich bei TV-Aufzeichnung. mehr

Aus dem All 
Satellitenbild der Woche

Wie Außerirdische die Erde sehen würden. zur Foto-Serie

Wetter 
Deutschlandwetter

Am Sonntag im Süden unbeständig, im Norden vorübergehend freundlich. Die neue Woche startet wechselhaft. Deutschlandwetter

Glücksspiel 
Die aktuellen Gewinnzahlen

10, 21, 22, 23, 30, 40 Superzahl 2 (Alle Angaben ohne Gewähr). Jetzt online spielen!

Bundestagswahl 2013 
Diese Wahlwerbespots sollten Sie kennen

Abschaffung der Lohnsteuer oder Schuluniformen: Was die Parteien in ihren Spots fordern. Video

Bundestagswahl 2013 
Wen Sie am 22. September wirklich wählen sollten

Der Wahl-O-Mat zur Bundestagswahl sagt Ihnen, welche Partei Ihre Positionen am besten vertritt. mehr

Shopping 
Schrei vor Glück: Schuhe, Mode u.v.m. von Topmarken

Jetzt die neuen Kollektionen bei zalando.de entdecken - Versand gratis. zum Zalando-Special

Anzeige
Partner
Finden Sie Ihren Traumjob
 

Foto-Serien und Videos
Shopping
Shopping 
Hier geht's App: iPad und Co. ersetzen das Notebook

Tablet-PCs in verschiedenen Größen von allen Topmarken - jetzt zu Knallerpreisen bei eBay.de.

Shopping 
Versandkostenfrei bestellen: Weinpaket inkl. Gläser!

7 Flaschen Aurora + 2 Weingläser nur 49,- € statt 91,20 €. Jetzt zugreifen auf Hawesko.de.

Shopping 
Tintenpatronen jetzt auf Rechnung kaufen

Mit Tiefpreisgarantie: Patronen für Canon-, Epson- und HP-Drucker. bei druckerzubehoer.de

tchibo.deOTTObonprix.deZalandoBAURCECILCONRADWeltbild.deDouglas
THEMEN VON A BIS Z

Anzeige