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Eine Deutsche in Frankreich: Tellement Allemande!

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Eine Deutsche in Frankreich  

Tellement Allemande!

20.12.2012, 14:35 Uhr | Ein Kommentar von Romy Straßenburg, The European

Eine Deutsche in Frankreich: Tellement Allemande!. Das deutsch-französische Verhältnis (Quelle: imago)

Das deutsch-französische Verhältnis: kein Misstrauen, höchstens ein paar Klischees (Quelle: imago)

„Berlinoise de l’Est“, Ostberlinerin. Wer mich in Frankreich nach meiner Nationalität fragt, bekommt das automatisch zu hören. Die Kombination „Kindheit in der DDR“ und „derzeit angesagteste europäische Metropole“ macht offensichtlich Eindruck. Auch scheint es mir vielsagender, irgendwie geheimnisvoller als die naheliegende Antwort „Deutsche“. Wahrscheinlich habe ich Angst, so zu enden wie meine Kollegin, eine stets krittelnde, beflissene Landsmännin. Über sie heißt es im französischen Kollegenkreis nicht selten: „Elle est tellement allemande!“ – „Sie ist so deutsch

Reise zurück in die Republik, nicht in die französische, nein, die deutsche demokratische. Dort wurde ich am 1. September 1989 an der Polytechnischen Oberschule in der Allee der Kosmonauten eingeschult, quasi auf den Champs-Élysées von Berlin-Marzahn.

Klassenreise in die Vogesen und nicht mehr in den Kaukasus

Dass ich 20 Jahre später in Paris leben und arbeiten würde, wäre meinen Eltern kaum in den Sinn gekommen. Heute mögen sie sich mitunter fragen: Wozu dieser nunmehr vier Jahre dauernde Selbstfindungstrip am Seineufer? Haben wir nicht schon genug mit unserer eigenen deutsch-deutschen Identitätssuche zu tun? Vielleicht aber hängen das deutsch-deutsche und das deutsch-französische Mentalitätenwirrwarr zusammen?

Einerseits beschäftigen wir letzten Pioniere uns neuerdings oft mit der Frage, was denn die „Dritte Generation Ost“ auszeichnet. In den ersten Wendejahren fiel es uns – aber mehr noch unseren Eltern – merklich schwer, mit der eigenen 
Vergangenheit Frieden zu schließen. Im bundesrepublikanischen Geschichts- und Politikunterricht erzählte man uns indes von einer geglückten Friedensschließung. Da fielen Namen wie Konrad Adenauer, Charles de Gaulle, Valéry Giscard d’Estaing, Helmut Schmidt und François Mitterrand.

Auf jeden Fall konnte man schwerlich übersehen, dass da in den letzten 40 Jahren irgendwas im Busch gewesen sein musste zwischen den beiden Rheinufern. Man hat dann an fast allen Ost-Schulen den Russischunterricht abgeschafft, Französisch wurde zur zweiten Fremdsprache. Jetzt war auch den letzten Ossi-Kindern klargeworden, dass unsere Briefpartner nicht mehr Aljoscha, sondern Jacques oder Louis heißen würden und die Klassenreise nicht in den Kaukasus, sondern in die Vogesen gehen würde.

Zu dieser Zeit bereiste ich mit meinen Eltern all jene europäischen Länder, die noch kurz davor unerreichbar gewesen waren. Mit diesem aufregenden, plötzlich so riesiggroßen Europa wurden wir schnell warm. Nur langsam mit der neuen alten BRD. Vielleicht war es gerade deshalb für mich so bequem, sich an den europäischen Einigungsgedanken anzukuscheln. In der Schule gepriesen und naheliegend bei Elternhaus und Freundeskreis, wo jede Form von Deutschtümelei verpönt war.

Und dann – das Abitur rückte näher – stand er da! Der deutsch-französische Zug, mit all seinen institutionalisieren Ebenen der Zusammenarbeit. Im 1.-Klasse-Abteil gab es den Rundum-Service: Austauschprogramme, einen deutsch-französischen Fernsehsender, Sprachkurse, Praktika … Irgendwie war alles da. Besonders auf beruflicher Schiene war es das denkbar beste Transportmittel und brachte mich mit ein paar Zwischenstopps nach Paris. Räumlich zog ich weg von Deutschland, und trotzdem war es auch ein Weg zur 
Beschäftigung mit diesem merkwürdigen Wesen namens „nationale Identität“.

Real existierendes Hand-in-Hand-Gehen

In Frankreich erfuhr ich, wie es ist, sich über Nationalstolz keine Sorgen zu machen, sich einer „Grande Nation“ zugehörig zu fühlen, sich auf künstlerische, geistige und sogar militärische Leistungen seiner Vorfahren zu berufen. Bis heute bin ich 
genervt, wenn mir in Deutschland jemand mit Nationalstolz kommt. Doch das Singen der Marseillaise berührt mich an manchem französischen Feiertag. Der Sturm auf die Bastille, der Louvre oder die Werke von Voltaire machen Frankreich zu einer großen Nation. Das Größte an ihr ist in meinen Augen aber die ausgestreckte Hand für Deutschland nach Jahrzehnten der Feindschaft.

Das real existierende Hand-in-Hand-Gehen löst heute bei vielen Langeweile aus. Die meisten Bürger, abgesehen von Bewohnern der Grenzregionen, begeistern sich kaum für die Rheinnachbarn. Für viele ist die deutsch-französische Kooperation auf eine überschaubare Elite beschränkt. Die Achse Paris-Berlin ist demnach „nur“ eine politische Realität – notwendige Zweckehe ohne heiße Liebesnächte. Während des französischen Präsidentschaftswahlkampfes sprach man aber plötzlich wieder feurig von Deutschland. Das Land, das man wahlweise als Segen oder Fluch für die ökonomische Zukunft Frankreichs heraufbeschwor. Das Land, das angeführt von einer unbestechlichen protestantischen Mutti und dank seiner Wirtschaftsmacht die Grande Nation zum Sitzenbleiber degradiert.

Satiriker und einige geschichtsvergessene Politiker schürten alte Ängste vor Wilhelminismus und „deutschem Einmarsch“. Zur eigenen Beruhigung schickte ich meine Journalistenschüler zu einer Umfrage über die Deutschen auf Pariser Pflaster. Sie kamen zurück mit Antworten über schnelle Autos, Techno, Berlin und „Good-Bye, Lenin“. Puh!

Die gemeinsame Reise hat sich gelohnt

Mag sein, zwischen den Menschen hat sich eine gewisse Gleichgültigkeit breitgemacht. Mag sein, das Interesse an der Sprache des Nachbarn hat abgenommen. Und trotzdem: Uns jungen Deutschen werden heute in Frankreich weder Misstrauen noch Feindschaft begegnen. Im schlimmsten Fall haben wir ab und zu mit ein paar Klischees, mit ein wenig Spott zu tun, ja „sooo deutsch“. Doch am Ende hat sich die gemeinsame Reise der letzten 50 Jahre gelohnt, für Franzosen, für West- und Ostdeutsche. Sie sind sich gegenseitig, aber auch sich selbst nähergekommen. Am Ende fährt die Ostberlinerin in einem deutsch-französischen Zug weiter zwischen Paris und Berlin. Doch auf dem Fahrschein steht in großen Lettern „Europa“.

Dieser Beitrag ist in der Printausgabe 1/2013 des The European enthalten.

Darin finden Sie u.a.: Weitermachen, der Weltuntergang fällt aus: Lesen Sie, wie sich die Menschheit gegen Asteroiden, Pandemien und Co. zur Wehr setzt. Außerdem: Warum die SPD-Troika den Sozialdemokraten schadet und welche Wirtschaftsweisheiten 2013 endgültig in den Papierkorb der Geschichte gehören.

Über die Autorin:

1983 in Berlin geboren und dort aufgewachsen, wechselte Romy Straßenburg 2009 die Hauptstadt. In Paris arbeitet sie seitdem als freie Journalistin für deutsche und deutsch-französische Medien. 2008 erhielt sie zusammen mit ihrer französischen Kollegin Eva Joly den deutsch-französischen Journalistenpreis für das Blog-Projekt „Generation 80“.

Quelle: The European

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