Sie sind hier: Home > Politik > Specials > Klima & Umwelt >

Klimawandel: Saubere Luft macht Europa wärmer

...
t-online.de ist ein Angebot der Ströer Content Group

Klima-Hotspot Europa  

Saubere Luft macht Europa wärmer

13.04.2008, 16:09 Uhr | Spiegel Online

Von Volker Mrasek

Die Simulation mit dem Hamburger Aerosol-Modell zeigt, dass die Strahlungszunahme in Watt pro Quadratmeter und Jahr in Europa am höchsten ist. (ETH Zürich, M. Wild / MPI Hamburg)Die Simulation mit dem Hamburger Aerosol-Modell zeigt, dass die Strahlungszunahme in Watt pro Quadratmeter und Jahr in Europa am höchsten ist. (ETH Zürich, M. Wild / MPI Hamburg) Waren das noch trübe Zeiten! Autos verfeuerten schwefelhaltiges Benzin, Kraftwerke und Industrieöfen schwefelreiche Kohle. Europa lag unter einer Dunstglocke aus Sulfat-Schwebteilchen - Aerosolen. Als saurer Regen rieselten die Staubpartikel zur Erde zurück und setzten dem Wald zu. Das war in den siebziger Jahren. Heute ist einiges anders: Die Autokraftstoffe sind schwefelarm, Kraftwerke gibt es nur noch mit Rauchwäscher und auch der saure Regen ist kein Thema mehr. Doch die erfolgreichen Luftreinhaltemaßnahmen haben eine unbeabsichtigte Nebenwirkung, die erst jetzt deutlich hervortritt. Weil die Atmosphäre über Europa immer sauberer wird, schlägt die Klimaerwärmung auf dem Kontinent umso stärker durch.

Zum Durchklicken So wird das Klima in Deutschland
Interaktive Grafik Die neun Schlüsselstellen des Weltklimas
Zum Durchklicken Geschichte des Klimawandels

Treibhausgase nicht allein schuld

Die schwindenden Staubschleier sind offensichtlich der Grund dafür, dass sich Europa noch kräftiger aufheizt als andere Regionen in mittleren Breiten. Seit 1980 ist die durchschnittliche bodennahe Lufttemperatur zwischen Bosporus und Biskaya um ein ganzes Grad Celsius gestiegen – doppelt so stark, wie man erwarten dürfte. Warum das so ist, war bis zuletzt umstritten. Treibhausgase können den Trend bestenfalls zur Hälfte erklären. Doch jetzt glauben Klimaforscher aus der Schweiz, Deutschland und den USA, durch Messdaten und Modellsimulationen erstmals schlüssig belegen zu können: Es liegt vor allem am Aderlass der Aerosole.

Klimaanlage funktioniert nicht mehr

Die Sulfatpartikel wirken wie ein Sonnenfilter: Sie reflektieren die kurzwellige Solarstrahlung und schicken sie in den Weltraum zurück. Dadurch kommt weniger Energie in der bodennahen Luftschicht an. Doch weil die Konzentration der schwefligen Trübstoffe stark rückläufig ist, funktioniert die kühlende Klimaanlage nicht mehr richtig – Europa läuft heiß. Für Martin Wild von der ETH Zürich passt das alles zusammen: "Wir haben weniger Aerosole in der Atmosphäre, mehr Strahlung an der Erdoberfläche und eine übermäßige Zunahme der Temperatur." Auf der Jahrestagung der Europäischen Geophysikalischen Union in Wien wird der Klimatologe und Atmosphärenforscher in der kommenden Woche darlegen, dass der Trend anhält: Während in fernen Weltregionen wie Indien und Zentralafrika die Luft noch immer schmutziger wird und das Licht am Boden dimmt, hellte sich Europa zuletzt stark auf.

Luftverschmutzung bremste Erwärmung

Gemeinsam mit dem US-Geophysiker Joel Norris vom Scripps-Institut für Ozeanografie berechnete Wild die Veränderungen der Strahlungsbilanz. Mitte der achtziger Jahre gab es demnach eine große Zäsur. Vorher, als die Luft noch richtig Schwefel atmete, ging der Energiefluss zum Boden um etwa drei Watt pro Quadratmeter und Jahrzehnt zurück. Nach 1986 aber, als die Luftreinhaltung Wirkung zeigte und die Atmosphäre wieder transparenter für Sonnenlicht wurde, nahm der Strahlungsfluss um circa zwei Watt pro Quadratmeter und Jahrzehnt zu. "Durch die starke Luftverschmutzung wurde die Klimaerwärmung in Europa vorübergehend kompensiert", erläutert Johann Feichter, Leiter der Arbeitsgruppe "Aerosole, Wolken, Klima" am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg. Dort wurde ein spezielles Aerosol-Simulationsmodell entwickelt, auf das auch Wild zurückgreift.

Schwebteilchen begünstigen Wolkenbildung

Sulfat-Schwebteilchen greifen nicht nur direkt in den Strahlungshaushalt ein. Als Kondensationskeime kurbeln sie zusätzlich die Bildung von Wassertröpfchen und Wolken in der Luft an. Das bedeutet: Sie haben auch einen indirekten Klimaeffekt, da helle Wolkenoberflächen gleichfalls kurzwelliges Sonnenlicht reflektieren. Das macht die Sache kompliziert. Noch immer gebe es viele offene Fragen über die Wirkung der Schwefelaerosole, beklagt denn auch der Welt-Klimarat IPCC in seinem jüngsten Sachstandsbericht. Einigermaßen sicher ist er sich aber darin, dass dem indirekten Effekt eine größere Bedeutung zukommt.

Widerspruch zum Klimarat

"Unsere Ergebnisse stehen im Widerspruch zum IPCC", sagt dagegen Rolf Philipona vom Schweizer Wetterdienst Meteoswiss. Gemeinsam mit seinem Kollegen Christian Ruckstuhl, der heute in Kalifornien forscht, analysierte der Physiker Messdaten von acht norddeutschen und 25 Schweizer Wetterstationen. In ihnen wird seit rund 20 Jahren regelmäßig die optische Dichte von Aerosolen gemessen – ein Maß für die Trübung der Atmosphäre. "Wir haben erkannt, dass die Strahlungszunahme am Boden bei einem wolkenlosen Himmel wesentlich größer ist als bei einem bewölkten", sagte Philipona. Der direkte Einfluss der Schmutzpartikel sei etwa fünfmal größer als der indirekte, folgert der Meteoswiss-Experte aus den Daten. Das zeige, dass die Aerosole "eine wirklich wichtige, unmittelbare Rolle" im europäischen Klimageschehen spielten.

Hintergründe zum Klimawandel (Montage: T-Online)Hintergründe zum Klimawandel (Montage: T-Online)

Effekt wirkt im Frühjahr und Sommer

Dem würde auch Geert Jan van Oldenborgh nicht widersprechen. Der Physiker vom Niederländischen Wetterdienst (KNMI) befasst sich ebenfalls intensiv mit dem Klimawandel in Europa. Doch schränkt er ein: Der Aerosol-Effekt mache sich nicht das ganze Jahr über bemerkbar, sondern vornehmlich im Frühjahr und Sommer. Dann sind die Tage lang und Strahlungseffekte naturgemäß groß. "Aber auch die Temperaturen im Herbst und Winter sind schneller gestiegen als erwartet", betont van Oldenborgh. Hier bedürfe es anderer Erklärungen, meint der Klimaforscher.

Mehr warme Luft vom Atlantik

Es gibt zwar eine KNMI-Studie zu diesem Aspekt. Doch weil sie noch nicht veröffentlicht ist, wollen sich die Niederländer im Moment nicht näher über ihre Ergebnisse äußern. Man darf annehmen, dass Veränderungen der Luftzirkulation in der kalten Jahreszeit eine entscheidende Rolle spielen: Es häufen sich Westwetterlagen, die warme Luft vom Atlantik nach Europa transportieren; parallel dazu schwächen sich kalte sibirische Hochs ab.

Wetterextreme sind unausweichlich

Viel sauberer wird Europas Luft übrigens nicht mehr werden – weder im Sommer noch im Winter. "Die Aerosol-Konzentration stabilisiert sich inzwischen", wie Martin Wild beobachtet. Und Meteoswiss-Mann Philipona ist überzeugt, "dass es diese Temperaturzunahme, wie man sie in den achtziger Jahren in Europa hatte, nicht mehr geben wird". Ein Grund zur Entwarnung ist das allerdings nicht. Es gibt ja noch die Treibhausgase. Ihre Zunahme in der Atmosphäre wird die Erwärmung auf jeden Fall weiter forcieren. Die Deutsche Meteorologische Gesellschaft geht davon aus, dass die mittlere Lufttemperatur hierzulande im Jahr 2040 sogar um 1,7 Grad Celsius über dem vorindustriellen Wert liegt. Eine Häufung von Hitzewellen, Sturmfluten und anderen Wetterextremen sei unausweichlich.

UN-Klimabericht Düstere Aussichten
Animierte Grafik Die globale Erderwärmung

Liebe Leserin, lieber Leser, aktuell können zu diesem Thema keine neuen Kommentare abgegeben werden. Ab 6 Uhr können Sie hier wieder wie gewohnt diskutieren. Wir danken für Ihr Verständnis.
Liebe Leser, bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel kommentieren zu können. Mehr Informationen.

Kommentare

(0)
Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail
Anzeige
News-Video des Tages


Anzeige
shopping-portal
Das Unternehmen
  • Ströer Digital Publishing GmbH
  • Unternehmen
  • Jobs & Karriere
  • Presse
Weiteres
Netzwerk & Partner
  • Stayfriends
  • Erotik
  • Routenplaner
  • Horoskope
  • billiger.de
  • t-online.de Browser
  • Das Örtliche
  • DasTelefonbuch
  • Erotic Lounge
Telekom Tarife
  • DSL
  • Telefonieren
  • Entertain
  • Mobilfunk-Tarife
  • Datentarife
  • Prepaid-Tarife
  • Magenta EINS
Telekom Produkte
  • Kundencenter
  • Magenta SmartHome
  • Telekom Sport
  • Freemail
  • Telekom Mail
  • Sicherheitspaket
  • Vertragsverlängerung Festnetz
  • Vertragsverlängerung Mobilfunk
  • Hilfe
© Ströer Digital Publishing GmbH 2017