
14.04.2010, 08:10 Uhr | Von Marc Pitzke, Spiegel Online
Pulitzerpreis: Erstmals wurde eine Website ausgezeichnet (Bild: "ProPublica"/ "New York Times Magazine")
Erstmals hat eine Website den legendären Pulitzer-Preis gewonnen: Die Recherche-Seite "ProPublica" erhielt die Auszeichnung für eine New-Orleans-Reportage nach "Katrina". Doch die Preisvergabe für ein Online-Medium kann nicht über die Krise der gesamten Pressebranche hinwegtäuschen.
Der Qualitätsjournalismus ist gerettet. Der World Room, Festsaal der Journalism School an der New Yorker Columbia University, wo am Montag die Pulitzerpreise verkündet wurden, atmete still auf. Kurz zuvor, um Punkt 15 Uhr Ortszeit, hatten sich die Reporter auf die blauen Mäppchen mit den Preisträgernamen gestürzt, hastig darin geblättert und erleichtert festgestellt, dass ein Name fehlt: "National Enquirer".
Manchmal ist News das, was nicht passiert. Das US-Klatschblatt "National Enquirer" hatte sich dieses Jahr für einen Pulitzerpreis beworben, die Krone des US-Journalismus. Dazu hatte Chefredakteur Barry Levine die Enthüllungen seiner Postille über die Sexaffäre von John Edwards eingereicht, des damaligen Präsidentschaftskandidaten der Demokraten.
Das Establishment echauffierte sich. Eine Schundpostille in direkter Konkurrenz mit der "New York Times" und der "Washington Post"? Jener bunte Fetzen, der seine Informanten bezahlt und diese Woche mit der Schlagzeile "Tiger Woods hatte Sex mit Nachbarstochter" prahlt, in einem Atemzug mit den Titanen, die ihren Ruhm auf Watergate und Pentagon-Recherchen stützen? Was für eine Anmaßung!
Dass sich der "Enquirer" 2007 als erste Zeitung überhaupt an den Edwards-Skandal wagte, während alle anderen noch pikiert die Finger davon ließen, ignorierten die Kritiker. Auch, dass die Spürnasen Recht behielten: Edwards entpuppte sich als pathologischer Lügner.
"Ein historischer Schritt", triumphierte Levine, als das Pulitzer-Auswahlgremium seine Doppelbewerbung in zwei Preiskategorien - "Investigativer Journalismus" und "Nationale Nachrichten" - widerwillig akzeptierte. Dazu ließ er, in bewährter "Enquirer"-Masche, eine Fotomontage von Edwards abdrucken, in der Hand zwei der begehrten Pulitzer-Medaillen.
Zu früh gefreut. Die Preisrichter nahmen den "Enquirer" - der sich zum siebten Mal beworben hatte - am Ende nicht mal in die engere Auswahl. Die Würdigung aller Kandidaten enthielt kein einziges Wort über das bunte Supermarkt-Blättchen.
Auch Jury-Chef Sig Gissler, ein weißhaariger Journalismusprofessor und Ex-Chefredakteur, hielt sich zurück. "Ich kann nur sagen, dass dies ein harter Wettbewerb ist", sagte er etwas säuerlich, als er die Namen der Sieger in jenem nach der "New York World", der Zeitung des legendären Verlegers und Schulgründers Joseph Pulitzer, benannten Raum verlas. "Sich bewerben allein ist keine große Leistung. Du füllst ein Formular aus und zahlst 50 Dollar."
Die Sensation mit dem Sensationsblatt blieb also aus, dafür gab es immerhin eine kleine Überraschung: Erstmals gewann eine Online-Publikation die mit 10.000 Dollar dotierte, höchste Journalistenehre Amerikas.
"ProPublica", eine 2008 gegründete, gemeinnützige Recherchegruppe, wurde für ihre Ermittlungen über ein Krankenhaus im vom Hurrikan "Katrina" überschwemmten New Orleans ausgezeichnet. Das interaktive Multimedia-Paket von Autorin Sheri Fink, entstanden in Zusammenarbeit mit dem "New York Times Magazine", beeindruckte die Jury so sehr, dass sie es extra in eine weniger stark besetzte Pulitzer-Kategorie verschob, um ihm eine Chance zu geben.
"ProPublica"-Chefredakteur Paul Steiger, der einst das "Wall Street Journal" leitete, nannte diesen bisher größten Erfolg der privat finanzierten Website "ein schlagkräftiges Beispiel dafür, weshalb 'ProPublica' gegründet wurde - um möglichen Machtmissbrauch oder Vernachlässigung des öffentlichen Interesses aufzudecken". "ProPublica", das erste unabhängige Rechercheprojekt dieser Art in den USA, unterhält einen Newsroom mit 32 Redakteuren in Manhattan. Es konzentriert sich auf "Geschichten von moralischer Kraft", weil die in Zeiten der Medienkrise immer seltener würden.
Ein zweiter Online-Preis - eine Sparte, die erst zum fünften Mal überhaupt Beiträge einreichen durfte - ging ans andere Ende der USA. Der kalifornische Karikaturist Mark Fiore gewann für seine Animationscartoons, die auf SFGate.com erschienen, der Website des "San Francisco Chronicle"; dessen Print-Ausgabe ist vom Notverkauf oder totalem Aus bedroht.
"Was macht man, wenn man einen Pulitzer gewinnt?", reagierte der völlig überraschte Fiore. "Hart weiterarbeiten oder sich eine Woche freinehmen?" Fiore verkündete, mit dem Preisgeld sein Badezimmer zu renovieren.
Doch trotz der zwei Preise ist es zur Anerkennung der Internetkonkurrenz noch weit hin. In einer kürzlichen US-Umfrage erklärten sich nur 77 Prozent der Zeitungsleser bereit, für Online-Angebote zu zahlen. Und eine aktuelle Studie des Branchenblatts "Columbia Journalism Review" ergab, dass die Qualität des Web-Journalismus in den USA noch "deprimierend" hinter dem der Print-Produkte hinterherhinke.
Zwei von 21 Pulitzerpreisen - das ist ja auch immer noch ein ziemlich bescheidener Anteil für die Web-Reporter. Nur 100 der insgesamt 1103 Journalismus-Bewerbungen waren reine Online-Beiträge. Immerhin: Mehr als ein Viertel der Arbeiten und sieben preisgekrönte Artikel enthielten zumindest teilweise Internetmaterial.
"Dies ist etwas, was wir in den kommenden Jahren öfters sehen werden", sagte der Jury-Vorsitzende Gissler. "Zeitungen haben eine harte Zeit hinter sich." So oder so, eins stehe fest: Die Pulitzerpreise zeigten auch dieses Jahr wieder "die hohe Qualität des Journalismus in diesem Land".
Eine Branche in der Existenzkrise klopft sich selbst auf die Schulter. Dabei mussten die alten Platzhirsche die Pulitzer-Schlagzeilen diesmal anderen überlassen. Die "New York Times", Jahresrekordhalter mit sieben Preisen in 2002, ergatterte jetzt nur zwei eigene (drei, wenn man den mit "ProPublica" geteilten Preis dazurechnet), die "Washington Post" kam auf vier. "Wir sind selbstverständlich begeistert", erklärte "Post"-Chefredakteur Marcus Brauchli.
Auffallend auch: Die großen Medienthemen des Jahres fehlten fast ganz - Finanzkrise, Obama, Terrorismus. Die Preise gingen an lokale oder regionale Geschichten über Gaspreismanipulation im West Virginia ("Bristol Herald Courier", ein winziges Lokalblättchen), korrupte Cops ("Philadelphia Daily News"), eine Schießerei ("Seattle Times") oder Misshandlungen in Kindergärten ("Milwaukee Journal Sentinel", die einstige Zeitung Gisslers), aufgeschrieben von Redaktionen, die fern der großen nationalen Bühne vor sich hin ackern.
"Die Wächterfunktion des Journalismus wird prominent unterstrichen", zog Gissler die Preisbilanz. "Was würden wir tun, tagein und tagaus, wenn wir keine Zeitungen hätten?" Wahrscheinlich "ProPublica" lesen - oder den "National Enquirer".
Quelle: Von Marc Pitzke, Spiegel Online
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