29.01.2013, 17:03 Uhr | Spiegel Online, t-online.de
Ob sich Angela Merkel über die Nachricht zu dem Nazi-Teppich in ihrem Kanzleramt ärgert oder freut, ist nicht bekannt. (Quelle: dpa)
Raubgut der Nazis im Kanzleramt: 60 Jahre lang schritten die Großen der Großen an ihm vorüber, doch er blieb unentdeckt. Bis jetzt! Laut einem Bericht im "Spiegel" soll ein Wandteppich im Kanzleramt aus der persönlichen Sammlung von "Reichsmarschall" Hermann Göring stammen.
Bei seinen Recherchen stieß der "Spiegel" auf mehr als 2.500 Kunstschätze, die entweder in den Archiven von deutschen Museen lagerten oder als Leihgaben an insgesamt 18 verschiedene Bundesdienststellen gingen. Bei den Wertgegenständen handele es sich um Gemälde, Möbelstücke oder auch Skulpturen, die unter dem nationalsozialistischen Regime in ganz Europa geraubt worden waren.
In den Sammlungen der Museen befinden sich aber auch persönliche Wertgegenstände der Nazi-Größen, wie etwa eine Platinuhr, die Adolf Hitler seiner Eva zum Geburtstag geschenkt haben soll.
Bis 1966 versuchten Bund und Länder die rechtmäßigen Besitzer der Raubgegenstände zu finden. Danach erklärte der damalige Bundesschatzminister Werner Dollinger (CSU) die Nachforschungen als abgeschlossen. "Man habe einen Schlussstrich unter eine leidvolle Angelegenheit gezogen.", zitiert der "Spiegel" Dollinger aus den Archiven.
Die "leidvolle Angelegenheit" ist jedoch nach wie vor alles andere als geklärt: Ein Gros der geraubten Besitztümer konnte immer noch nicht den rechtmäßigen Besitzern oder Erben zugeordnet werden. Zwar beschäftigt der Bund eine „Arbeitsstelle für Provenienzrecherche und Provenienzforschung", doch leidet diese offenbar an einem massiven Personalproblem: Die vier Mitarbeiter der Kommission haben im 60-jährigen Bestehen ihrer Dienststelle gerade einmal 84 Nachforschungsprojekte in den 6.300 deutschen Museen ankurbeln können.
Gerade in Bayern stehen die Ermittler einer unüberschaubaren Masse an möglichem Nazi-Raubgut gegenüber: Eine einzige Fachkraft soll die Herkunft von 4.400 Gemälden und 770 Skulpturen überprüfen.
Der ehemalige Kulturstaatsminister Michael Naumann fordert deshalb die Bundesregierung auf, dem Problem mehr Aufmerksamkeit zu schenken. "Der Gesetzgeber muss die Rückgabeansprüche konkretisieren", sagte Naumann dem Magazin. Um die Nachforschungen effizienter zu gestalten, benötige es vor allem eine Aufstockung des Etats.
Angesichts der "Spiegel"-Enthüllungen dürfte sich die Freude von Frau Merkel jedoch in Grenzen halten. Wie die "Daily Mail" berichtet, soll das Kanzleramt bis zum Ende der Woche von Nazi-Raubgut befreit werden. Was mit dem Teppich geschieht, ist bisher unklar.
Quelle: Spiegel Online, t-online.de
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