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Entführung im Taxi-Kofferraum: Ralph B. gesteht

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"Ich kann nicht mehr. Bitte, bitte, lass mich raus!"

19.01.2012, 16:27 Uhr | Von Hendrik Ternieden

Entführung im Taxi-Kofferraum: Ralph B. gesteht. Ralph B. (rechts) ist wegen Freiheitsberaubung angeklagt, ihm drohen bis zu fünf Jahre Haft (Quelle: dpa)

Ralph B. (rechts) ist wegen Freiheitsberaubung angeklagt, ihm drohen bis zu fünf Jahre Haft (Quelle: dpa)

Der Taxifahrer Ralph B. sperrte Julia H. stundenlang in seinen Kofferraum. Vor Gericht wurden nun die verzweifelten Notrufe der Frau abgespielt. Die 33-jährige Erzieherin ist noch heute von der Gewalttat gezeichnet - und will von einer Entschuldigung nichts wissen.

Die Anruferin klingt hysterisch, in der Notrufzentrale können die Polizisten mithören wie sie einen Fremden anfleht: "Lass mich doch bitte raus, ich hab doch Geld für dich, ich kann doch niemandem etwas sagen. Ich bezahl' dir auch dein Taxi. Mach doch bitte den Kofferraum auf, ich kann nicht mehr, ich kriege keine Luft mehr. Bitte, bitte, bitte!"

Die Frau, deren dramatischer Notruf gerade abgespielt wird, saß zwei Stunden zuvor in Saal 288 des Hamburger Landgerichts: Julia H., 33, Erzieherin, wurde im vergangenen September von einem Taxifahrer in seinen Kofferraum gesperrt und entführt. Wer die Tonbandaufnahmen hört, versteht, warum Julia H. heute sagt, sie sei nicht mehr die gleiche Frau wie vor der Gewalttat.

Der Mann, der dafür verantwortlich sein soll, sitzt zusammengesunken auf der Anklagebank: Ralph B., 57, legt die Hände übereinander und schaut nach unten. Er hat die Tat gleich zu Beginn der Verhandlung eingeräumt. In den frühen Morgenstunden des 4. September 2011 soll er die Frau von der Hamburger Reeperbahn nach Hause fahren. Als er in die entgegengesetzte Richtung abbiegt, beschwert sich Julia H., sie werde den Umweg nicht zahlen. Da stoppt B. den Wagen, steigt aus, zerrt die Frau aus dem Auto und schlägt ihr mit der Faust gegen den Kopf. So schildert es das Opfer; B. sagte der Polizei, er habe sie nicht geschlagen. Fest steht: Er bugsiert Julia H. unsanft in den Kofferraum und fährt weiter.

Seine Kinder reden seit Jahren nicht mit ihm

Ralph B. ist ein etwas buckeliger Mann mit lichtem Haar. Er machte 1976 seinen Ingenieurs-Abschluss an einer staatlichen Schule und arbeitete zehn Jahre lang als Bauleiter, Polier und LKW-Fahrer im Betrieb seines Vaters. Als er sich selbständig machte, ging es abwärts: Zu geschäftlichen Problemen kamen Streitereien mit seiner Frau. 1989 zog er auf den Hof seiner Eltern zurück. Er hatte Angst, seine Familie nicht ernähren zu können und tröstete sich mit Alkohol. Jeden Abend habe er sich vollaufen lassen, sagt B. heute.

1993 meldete er Konkurs an, drei Jahre später wurde die Ehe geschieden. B. scheiterte in den folgenden Jahren noch mehrfach mit eigenen Firmen. Er habe mehr als 500.000 Euro Schulden, sagt er. Seine drei Kinder würden seit Jahren nicht mehr mit ihm reden.

Ralph B. fährt nachts Taxi, seine Schicht beginnt um 18 Uhr und endet um 6 Uhr morgens. Nach Feierabend trinkt er meistens zwei, drei Bier und einen kleinen Wodka. Dann geht er schlafen.

In dieser Verfassung heuert er im September bei einem neuen Unternehmen in Hamburg an. An seinem zweiten Arbeitstag steigt um kurz vor fünf Uhr sein letzter Fahrgast ein: Julia H. "Ich war seiner Wut und seinem Hass ausgesetzt", sagt sie nun vor Gericht.

Mit Hilfe ihrer Aussage, der Abrechnungen des Taxi-Unternehmens und der Notruf-Mitschnitte lassen sich die Ereignisse der verhängnisvollen Nacht weitgehend rekonstruieren - auch wenn Ralph B. sich zur eigentlichen Tat nicht äußern will.

Am Abend des 4. September läuft es nicht gut für den Angeklagten. Er ist schlecht drauf, seine Schultern schmerzen, der automatische Fahrtschreiber springt mehrmals an, obwohl kein Fahrgast einsteigt - das könnte Ärger mit dem Chef bedeuten. Ralph B. geht in eine Kneipe und ordert Whiskey. "10, 12, vielleicht 15" der hochprozentigen Drinks trinkt er nach eigenen Angaben in jener Nacht.

Er hat nicht viele Fahrten in jener Nacht, "vielleicht drei oder vier". Als Julia H. ihn auf den falschen Weg hinweist, sagt er ihrer Aussage zufolge: "Stell dich nicht so an." Sie sei selbstbewusst geblieben und habe nicht locker gelassen, erinnert sie sich. Dann sei alles ganz schnell gegangen.

Todesangst im Kofferraum

Im Kofferraum liegend habe sie den Fahrer fluchen gehört, er habe sie als "Thai-Nutte" beschimpft. Als sie um Hilfe schreit und ihn anspricht, dreht er das Radio lauter. Julia H. denkt, der Taxifahrer wolle sie vergewaltigen. Sie versucht Teile der Innenverkleidung herauszureißen, um sich zu befreien - vergeblich. Etwa eine Stunde dauert nach ihrer Einschätzung die "rasante Fahrt", die sie eingesperrt erdulden muss.

Als der Wagen hält, hat Julia H. Todesangst. "Du kommst nicht raus. Du kannst da drin sterben", soll B. gesagt haben. Sie schwitzt. Sie schreit den Namen ihres Mannes und den ihrer Tochter. Sie fürchtet, dass B. das Auto in einem See versenken will. "Ich dachte, meine letzten Momente sind gezählt". Er habe an dem stehenden Wagen gerüttelt, um sie zu ängstigen.

Tatsächlich stellt B. das Auto vor seiner Wohnung im schleswig-holsteinischen Haslohe ab. Ob er wirklich von einem See spricht oder ob Julia H. sich dieses Horrorszenario einbildet, bleibt unklar.

Sie sei in einem "Schockzustand" gewesen, sagt Julia H. So kommt sie nicht gleich auf die Idee, die Polizei anzurufen. Nach einiger Zeit wählt sie jedoch immer wieder den Notruf. Mal bricht die Verbindung ab, mal wird sie durchgestellt. Mal ist sie ganz ruhig, mal völlig verzweifelt. Eine Polizistin schafft es schließlich, sie zu beruhigen, sie macht ihr Mut: "Du machst das ganz toll", sagt sie. Die Kollegen seien unterwegs, ihr Handy werde angepeilt. H. flüstert nur noch: "Er kommt."

Die Handy-Ortung habe etwa 15 bis 20 Minuten gedauert, sagt ein Hamburger Ermittler. Die Kollegen aus Schleswig-Holstein seien etwas schneller gewesen. Aber mit der Ortung lässt sich nur feststellen, über welchen Mast das Handy funkt - die Ermittler bekommen lediglich einen ungefähren Standort. Sie setzen mehrere Streifenwagen und sogar einen Hubschrauber ein, finden Julia H. aber nicht.

Er habe die Frau noch aus dem Kofferraum befreien wollen, sagt Ralph B., aber er sei betrunken und müde gewesen und die Tür habe sich nicht öffnen lassen.

Julia H. sagt, er sei zweimal zum Auto zurückgekehrt, habe geflucht und sie bedroht: "Ich werde dich töten, du hast es nicht anders verdient." Einmal sind auf dem Notruf-Mitschnitt Schläge zu hören. "Schlägt er auf den Kofferraum?", fragt die Polizistin. Seit fast drei Stunden ist Julia H. nun gefangen. "Wieviel Akku hast du noch?", fragt die Polizistin. "Nur noch ein bisschen." Wenig später - vermutlich zwischen halb neun und neun - geht das Handy aus. Julia H. ist wieder allein.

"Mir ist die Leichtigkeit abhanden gekommen"

Sie hört Hubschrauber und Sirenen, doch niemand kommt. "Da brach eine Welt zusammen", erinnert sie sich. Erst gegen 11.45 Uhr kommt sie frei: Die Eltern des Täters bemerken sie und rufen die Polizei. Die Beamten nehmen Ralph B. in seiner Wohnung fest, bei einem Atem-Alkoholtest wird rund ein Promille festgestellt.

Julia H. kommt ins Universitätsklinikum Eppendorf. Sie hat Prellungen am Rücken und den Beinen und ein Hämatom auf der Stirn. Schlimmer sind die seelischen Verletzungen: Sie bleibt drei Wochen auf der psychiatrischen Abteilung.

Sie leidet noch heute unter den Folgen der Entführung, ist weiterhin in Therapie. Als die Richterin nach ihrem Zustand fragt, liest sie mit stockender Stimme vom Blatt ab. Sie schließe keine Toilettentür ab und gehe im Dunkel nicht mehr aus dem Haus, beim Spielen mit ihrer Tochter könne sie sich nicht einmal unter einer Decke verstecken. Seit der Tat ist die Erzieherin krankgeschrieben. "Mir ist die Leichtigkeit abhanden gekommen", sagt Julia H. "Das macht mich traurig."

Ralph B. hat vor dem Prozess ein Entschuldigungsschreiben an den Anwalt seines Opfers geschickt. Doch die 33-Jährige wollte davon nichts wissen.

Ob sie nicht die Entschuldigung zumindest zur Kenntnis nehmen könnte, es sei für seinen Mandanten sehr wichtig, fragt Verteidiger Rolf Huschbeck am Ende ihrer Aussage. "Nein", sagt Julia H., steht auf, verlässt den Saal und würdigt den Angeklagten keines Blickes.

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