Startseite
Sie sind hier: Home > Nachrichten > Panorama > Justiz >

Prozess um Ermordung von Arzu Ö. aus Detmold eröffnet

...

Bruder gesteht tödliche Schüsse auf Arzu Ö.

30.04.2012, 15:39 Uhr | dpa

Prozess um Ermordung von Arzu Ö. aus Detmold eröffnet. Die Leiche von Arzu Ö. wurde am Rand eines Golfplatzes bei Hamburg gefunden (Quelle: dapd)

Die Leiche von Arzu Ö. wurde am Rand eines Golfplatzes bei Hamburg gefunden (Quelle: dapd)

Im Prozess um den gewaltsamen Tod der jungen Kurdin Arzu Ö. aus Detmold haben drei ihrer Geschwister weitgehende Geständnisse abgelegt. Zum Auftakt vor dem Landgericht Detmold gab einer der vier angeklagten Brüder zu, "die Kontrolle verloren" und seine Schwester Arzu erschossen zu haben.

Foto-Serie: Mordprozess um Arzu Ö.

Ebenso wie die Schwester und ein weiterer Bruder gestand er auch die Entführung der 18-Jährigen im November 2011. Als Tatmotiv gilt für die Anklage, dass Arzus Familie deren Liebesbeziehung zu einem deutschen Bäckergesellen aus religiösen Gründen nicht dulden wollte.

Arzu war im November plötzlich spurlos aus Detmold verschwunden. Zehn Wochen lang suchte die Polizei nach ihr, im Januar wurde ihre Leiche in Schleswig-Holstein entdeckt. Arzu wurde erschossen.

Wollten ihr "nur den Kopf waschen"

Eigentlich hätten sie ihrer jüngeren Schwester nur "den Kopf waschen wollen", um sie zur Vernunft zu bringen, sagte die angeklagte ältere Schwester vor Gericht. Doch dann sei alles anders gekommen. Bei einer Rast in einem Waldstück bei Lübeck seien plötzlich zwei Schüsse gefallen. Sie sei zu ihrem Bruder gelaufen und habe ihn geschüttelt. Er habe etwas in der Hand gehalten, "auf dem Boden lag Arzu".

Zuvor hatte die Angeklagte berichtet, dass Arzu getrunken und Drogen genommen und sich immer mehr von ihrer Familie entfernt habe. Dann sei Arzu von der Familie verprügelt worden und kurz darauf weggelaufen. Die Schwester sagte, sie habe ihre verstoßene Schwester mit aller Macht in die Familie zurückholen wollen.

Geschwister entführten Arzu

Die Staatsanwaltschaft rekonstruiert den Fall wie folgt: In der Nacht zum 1. November 2011 gegen 22.00 Uhr trommelt die ältere Schwester vier ihrer Brüder zusammen. Sie sammeln sich in der Talstraße vor der Wohnung von Alex, Arzus Freund. Kurz nach Mitternacht stürmen sie die Wohnung, einer hat eine Waffe. Arzu wehrt sich, ihr Freund eilt zur Hilfe. Die Angreifer schlagen ihn nieder und tragen die Schwester aus dem Haus. So haben es auch zwei der Brüder geschildert.

Was dann geschah, ist unklar. Lange Zeit sah es sogar so aus, als ob die Staatsanwaltschaft einen Mord ohne Leiche anklagen müsste. Dann, zehn Wochen nach der Tat, wird in Großensee bei Hamburg die übel zugerichtete Leiche einer Frau gefunden. Erst langwierige Untersuchungen bringen die Gewissheit: Es ist Arzu Ö., die mit mehreren Schüssen in den Kopf getötet wurde.

Vor mehr als 25 Jahren kommt die kurdische Familie Ö. nach Deutschland ins lippische Detmold. Mit Fleiß und Anpassungsfähigkeit bringt sie es zu einem Haus, die Kinder sind in der Schule oder im Beruf. Ein Beispiel für eine gelungene Integration, sagt einer der Anwälte.

Die Bäckerfamilie Müller wohnt hundert Meter von der Familie Ö. entfernt. Man sieht sich, manchmal trifft man sich. 2011 jobbt Arzu in dem Laden. Sie verliebt sich in den Bäckergesellen. Ihren Realschulabschluss hat sie versiebt.

Wer war Arzu?

Aus dem Umfeld der Familie heißt es, man habe sich Sorgen gemacht: In der Schule gescheitert, dazu Ärger mit der Polizei. Sie soll in einem Supermarkt geklaut haben. Dann noch die Liebschaft zu Alex. Die Familie ist jesidisch. Bei Jesiden darf es streng genommen keine Ehen außerhalb der Glaubensgemeinschaft geben.

Kathrin Sander zeichnet ein anderes Bild der jungen Frau. Sie ist die Schwiegertochter des Bäckers, sie kannte Arzu seit gut neun Jahren. "Arzu war immer nett, freundlich und hilfsbereit. Ich kann nichts Schlechtes über sie sagen."

Ende August ist ein Fall "häuslicher Gewalt" bei der Polizei in Detmold aktenkundig. Arzu soll von Familienmitgliedern verprügelt worden sein. Sie flieht ins Frauenhaus, schneidet sich die langen schwarzen Haare kurz und färbt sie blond. Und sie heißt jetzt Emily Ostermann. Der Bruch mit der Familie scheint perfekt.

Im Frauenhaus lernt sie Katharina S. kennen. Das ist nicht deren richtiger Name, aber die Frau will sich und ihr kleines Kind schützen. "Arzu lebte zwischen zwei Welten", sagt sie. "Sie hatte sich damit abgefunden, sich von ihrer Familie zu lösen." Zwei, drei Wochen vor ihrem Verschwinden habe sie Andeutungen gemacht, erzählt Katharina S.: "Sie sagte: Wenn ich mal plötzlich weg bin, dann bin ich tot oder in der Türkei und zwangsverheiratet."

In der Anklage ist von "ehrbezogenen Motiven" die Rede. Telin Tolan findet das gefährlich. "Das war keine Ehrentat", sagt der Vorsitzende des Zentralrats der Jesiden. "Das ist nicht unser Verständnis von Ehre, das war unehrenhaft."

"Sie wollte einfach westlich leben"

Vor wenigen Tagen wäre Arzus 19. Geburtstag gewesen. Sie wollte ihre Schule beenden. Sie wollte bei ihrem Freund sein. "Sie wollte einfach westlich leben", sagt Kathrin Sander. "Für Liebe kann man ja nichts."

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre Adresse an.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht

Wählen Sie aus dem Pull-Down-Menü Ihren gewünschten Ansprechpartner aus. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail
Nachricht
Anzeige
Video des Tages
Schwergewicht Panther 8x8 
Mega-Maschine kämpft gegen Flammen

Es ist eines der modernsten Löschfahrzeuge und kostet knapp eine Million Euro. Video

Anzeige
Skurriler Weihnachtsbrauch 
Übergewichtige Stubentiger als Wetterpropheten

Beim Katzenwiegen in Sachsen wird das Felltier zur Messlatte für das Winterwetter. mehr

Drei-Tages-Wettervorhersage

Anzeige


Anzeige