Startseite
Sie sind hier: Home > Nachrichten > Panorama > Katastrophen & Unglücke >

Fukushima: Die Unsicherheit nach dem Super-GAU

...

Fukushima: Die Unsicherheit nach dem Super-GAU

28.12.2011, 14:30 Uhr | dapd, dpa

Fukushima: Die Unsicherheit nach dem Super-GAU. Die zerstörten Reaktoren des Atomkraftwerks in Fukushima (Quelle: dpa)

Die zerstörten Reaktoren des Atomkraftwerks in Fukushima (Quelle: dpa)

 

In Japan dürfte es kaum jemanden mehr gewundert haben: Am 11. Dezember wurde bekannt, dass Meiji, eine Firma für Baby-Milchpulver, schon seit Mitte November vor radioaktivem Cäsium in ihren Produkten gewarnt worden war. Zurückgerufen wurde das Milchpulver jedoch erst am 6. Dezember. "Wir werden solche Tipps von nun an mit größerer Sensibilität behandeln", versicherte ein Meiji-Sprecher umgehend. Doch da war es schon zu spät. Wieder einmal waren im Zusammenhang mit dem Atomunfall von Fukushima unangenehme Fakten vertuscht worden - wie schon so oft seit dem 11. März 2011, dem Tag, als der Super-GAU begann.

Ein Erdbeben und ein fast 15 Meter hoher Tsunami hatten das AKW-Gelände Fukushima-Daiichi im Nordosten Japans getroffen und nahezu komplett von der Außenwelt getrennt. Folgenschwer war vor allem, weil ohne Stromversorgung - also ohne Kühlung - die vier Reaktoren außer Kontrolle zu geraten drohten. Drei gewaltige Wasserstoff-Explosionen in den folgenden fünf Tagen waren die Folge. Schon früh wussten Experten und Umweltschützer, dass Kernschmelzen unvermeidlich seien. Schließlich war der Kernbrennstoff viele Stunden ungekühlt gewesen. Doch die verantwortliche Firma Tepco gab das erst im Mai zu, und das auch nur nach und nach.

Besonders in den ersten Tagen nach dem Tsunami wurde viel Radioaktivität freigesetzt - über die Luft, etwa bei den Explosionen, und über die unzähligen Tonnen Wasser, die zur Kühlung aus dem Meer geholt wurden und - verstrahlt - ihren Weg aus den Reaktoren wieder hinausfanden.

Entschädigungen aus staatlichem Hilfstopf

Noch immer sind deshalb rund 100.000 Menschen aus der Umgebung evakuiert. Noch immer ist unklar, ob und wann diese Anwohner wieder zurückkehren können - oder ob die Gegend bis auf weiteres unbewohnbar bleibt. Derzeit dekontaminieren rund 900 Soldaten die verwaisten Städten Namie, Naraha, Tomioka und Iitate. In Strahlenschutzanzügen und mit Atemmasken reinigen sie Gebäude mit Hochdruckreinigern und tragen Grasflächen ab.

Systematisch entschädigt werden die Anwohner seit Oktober. Da begann die Firma Tepco mit regelmäßigen Auszahlungen von rund 850 Euro pro Betroffenem und Monat, den er nicht zu Hause verbringen kann. Das Geld kommt aus einem staatlichen Hilfstopf.

Doch auch außerhalb der 20-Kilometer-Sperrzone werden immer wieder erschreckend hohe Strahlenwerte registriert. Viele Familien sind aus der Region weggezogen, weil sie die Radioaktivität auf ihren Grundstücken und auf Spielplätzen fürchten. Inwieweit auch sie entschädigt werden, ist noch nicht geklärt.

Landwirtschaft für Jahrzehnte unmöglich

Völlig ungewiss ist auch, welche wirtschaftliche Zukunft die agrarisch geprägte Region hat. Mitte November etwa kam das Fachblatt "Proceedings of the National Academy of Sciences" zu dem Schluss, abgelagertes Cäsium aus dem AKW Fukushima mache die Nahrungsmittelproduktion in den östlichen Provinzen Japans noch mehrere Jahrzehnte lang unmöglich. Die Böden seien dort teilweise mit weit mehr als 2500 Becquerel pro Kilogramm verseucht. Das liegt über dem offiziellen Grenzwert für Ackerbau und Viehzucht.

Dabei hatte die Präfektur Fukushima erst im Oktober ihren Reis für "sicher" erklärt. Im Nachhinein muss das in den Ohren der Bewohner wie Hohn klingen. Immer wieder jedenfalls muss sich die Regierung Kritik gefallen lassen, dass sie kein flächendeckendes Radioaktivitäts-Kataster anlegt, und dass hohe Strahlenwerte nur zögerlich an die Öffentlichkeit kommen.

"Stabiler Zustand" - oder?

Auch wie es um die havarierten Reaktoren steht, ist noch längst nicht geklärt. Zwar hat die Regierung am 16. Dezember den "stabilen Zustand" verkündet. Die Temperaturen in den Reaktoren lägen unter dem Siedepunkt, und der Druck sei innen so hoch wie außerhalb. Doch vor allem der Zustand des Kernbrennstoffs ist nach wie vor unklar. Die Reaktoren öffnen und begutachten kann man angesichts der Strahlenwerte noch über Jahre nicht. Man weiß nicht, wie viel Schmelzmasse wo liegt, und wie heiß sie immer noch ist. "Je mehr der Schmelze konzentriert am Boden liegt, desto schlechter kann man sie kühlen", erklärt Christoph Pistner, Physiker am Öko-Institut.

Immerhin: Je länger das Abschalten der Reaktoren her ist, desto geringer wird die Nachzerfallswärme. "Das heißt, jeden Tag wird die Wahrscheinlichkeit geringer, dass es schnell zu größeren Problemen kommt, falls doch noch einmal die Kühlung ausfällt", sagt Pistner.

Auch mit der Sicherung der angeschlagenen Gebäude geht es voran. Block 1 ist mittlerweile von einer Hülle umgeben - damit es nicht hereinregnet, und damit radioaktiver Staub nicht mehr nach außen gelangt. Das marode Abklingbecken von Block 4 - wochenlang die Hauptsorge - ist mittlerweile mit einem Korsett aus Stahlträgern vor dem Einsturz geschützt.

Doch auch nach allen Stabilisierungsmaßnahmen ist Fukushima-Daiichi ein gefährlich strahlendes Gelände: Am Messpunkt südlich des Hauptgebäudes liegt die Radioaktivität derzeit bei 280 Mikrosievert pro Stunde und damit immer noch rund 3000 mal höher als an einem durchschnittlichen Messpunkt in Deutschland.

Fukushima will keine Atomreaktoren mehr

Derweil plant die Unglücksprovinz in Fukushima eine Zukunft ohne Atomreaktoren. Die Zentralregierung in Tokio und der Atombetreiber Tepco sollten alle zehn Atomreaktoren in der Provinz abschaffen, heißt es in einem von der Präfektur verabschiedeten Wiederaufbauplan. Sechs Reaktorblöcke befinden sich im schwer beschädigten Atomkraftwerk Fukushima-Daiichi, die anderen im AKW Fukushima-Daini. Durch den Wiederaufbau und die Entwicklung Fukushimas hoffe man, dass die aus der Provinz geflohenen Bewohner, besonders die Jüngeren, ermutigt werden, wieder zurückkommen, wurde der Gouverneur der Provinz, Yuhei Sato, zitiert.

Der neue japanische Regierungschef Yoshihiko Noda spricht sich für eine langfristige Reduzierung der Abhängigkeit von der Kernenergie sowie den Ausbau erneuerbarer Energien aus. Allerdings will sich Noda - anders als sein Vorgänger Naoto Kan - nicht auf einen kompletten Ausstieg aus der Atomkraft festlegen. Japan sei zumindest noch bis 2030 darauf angewiesen.

 
Liebe Leser, bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel kommentieren zu können. Mehr Informationen.
Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre Adresse an.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht

Wählen Sie aus dem Pull-Down-Menü Ihren gewünschten Ansprechpartner aus. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail
Nachricht
Anzeige
Video des Tages
Unglaubliche Begegnung 
Wal nimmt Kajakfahrer Huckepack

Der Meeressäuger taucht plötzlich unter dem Kajak auf. Video

Erstaunlich dünn 
Haarige Angelegenheit, die leckerer ist, als es ausschaut

Was wie Wolle aussieht, wärmt den Körper jedoch von innen. mehr

Drei-Tages-Wettervorhersage

Shopping 
Sale: Bis zu 50 % Rabatt auf BRAX-Damenhosen sichern!

Die Frühjahrs-/ Sommerkollektion reduziert - versandkostenfrei im BRAX-Online-Shop. im Special

Anzeige


Anzeige