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Fall Trayvon Martin: Todesschütze Zimmerman taucht ab

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Todesschütze Zimmerman taucht ab

11.04.2012, 09:43 Uhr

Fall Trayvon Martin: Todesschütze Zimmerman taucht ab. Zimmerman auf einem Polizeivideo (Ende Februar) (Quelle: AP/dpa)

Zimmerman auf einem Polizeivideo (Ende Februar) (Quelle: AP/dpa)

 

Der Fall des getöteten US-Teenagers Trayvon Martin spitzt sich zu: Todesschütze George Zimmerman ist untergetaucht, seine Anwälte weigern sich, ihn weiter zu vertreten. Die Justiz will sich bis Freitag zu einer möglichen Anklage äußern - die Behörden fürchten eine gewaltsame Eskalation.

Der Mandant ist verschollen. "Ich bin mir nicht sicher, was er macht oder mit wem er spricht", sagt Rechtsanwalt Craig Sonner. "Ich habe den Kontakt zu ihm verloren." Ob er wenigstens wisse, wo er sei? Sicher nicht mehr in seinem Heimatstaat: "Sie können aufhören, ihn in Florida zu suchen. Suchen Sie viel weiter weg."

Mit dieser beispiellosen Szene schlug die Geschichte des erschossenen schwarzen US-Teenagers Trayvon Martin am Dienstagabend unerwartet eine neue Kapriole. Denn der Mandant, den Craig Sonner bis dahin vertrat, ist George Zimmerman - jenes Bürgerwehr-Mitglied, das den 17-jährigen Martin Ende Februar in Florida mit einem Schuss aus nächster Nähe umgebracht hat.

Todesschütze nicht mehr auffindbar

Der Fall, der in den USA eine Welle der Empörung ausgelöst und unterschwellige rassistische Spannungen gezeigt hat, wird damit nur noch sensationeller. Der sich auf Floridas Notwehrgesetz berufende Zimmerman, 28, bleibt unbehelligt auf freiem Fuß - und ist jetzt aber ganz untergetaucht.

Das jedenfalls sagen seine bisherigen Anwälte Sonner und Hal Uhrig, die ihr Mandat am Dienstag auf einer hastig einberufenen Pressekonferenz niederlegten. Sie könnten Zimmerman nicht länger "ethisch" vertreten, sagten sie vor dem Gerichtsgebäude von Sanford, dem Brennpunkt des Dramas.

Seit Sonntag hätten sie nichts mehr von Zimmerman gehört, erklärte Sonner. Er beantworte weder Anrufe noch E-Mails. Seinen Aufenthaltsort könnten sie nur im Gröbsten bestätigen: "Er ist in den Vereinigten Staaten."

Eigenmächtiges Handeln

Diese jüngste Eskalation trifft auf eine ohnehin schon immer ominösere Entwicklung. Sonderstaatsanwältin Angela Corey hatte am Montag darauf verzichtet, die Akte an ein Geschworenengericht abzugeben. Am Dienstagabend, kurz nach dem Auftritt der Anwälte, kündigte sie binnen 72 Stunden eine Pressekonferenz an, wahrscheinlich um dabei schnellstmöglich bekanntzugeben, ob sie selbst nun Anklage erhebt oder nicht - und eine Flucht Zimmermans notfalls noch zu vereiteln.

Denn dass der Todesschütze ausgerechnet jetzt von der Bildfläche verschwindet und seine Anwälte öffentlich ihre Mandate niederlegen, nährt die immer wilderen Spekulationen nur - und die lange gärende Wut auf beiden Seiten.

Nach den Worten Sonners agiert Zimmerman mittlerweile auf eigene Faust. So habe er am Dienstag versucht, die Sonderstaatsanwältin ohne Wissen seiner Anwälte zu kontaktieren. Außerdem habe er mit Sean Hannity telefoniert, dem Star-Anchorman des konservativen TV-Senders Fox News, der Sympathien für seinen Fall gezeigt hat. Hannity bestätigte das, gab aber keine Auskunft über den Inhalt des Gesprächs.

Plumpe Verteidigung im Internet

"Es kann sein, dass er keine vollständige Kontrolle mehr hat", sagte Uhrig über Zimmerman, dem er ein posttraumatisches Trauma zuschrieb. "Wir sorgen uns um sein emotionales und physisches Wohlergehen."

Und so gerät dieser Fall zusehends zur Justiz-Groteske. Ein weiterer Grund, weshalb Zimmerman seinen Rechtsbeistand verlor: Übers Wochenende hatte er eine Website eingerichtet, auf der er sich plump verteidigte - auch das ohne Wissen der Anwälte, die ihm sicher abgeraten hätten.

Die Website ist laienhaft-rudimentär und war am Dienstag teilweise nicht abrufbar. Auf ihr bezeichnet Zimmerman die Todessschüsse auf Martin als ein für ihn "lebensveränderndes Ereignis", das ihn zum "Subjekt intensiver Berichterstattung in den Medien" gemacht habe: "Ich wurde gezwungen", klagt er, "mein Haus, meine Schule, meinen Arbeitgeber, meine Familie und schließlich mein gesamtes Leben aufzugeben." Worte des Bedauerns für den Tod des Teenagers findet er jedoch keine.

Schlimmer noch: Ein Link auf der Website führt zu einem Bild von Graffiti ("Lang lebe Zimmerman"), mit dem Unbekannte vorige Woche ein schwarzes Kulturzentrum in Ohio beschmiert hatten - und wofür sich Zimmerman jetzt ganz offen bedankt: "Thank you." Über einen Link zur Bezahl-Website PayPal buhlt er zugleich um Geldspenden. Deren Verwendungszweck: "Lebenshaltungskosten und Rechtshilfe."

"Sind wir ein Pulverfass? Sicher"

Auch die Lage in Sanford selbst ist langsam explosiv, glaubt man den lokalen Medien. Vertreter beider Seiten haben sich dort demnach geradezu verbunkert, in Erwartung der Entscheidung der Sonderstaatsanwältin.

Auf der einen Seite: Tausende schwarze Aktivisten und Bürgerrechtler, die dort seit Wochen Protestmärsche veranstalten. Auf der anderen Seite behauptet eine Neonazi-Gruppe, auch sie patrouilliere inzwischen: Man müsse "weiße Bürger in der Gegend, die um ihre Sicherheit fürchten, beschützen", sagte Jeff Schoep, der berüchtigte Führer des National Socialist Movements, dem "Miami Herald". Hinzu kommt, dass die militante Schwarzengruppe New Black Panthers auf Zimmerman ("Mörder von Trayvon Martin") ein Kopfgeld von 10.000 Dollar ausgesetzt hat.

Die Behörden wollten die Neonazi-Präsenz zwar nicht bestätigen. Trotzdem steht Sanfords Bürgermeister Jeff Triplett in Dauerkontakt mit dem US-Justizministerium. Auch seien Polizei und Feuerwehr verstärkt worden. "Sind wir ein Pulverfass? Sicher", sagte Triplett. "Wir planen für das Schlimmste und hoffen auf das Beste."

Der Fall spaltet das Land

Schon haben Demonstranten stundenlang das Polizeipräsidium blockiert. Unbekannte feuerten mehrere Schüsse auf einen leeren Streifenwagen ab, der in der Nähe der Siedlung geparkt war, in der Martin umkam.

Der Fall spaltet die USA inzwischen ähnlich wie vor fast 20 Jahren die Mordanklage gegen den schwarzen Footballstar O.J. Simpson. Einer aktuellen Gallup-Umfrage zufolge halten die meisten Schwarzen Zimmerman für schuldig - doch nur elf Prozent der befragten Weißen.

Weitere rassistisch motivierte Morde

Die öffentliche Meinung, so analysiert Gallup die Zahlen, offenbare "die gleiche Art von Rassenspaltung" wie 1995 die Umfragen zum Simpson-Prozess. Auch Kolumnist Charles Blow kommentiert diese Parallele in der "New York Times": "Der Fall Trayvon Martin schafft einen neuen O.J.-Simpson-Moment für Amerika."

Und er lenkt das Schlaglicht auf andere, rassistisch gefärbte Straftaten, die sonst vielleicht untergegangen wären. So töteten zwei weiße Männer am Freitag drei Schwarze und verletzten zwei weitere, als sie in einem Schwarzenviertel in Tulsa in Oklahoma aus ihrem Truck heraus auf Passanten schossen.

Die Täter haben gestanden, ihre Motive bleiben vorerst aber unklar. Bekannt ist, dass einer von ihnen, der 19-jährige Jacob England, einen Schwarzen für den Mord an seinem Vater vor genau zwei Jahren verantwortlich gemacht hat.

 
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