22.11.2012, 14:44 Uhr | dapd, dpa
Der des sexuellen Missbrauchs verdächtige Pfleger an der Charité ist in der Vergangenheit bereits drei Mal auffällig geworden (Quelle: dapd)
Im Zuge der Ermittlungen um den mutmaßlichen sexuellen Missbrauch einer 16-jährigen Patientin durch einen Pfleger an der Berliner Charité sind weitere Verdachtsfälle bekannt geworden. Das räumte der Vorstandschef des Krankenhauses, Karl Max Einhäupl, ein.
Die bisherigen internen Recherchen ergaben demnach, dass der Pfleger, der bereits seit 40 Jahren an der Charité arbeitet, bereits früher aufgefallen sein soll. Er war zunächst in der Kinderonkologie tätig, seit 2008 in der Rettungsstelle. Nach derzeitigen Erkenntnissen erinnerten sich Mitarbeiter an drei Übergriffe, die aber bisher nicht näher bezeichnet wurden. Sie sollen länger als fünf Jahre zurückliegen. Akten gebe es dazu aber nicht, sagte Einhäupl. Er will die Informationspolitik der Charité nun "vom Kopf auf die Füße" stellen.
Die Berliner Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen ein. "Wir ermitteln mit Hochdruck", sagte der Sprecher der Anklagebehörde, Martin Steltner. Der Fall sei nicht einfach, da der Übergriff schon vor mehr als einer Woche passiert sei. "Beweismittel wie DNA-Spuren gibt es leider nicht mehr", sagte Steltner. "Darum müssen wir uns vor allem auf Zeugenaussagen zurückgreifen - etwa die der mutmaßlich Geschädigten."
Steltner wollte die späte Auskunft der Charité nicht kommentieren. "Wir wurden am Mittwoch von dem Rechtsvertreter der Charité über den Fall unterrichtet." Dem sei ein Auskunftsersuchen der Staatsanwaltschaft vorausgegangen. Gesetzlich sei die Charité nicht verpflichtet gewesen, den Fall zu melden. "Darum hat sie sich auch nicht strafbar gemacht. Anders sieht es aus, wenn jemand von einem geplanten Verbrechen weiß und das nicht anzeigt."
Das Mädchen war vergangene Woche wegen einer akuten Erkrankung in der Rettungsstelle der Kinderklinik am Campus Virchow aufgenommen worden. Für kurze Zeit war sie dann allein mit dem Pfleger, zuvor habe das Mädchen Beruhigungsmittel genommen, hieß es. Der Pfleger soll ihr beim Ausziehen der Hose geholfen und sie dabei unsittlich berührt haben.
Die 16-Jährige habe anschließend ihre Eltern informiert, diese sprachen jedoch erst am folgenden Nachmittag mit dem zuständigen Arzt darüber. Nach dem Bekanntwerden des jüngsten Vorfalls wurde der Pfleger sofort beurlaubt.
Eine Anzeige der Eltern der 16-Jährigen oder der Charité lägen nicht vor, so Steltner. "Wir haben von Amtswegen ein Verfahren eingeleitet." Dabei stehe vor allem der aktuelle Fall im Vordergrund, sagte Steltner. Aussagen von Kollegen des Pflegers, auch in der Vergangenheit habe es Grenzüberschreitungen des Mannes im Umgang mit Kindern gegeben, müssten mit Vorsicht geprüft werden. "Im Hinblick auf etwaige weitere Fälle müssen wir uns hüten, voreilige Schlüsse zu ziehen."
Unterdessen hat der Präsident der Berliner Ärztekammer, Günter Jonitz, die Klinikführung in Schutz genommen. Sie bemühe sich nach Kräften um ein besseres Risikomanagement, sagte Jonitz im Inforadio des RBB. Aber es handele sich um die größte Universitätsklinik in Europa, was die Aufgabe erschwere.
Die Berliner Charité ist die medizinische Fakultät der Freien Universität Berlin und der Humboldt-Universität. Mit knapp 13.000 Mitarbeitern an vier Standorten gehört sie zu den größten Arbeitgebern der Hauptstadt.
Inzwischen hat das Uniklinikum eine Telefon-Hotline eingerichtet. Besorgte Eltern und Angehörige sowie Mitarbeiter könnten mit psychologischen Fachkräften sprechen, teilte die Charité mit.
Quelle: dapd, dpa
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