01.01.2013, 17:17 Uhr | dpa, AFP, dapd, t-online.de
Der grausame Tod einer mehrfach und stundenlang vergewaltigten Studentin hat Indien in Aufruhr versetzt. Tausende ziehen wütend durch die Straßen nicht nur in der Hauptstadt Neu Delhi; drei Männer wollten die Tat durch einen Bombenanschlag auf das Haus eines der Täter rächen.
Nach Angaben der Polizei hatten sie vergeblich versucht, einen Sprengsatz in der Nähe des Hauses in Neu Delhi zu legen. Die Polizei nahm einen 37-Jährigen in der Nähe der Slum-Siedlung Ravi Dass Camp fest, in der vier der sechs mutmaßlichen Täter beheimatet sind, berichtete die Nachrichtenagentur IANS.
Anwohner des Slums im Süden Neu Delhis hatten die Polizei alarmiert, nachdem die drei Männer damit gedroht hatten, das Haus in die Luft zu sprengen. Zwei von ihnen konnten fliehen. Die Polizei stellte zwei Sprengsätze sicher, die aus Chemikalien gebastelt waren, die normalerweise für Feuerwerkskörper verwendet werden.
Der Tod der vergewaltigten Inderin schlägt in ihrer Heimat auch abgesehen von diesem vereitelten Angriff hohe Wellen. Die regierende Kongresspartei denkt Medienberichten zufolge über einen Gesetzesvorstoß nach, demzufolge Vergewaltiger chemischen kastriert werden dürfen. Dieser Schritt gehöre zu einem Katalog schärferer Strafen, die diskutiert würden, berichtete unter anderem die "Economic Times" und berief sich dabei auf Parteikreise. Die oppositionelle hindu-nationalistische BJP forderte die Todesstrafe für Vergewaltiger.
Die 23-jährige Studentin war am 16. Dezember in einem Bus in Neu Delhi von sechs Männern brutal vergewaltigt, unter anderem mit einer Eisenstange misshandelt und schließlich nackt aus dem Fahrzeug geworfen worden. Der Freund der Studentin wurde verprügelt und schwer verletzt. Am vergangenen Samstag erlag die junge Frau schließlich in einem Krankenhaus in Singapur ihren Verletzungen, am Sonntag wurde sie in Neu Delhi eingeäschert.
Sechs Männer sind für die Tat wegen Mordes angeklagt. Nach Angaben des Innenministeriums müssen sie mit der Todesstrafe rechnen - was auch die Familie der jungen Frau fordert. Die Todesstrafe wird in Indien in der Regel aber nur selten vollstreckt. Der Vorfall löste in dem Subkontinent eine Diskussion über sexuelle Gewalt gegen Frauen aus und führt noch immer zu heftigen Protesten. Politiker versprachen, härter gegen sexuelle Gewalt vorzugehen.
Angesichts des Schocks über den Tod der Studentin wurden in Indien zahlreiche Silvesterfeiern abgesagt. "Die indische Armee, Luftwaffe und Marine haben entschieden, alle geplanten Partys zum neuen Jahr abzusagen", sagte ein ranghoher Beamter des indischen Verteidigungsministeriums. "Sie wollen den letzten Tag des Jahres dem Opfer der Gruppenvergewaltigung widmen."
Auch Hotels und Traditionsklubs fuhren ihr Silvesterprogramm wegen des Verbrechens zurück. "Unsere Mitglieder glauben, dass es nicht der richtige Zeitpunkt für eine laute Feier ist", sagte der Vorsitzende des 7000 Mitglieder starken Vasant-Vihar-Clubs, Sudhir Mittal. Stattdessen sollte am Abend in Gedenken an das Opfer eine Kerzenmahnwache abgehalten werden.
Der ebenso große, 99 Jahre alte Gymkhana-Club strich seine traditionelle Silvesterparty ebenfalls. Dort treten zum Jahresende normalerweise Bollywood-Stars auf. Man trauere gemeinsam mit dem Rest des Landes um die junge Frau, die am Samstag an ihren Verletzungen gestorben war, sagte Club-Chef O.P. Malhotra. Die Mitglieder seien stattdessen eingeladen, an einer Kerzenmahnwache teilzunehmen.
Auch das staatliche Ashok-Hotel sagte seine Silvesterparty ab. Die "Economic Times" berichtete, bei privaten Hotels seien Buchungen für Partys zurückgegangen, weil vielen Menschen nach dem furchtbaren Verbrechen nicht nach Feiern zumute sei.
In den vergangenen Tagen hatten sich überall im Land Menschen zu stillen Gebeten und Demonstrationen versammelt. In vielen Städten Indiens zündeten sie Kerzen für das Opfer an. "Wir wollen Gerechtigkeit", riefen sie. Viele forderten die Todesstrafe für die Schuldigen. Andere appellierten, die nun begonnene Bewegung dürfe nicht enden. "Ich hoffe, dass ein Wandel passiert in dieser Gesellschaft, die Frauen so gering schätzt", sagte die Studentin Aswathy Senan in Neu Delhi. Auf einem der Plakate stand: "Die Flamme, die sie entzündete, soll nie mehr verlöschen."
Viele Menschen in Indien sind gepackt von Wut, aber sie schämen sich auch. "Schande" und "Nie wieder" steht auf Pappschildern der Demonstranten, die seit Tagen gegen Gewalt und tatenlose Behörden aufbegehren.
Auch Bollywood-Star Sha Rukh Khan meldete sich zu Wort. "Wir konnten Dich nicht retten. Aber wir hören Deine Stimme", twitterte der populärste Schauspieler Indiens. "Diese Stimme sagt uns, dass Vergewaltigungen (…) eine Sexualität zum Ausdruck bringen, wie sie von unserer Kultur und unserer Gesellschaft definiert wird. Es tut mir so leid, dass ich Teil dieser Kultur und dieser Gesellschaft bin. (…) Ich verspreche, dass ich mit Deiner Stimme kämpfen werde. Ich werde Frauen immer respektieren und so den Respekt meiner Tochter gewinnen", schrieb Sha Rukh Kahn, dem auf Twitter mehr als drei Millionen Menschen folgen.
Premierminister Manmohan Singh rief die Bevölkerung dazu auf, die durch den Fall geweckten Emotionen für einen gesellschaftlichen Wandel zu nutzen. "Sie mag ihren Kampf ums Überleben verloren haben, aber es liegt an uns sicherzustellen, dass ihr Tod nicht umsonst war", sagte er. Präsident Pranab Mukherjee sagte, die 23-Jährige sei stark und tapfer gewesen. "Sie ist eine wahre Heldin und symbolisiert die indische Jugend und Frauen auf das Beste."
Alle führenden Politiker kündigten Maßnahmen an, damit sich ein solcher Fall nicht wiederhole. So untersucht eine Kommission, ob in besonders schweren Vergewaltigungsfällen auch die Todesstrafe verhängt werden kann - diese Forderung war von zahlreichen Demonstranten erhoben worden. Auch sollen Vergewaltiger nicht mehr auf Kaution freikommen und schnell vor Gericht gestellt werden.
Opfer sexueller Gewalt können ab dem 1. Januar eine spezielle Hotline anrufen. Außerdem soll es in der Hauptstadt mehr Beleuchtung geben und öffentliche Busse besser überwacht werden. Daneben verspricht die Polizei, mehr Frauen für ihren Dienst auszubilden, damit es Vergewaltigungsopfern leichter fällt, sich an die Behörden zu wenden.
Gewalt gegen Frauen ist in dem Schwellenland an der Tagesordnung. Die Hauptstadt Neu Delhi gilt mittlerweile als "Hauptstadt der Vergewaltigung", alle 18 Stunden wird dort Schätzungen zufolge eine Frau vergewaltigt. Einer Studie der Organisation "TrustLaw" zufolge ist Indien das Land unter den 20 führenden Entwicklungs- und Schwellenländer, in dem die Rechte der Frauen am wenigsten geschützt werden. Bei nahezu 90 Prozent der im vergangenen Jahr offiziell erfassten 256.329 Gewaltdelikte in Indien waren eine oder mehrere Frauen Opfer. Die Medien des Landes nehmen jedoch selbst von Gruppenvergewaltigungen kaum noch Notiz.
Die Tat vom 16. Dezember jedoch erschüttert Indien. Viele Inder hoffen, dass das Verbrechen an der Studentin eine Wende im Kampf gegen die Gewalt gegen Frauen bringt. "Unsere eigene Unfähigkeit starrt uns ins Gesicht", twitterte die bekannte Bollywood-Schauspielerin Shabana Azmi, nachdem sie vom Tod der Studentin erfahren hatte. "Möge ihr Schicksal der Weckruf sein, den unser Land braucht."
Quelle: dpa, AFP, dapd, t-online.de
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