02.02.2013, 12:08 Uhr | André Anwar, dapd
Der wegen achtfachen Mordes verurteilte Schwede Thomas Quick in der Geschlossenen Psychiatrie in Säters. (Quelle: dpa)
Es ist einer der größten Justizskandale, die Schweden je erlebt hat. Seit 18 Jahren sitzt Thomas Quick als der berüchtigtste Serienmörder des Landes hinter Gittern. Einst hatte er gestanden, 30 Menschen zwischen 1964 und 1993 umgebracht zu haben. Doch wie es scheint, ist Quick unschuldig
Offenkundig waren die Bekenntnisse nur Schauspiel. Jetzt gab ein Gericht im nordschwedischen Umeaa einem Antrag der Staatsanwaltschaft statt, auch die letzten drei Verurteilungen wegen Mordes erneut zu verhandeln. Für fünf Morde war er bereits nachträglich freigesprochen worden.
"Ich bin sehr froh über den Revisionsentscheid. Ich möchte endlich wieder freikommen", sagt der heute 62-Jährige im rechtspsychiatrischen Gefängnis Säter. Und beteuert: "Ich habe keinen der Morde begangen, für die ich verurteilt worden bin und auch keinen der anderen.". Seit 2002 trägt er wieder seinen Geburtsnamen Sture Bergwall. Mit dem will er auch angesprochen werden. Er wolle nicht mehr der Massenmörder sein, den er so lange unter dem illustren Namen Quick gespielt habe.
Wie es ausgerechnet im grundsoliden Rechtsstaat Schweden zur dieser Verurteilung ohne ausreichende Beweise kommen konnte, enthüllte bereits vor einigen Jahren der Fernsehsender SVT. Demnach soll Quick die Taten aus einem krankhaften Bedürfnis nach Aufmerksamkeit heraus gestanden haben. "Es hat mir gefallen, im Mittelpunkt zu sein. Ich wurde ernst genommen und habe interessante Gespräche mit intellektuellen Menschen führen dürfen", gab er zu Protokoll.
Die ermittelnden Polizeibeamten und der damalige Oberstaatsanwalt sollen zudem laut SVT entlastende Elemente bewusst ignoriert haben. Es lockten Karrieresprünge. Ein Kriminalinspektor habe ihm gesagt, "was ich betonen und was weglassen sollte", erzählt Bergwall. "Beim ersten Geständnis bekam ich so viel Aufmerksamkeit, es war wie ein Rausch, ich machte weiter und wurde mit Psychopharmaka belohnt." Fleißig gestand er immer weitere Morde. Anstaltsärzte pumpten Bergwall jahrelang mit berauschenden Benzodiazepinen voll.
Doch schon damals gab es Zweifel. Der Psychiater Ulf Aasgaard traf Bergwall 1995. "Mein Ergebnis war, dass er nicht glaubwürdig war. Damit war ich aus dem Fall raus. Die Ermittler redeten nicht mehr mit mir. Die Quick-Einheit tat sehr geheim, man glaubte an die Sachen und hinterfragte Dinge nicht", kritisiert Aasgaard. Gerade die Medikamente hätten zu den Geständnissen geführt, glaubt er.
Dann erlebt der Fall die entscheidende Wendung. Ein neuer Arzt setzte alle Medikamente ab. Nach acht Monaten Entzug dämmerte es Bergwall: "Ich will nicht mehr schuldig sein, ich will nicht mehr eingesperrt sein". Inzwischen scheint daraus auch eine Mission geworden zu sein. "Ich will die Menschen darüber aufklären, dass wir in Schweden nicht in einem sicheren Rechtsstaat leben, sondern dass Gerichte von Polizisten und Staatsanwälten manipuliert werden."
Quelle: André Anwar, dapd
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