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Das Martyrium von Lea-Sofie

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Das Martyrium von Lea-Sofie

25.05.2013, 11:19 Uhr | Jörg Diehl, Spiegel Online

Das Martyrium von Lea-Sofie. Kindstötung, Urteil, Lea-Sophie, Landgericht Köln (Quelle: dpa)

Urteil im Prozess um den Tod der zweijährigen Lea-Sophie: Die Angeklagten erhalten hohe Haftstrafen (Quelle: dpa)

Er schlug das Kind so heftig, dass es ins Koma fiel - sie ließ es tagelang gegen den Tod kämpfen und schließlich sterben, ohne Hilfe zu holen. Das Landgericht Köln hat Patrik L. und Franziska M. nun zu hohen Haftstrafen verurteilt. Eine Frage bleibt: Wie ist so etwas möglich?

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Jetzt geht sie vorbei, nur eine Armlänge entfernt. Eine blasse, junge Frau in einer rosafarbenen Jacke, Nasenstecker auf der linken Seite, die mittellangen Haare von einer undefinierbaren Farbe, irgendwo zwischen Kupferrot und Dunkelblond. Sie zieht die Schultern hoch, senkt den Kopf und huscht auf ihren Platz. Es ist ganz still in Saal 210 des Kölner Landgerichts.

Dann kommt ihr Ex-Freund, bleich und mager, er schaut in den Raum, ein Milchbubi-Gesicht, das völlig ausdruckslos bleibt, blonde Haare, weißes Hemd, Kapuzenpulli.

Alle wissen, was die beiden getan haben.

Plötzlich ein Rumpeln, zwei Männer klettern über das Sicherheitsglas, das den Zuschauerraum vom Rest des Saals trennt. Eine Frau schreit, zwei, drei, vier Wachtmeister stürzen herbei und setzen die Eindringlinge fest. Der eine ruft dem Angeklagten zu: "Dich krieg ich noch, du Hurensohn!" Der andere murmelt: "Das war meine Nichte, den Bastard mach ich weg." Sie werden abgeführt. Draußen warten Fernsehsender auf sie, die "kochende Volksseele", wie die Vorsitzende Richterin Ulrike Grave-Herkenrath es nennt, macht sich bald in Interviews Luft.

"An Brutalität kaum zu überbieten"

Franziska M., 20, und Patrik L., 23, wiederum werden verurteilt. Wegen Totschlags schickt die 4. Große Strafkammer L. für zwölf Jahre und M. wegen Totschlags durch Unterlassen für sieben Jahre ins Gefängnis: Patrik L. hatte die zwei Jahre alte Lea-Sofie, die Tochter seiner Freundin, verprügelt und dem Mädchen dabei schwere Kopfverletzungen zugefügt. Franziska M. ließ die Kleine dann tagelang gegen den Tod kämpfen und schließlich sterben. Hilfe holte sie nicht. Die Tat sei "an Brutalität kaum zu überbieten", so die Staatsanwältin in ihrem Plädoyer.

Das Gericht hingegen konnte keine sogenannten niedrigen Beweggründe erkennen, die für eine Verurteilung wegen Mordes notwendig gewesen wären. Der Tod von Lea-Sofie sei "tragisch und schlimm", sagt die Vorsitzende Grave-Herkenrath, aber es sei dazu gekommen, weil Patrik L. die Nerven verloren habe.

Demnach war L., arbeitslos, perspektivlos, ständig betrunken, am 17. Dezember 2012 allein mit Lea-Sofie in der Wohnung im Kölner Problembezirk Chorweiler. Schon am Morgen hatte er eine halbe Flasche Wodka intus, am Mittag ging Franziska M. einkaufen. Als Lea-Sofie zu quengeln begann und sich schließlich in einen Schreikrampf hineinsteigerte, rastete Patrik L. aus. Wie er als Kind geprügelt worden war, so prügelte jetzt er. Er schlug Lea-Sofie mit der Faust ins Gesicht, riss sie an den Haaren hoch, schlug wieder zu, insgesamt fünfmal. Das Mädchen erlitt dabei schwerste Gehirnverletzungen.

Als Franziska M. einige Zeit später nach Hause kam, fand sie ihre Tochter regungslos vor. Das Gesicht zerschlagen, ein Auge zugeschwollen, das andere zuckend, so habe Lea-Sofie dagelegen, sagt die Richterin. Das Mädchen habe sich erbrochen und sei immer wieder ins Koma gefallen. Doch anstatt Hilfe zu holen, die durchaus noch möglich gewesen wäre, setzte die Mutter Lea-Sofie einem tagelangen Todeskampf aus. Sie tat, als sei nichts gewesen, und simste Patrik L. später: "Schatz, was möchtest du essen?" In der Nacht zu Donnerstag starb Lea-Sofie.

Wie ist so etwas möglich?

Die Richterin beschreibt Franziska M. als Person, die sich in schwierigen Situationen schon immer "weggebeamt" habe. Der Gutachter habe das als "dissoziatives Verhalten" bezeichnet. Demnach könne M. in extremen Augenblicken kaum mehr zwischen der Realität und ihrer Illusion unterscheiden, sie sei nicht in der Lage, sich der Wirklichkeit zu stellen, sondern flüchte sich in Scheinwelten.

Ein Vermerk der Polizei erreichte das Jugendamt zu spät

Hinzu kommt wohl, dass sich M., die kaum soziale Kontakte hatte, auch nach dem schrecklichen Übergriff mit verzweifelter Intensität an ihren neuen Freund klammerte. "Ich möchte dich für immer", schrieb sie ihm, während nebenan ihre Tochter starb. Die Angst, wieder allein zu sein, war größer als das Mitleid.

Aufgewachsen mit einem brutalen Vater, der sie missbrauchte, und einer alkoholkranken Mutter habe Franziska M. "extreme Bindungssehnsüchte, deutliche Abhängigkeitstendenzen und eine erhebliche Hinnahmebereitschaft" entwickelt, so ein Psychiater vor Gericht. Patrik L. wiederum ging schon als Grundschüler mit einem Messer auf seine Mutter los, die ihn daraufhin in ein Heim gab. Seine Freunde nannten ihn "Aggro", weil er sich kaum unter Kontrolle hatte.

Die Polizei war deswegen schon früher bei L. und M. gewesen, es hatte lautstarken Streit gegeben. Die Beamten sahen eine vollkommen vermüllte Wohnung, eine zersplitterte Tür, Blutspritzer an der Wand, doch Franziska M. deckte ihren Freund. Ein Vermerk, den ein Polizist drei Wochen vor dem Tod von Lea-Sofie schrieb, weil die Zweijährige um Mitternacht noch im Wohnzimmer gesessen hatte, erreichte das Jugendamt nicht mehr rechtzeitig: Ein Beamter war im Urlaub und konnte den Brief nicht weiterleiten.

Wie brenzlig die Situation in der Stockholmer Allee in Köln-Chorweiler wirklich gewesen sei, so die Vorsitzende Richterin, sei "unbemerkt und unbemerkbar" geblieben. Erst als Lea-Sofie tot war, interessierten sich die Menschen für sie.

 
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