03.08.2013, 07:59 Uhr | Edgar Bauer, dpa, AFP
Zahlreiche Ausstellungen wie hier 2005 in den Hamburger Deichtorhallen verbreiteten das Wirken von "Jupp" Darchinger, der sich auch zu erklären wusste (Quelle: dpa)
Der Fotograf Josef Heinrich Darchinger, der alle Politgrößen der Bonner Republik in Szene setzte, ist am Sonntag kurz vor seinem 88. Geburtstag verstorben. Er galt als Institution, immer angetrieben von einer sich selbst auferlegten Chronistenpflicht und dem Ziel, mehr als steife Handshake-Bilder zu erzeugen. Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt sagte über ihn: "He is simply the best."
Situative, aussagekräftige Aufnahmen zeichneten ihn aus. Auch das berühmte Foto von Ex-Kanzler Willy Brandt mit dem DDR-Spion Günter Guillaume am Ohr stammt von Darchinger. Bilder, die ihn sicher überdauern und haften bleiben werden - auch als ein Stück Zeitgeschichte.
Der am 6. August 1925 in Bonn Geborene war Autodidakt und nannte sich selbst "Fotojournalist", eine eigene Wortschöpfung für das Finanzamt, da er sich wegen fehlender Ausrüstung nicht Fotograf nennen durfte. Ursprünglich zum Landwirt ausgebildet, machte er nach dem Zweiten Weltkrieg eine Ausbildung zum Fotolaboranten.
Seine erste Kamera, eine gebrauchte Leica IIIc, hatte er einem Kriegsberichterstatter der Wehrmacht abgekauft. Seine Laufbahn begann der Sozialdemokrat mit der Dokumentation der Beisetzung des verstorbenen SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher 1952.
"Jupp" Darchinger war dicht dran an den Politikern, aber stets trotzdem um professionelle Distanz bemüht. Ein Fotograf, der Abstand wahrt, sieht mehr, war sein Motto. Viele Politiker kannte er über Jahrzehnte, und sie öffneten für ihn auch ihre Privaträume.
Für Porträts ließen sie ihn gewähren, auch weil sie wussten, dass er sie nicht vorführen wollte. "Ich habe nie jemanden bloßgestellt", beteuerte er wiederholt und gab zugleich in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" zu, beim Porträt "ein schrecklicher Diktator" zu sein. "Wer sich nicht in meine Obhut begeben wollte, der war nicht mein Mann oder meine Frau."
Es ging ihm um den Menschen hinter der Fassade. Dafür rückte er sich kurzerhand auch schon mal Persönlichkeiten zurecht. Vom Schah von Persien forderte er: "Majestät, mehr Zähne bitte."
Unvergessene private Bilder schoss er insbesondere von den SPD-Kanzlern Willy Brandt und Helmut Schmidt. Er hielt fest, als Rut Brandt ihrem Mann für den Bundespresseball 1967 die weiße Smokingfliege am Hals zurechtrückte. Auch als der damalige sowjetische Parteichef Leonid Breschnew 1973 innig die Hand der Kanzlergattin küsste, drückte Darchinger auf den Auslöser.
Von Schmidt allein hat er fast 40.000 Bilder gemacht. Dazu gehören Aufnahmen im Ferienhaus und beim Segeln. Ein exklusives Bild gelang ihm, als der damalige DDR-Staatschef Erich Honecker Schmidt im Dezember 1981 vom Bahnsteig in Güstrow (Mecklenburg-Vorpommern) aus dem Zugfenster noch ein Hustenbonbon zum Abschied reichte.
Seiner Heimatstadt, in der er bis zuletzt lebte, blieb Darchinger stets verbunden - lange nah an der Macht. "Das Auge von Bonn" nannte ihn der "Spiegel", für den der Rheinländer unter anderem tätig war und über die Jahre rund 10.000 Aufnahmen beisteuerte.
Mit dem Regierungsumzug nach Berlin 1999 zog sich Darchinger allmählich weitgehend aus der aktuellen Arbeit zurück. Sein umfangreiches Werk übergab der Rheinländer dem Archiv der sozialen Demokratie der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn. Das Archiv umfasst rund 1,6 Millionen Negative, 60.000 Positive und 30.000 Dias.
Seine beiden Söhne Frank und Marc sind Josef Heinrich Darchinger im Beruf und in eine neue digitale Welt gefolgt.
03.08.2013, 07:59 Uhr | Edgar Bauer, dpa, AFP
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