Kritik an Auszeichnung für Dylan

"Ein Nostalgie-Preis von senilen, sabbernden Hippies"

14.10.2016, 07:15 Uhr | dpa, t-online.de

Bob Dylan erhält Literaturnobelpreis. (Screenshot: Reuters)

Jahr für Jahr hatte die Kulturgemeinde ihn als Favoriten für die prestigeträchtige Auszeichnung gehandelt. Nun ist es soweit: Robert Allen Zimmerman alias Bob Dylan bekommt als erster Popmusiker den Literaturnobelpreis. Endlich, finden viele. Andere sind mit der Entscheidung gar nicht einverstanden.

Der Musiker habe "den Status einer Ikone", begründete die Nobelpreis-Jury ihre Wahl. "Sein Einfluss auf die zeitgenössische Musik ist tiefgreifend." Zur Frage, warum ausgerechnet ein Musiker den Literaturnobelpreis erhielt, erklärte das Komitee: Dylan schreibe, um mit seinen Werken aufzutreten. Nichts anderes habe der Dichter Homer vor einigen Jahrtausenden auch getan.

"Auszeichnung ist ein Witz"

Denis Scheck, ARD-Moderator ("Druckfrisch") und einer der bekanntesten deutschen Literaturkritiker, sieht das offensichtlich anders: "Gelegentlich erlaubt sich die Akademie ein 'Späßken'. Die Auszeichnung von Bob Dylan ist genauso ein Witz wie es die von Dario Fo war. Am besten, man lacht mit." Der italienische Autor und Theater-Macher Dario Fo hatte den Preis 1997 erhalten.

Noch deutlichere Wort fand der britische Schriftsteller Irvine Welsh für die Entscheidung der Jury: "Ich bin ein Dylan-Fan, aber dies ist ein schlecht durchdachter Nostalgie-Preis, herausgerissen aus den ranzigen Prostatas seniler, sabbernder Hippies", schimpfte der "Trainspotting"-Autor. Gemäßigter formulierte der rumänische Literat und Dylan-Übersetzer Mircea Cartarescu auf Facebook seine Kritik: "Niemand bestreitet, dass er ein genialer Musiker und ein großer Dichter ist, ich selbst habe ihn übersetzt. Aber es tut mir so Leid um die wahren Schriftsteller, Adonis, Ngugi, DeLillo und weitere 2-3, die den Preis beinahe in der Tasche hatten."

In eine ähnliche Kerbe schlägt auch Sigrid Löffler: "Ich habe den Eindruck, dass die schwedische Akademie seit einiger Zeit sich interessant machen will und zwar durch besonders ausgefallene und extravagante Namen, die sie da kürt." Dem MDR sagte das frühere Mitglied des "Literarischen Quartetts": "Selbstverständlich sind Liedtexte, gerade die von Bob Dylan, natürlich wunderbar. Nur: Diese Texte sind keine eigenständige Lyrik, denn sie funktioneren nur, wenn sie gesungen sind."

"Endlich!"

Neben kritischen Stimmen gibt es natürlich auch zahlreiches Lob für die Wahl der Nobelpreis-Jury. Die bekennenden Dylan-Fans der Kölner Rockband BAP schrieben auf ihrer Facebook-Seite: "Noh all dänne Johre.....endlich: Bob Dylan bekommt den Literaturnobelpreis. Ich freue mich riesig!" Musikerkollege Peter Maffay reagierte mit dem Titel eines Dylan-Songs auf die Nachricht: "Don't think twice it's all right." Noch kürzer fasste sich Schauspieler Armin Rohde auf Twitter: "Endlich!!!"

"Ich finde es gut, wenn auch obskure Autoren den Preis bekommen, aber es war höchste Zeit, dass mal wieder jemand den Preis bekommt, der Millionen Menschen erreicht hat", sagte der deutsche Songwriter Heinz Rudolf Kunze. Er sieht in Dylan ein großes Vorbild: "Seit meiner Studentenzeit war er für mich eine Messlatte und ein Trost. Er hat mir gezeigt, dass es sich lohnt, komplexe Texte mit Musik zu verbinden - man kann damit Menschen erreichen."

Euphorisch äußerte sich Konterveranstalter Marek Lieberberg: "Es ist eine große Genugtuung, dass endlich der überragende Vertreter der modernen Musikkultur und einer der größten Rockpoeten mit dem Nobelpreis Literatur geehrt wurde. Das war längst überfällig."

Sozialdemokraten feiern Dylan

Auch in der deutschen Politik - offenbar vor allem unter Sozialdemokraten - scheint die 75-jährige Folk-Legende aus Minnesota viele Anhänger zu haben: "Glückwunsch! "Blowing in the wind" habe ich als 13-jähriger auf Konfirmandenfreizeit auf Ameland gelernt. Und: ich kann es noch singen", schrieb SPD-Chef und Vizekanzler Sigmar Gabriel auf Twitter. EU-Parlamentspräsident Martin Schulz sprach von einer "willkommenen Überraschung". Der Nobelpreis feiere mit der Entscheidung "einen poetischen und engagierten Beitrag zu Musik und Literatur im letzten halben Jahrhundert".

"Die Stockholmer Jury hat eine mutige Entscheidung getroffen, mit der sie auch in diesem Jahr wieder die Genregrenzen sprengt", teilte weiterhin Außenminister Frank-Walter Steinmeier mit. "Sie ehrt einen der größten Musiker des 20. Jahrhunderts, der wie kein anderer Millionen Menschen auf der ganzen Welt mitgerissen und mit seinen Texten und ihren tiefen Wahrheiten direkt ihre Herzen erreicht hat", heißt es in der Stellungnahme des Auswärtigen Amtes.

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