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Neue Behördenpanne im Fall der Neonazi-Terroristen

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Ermittler fanden fast 30.000 Euro in Schließfach

22.11.2011, 20:31 Uhr | Von Jörg Diehl, Spiegel Online

Ermittler fanden fast 30.000 Euro in Schließfach. Das jüngste Bild von Holger G. in Karlsruhe: "Das letzte Gefecht" von Stephen King  (Quelle: dapd)

Das jüngste Bild von Holger G. in Karlsruhe: "Das letzte Gefecht" von Stephen King (Quelle: dapd)

 

Er soll die Zwickauer Terrorzelle jahrelang unterstützt haben - wurde Holger G. dafür entlohnt? Nach Informationen von Spiegel Online fanden die Ermittler bei dem früheren Gabelstaplerfahrer mehr als 27.000 Euro Bargeld. Zudem kommt eine weitere Behördenpanne ans Licht.

Bei der Wahl ihres Fluchtwagens vertrauten die ostdeutschen Neonazi-Terroristen auf ein Produkt aus der Region. Der Motorcaravan der Marke "Sunlight" besticht laut Hersteller durch "großzügige Höhe" und ist demnach vor allem bei Reisenden beliebt, "die viel Platz und Stauraum wünschen". Die mutmaßlichen Serienmörder Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos nutzten diesen bei ihrer letzten Fahrt, um zwei Pumpguns, drei Pistolen, zwei Revolver, eine Maschinenpistole, eine Handgranate sowie etwa 75.000 Euro Beute unterzubringen.

Möglich machte diese Tour nach Erkenntnissen der Ermittler wohl erst der niedersächsische Rechtsextremist Holger G., mit dessen Dokumenten das rollende Heim angemietet wurde: Wie Spiegel Online nun aus Polizeikreisen erfuhr, durchsuchten thüringische Kriminalbeamte bereits einen Tag nach dem Banküberfall in Eisenach, in dessen Folge Böhnhardt und Mundlos sich getötet hatten, G.s Wohnung in Lauenau sowie sein Bankschließfach. Dort fanden sie 27.250 Euro in bar. Woher stammte das Geld?

Noch am selben Tag vernahmen die Ermittler der Kriminalinspektion Eisenach Holger G., der nach einigem Zögern schließlich einräumte, seinen Freunden aus Zwickau zu Diensten gewesen zu sein. Er habe ihnen aus Gefälligkeit seinen Reisepass und seinen Führerschein überlassen. Letzteren meldete er später als gestohlen. Sein Mandant habe "nicht gewusst, was mit den Papieren passiert", sagte G.s Rechtsanwalt dem Spiegel.

Holger G. hätte Zeit zum Abtauchen gehabt

Die Beamten nahmen die Fingerabdrücke des 37-Jährigen, machten Fotos von ihm und ließen ihn wieder gehen. Erst acht Tage später, am 13. November gegen 10.15 Uhr, wurde er festgenommen.

Solange brauchten die Ermittler offenkundig, um zu verstehen, dass sie es nicht, wie anfangs angenommen, mit ordinären Bankräubern, sondern mit Rechtsterroristen zu tun hatten. Holger G. hätte also sehr viel Zeit gehabt, es seinen Kameraden Böhnhardt und Mundlos gleichzutun und für Jahre abzutauchen. Doch er blieb in seiner Wohnung in Lauenau und harrte der Dinge.

Vielleicht war ihm die Brisanz der Situation nicht vollständig klar? Vielleicht wurde er lückenlos überwacht? Holger G.s Rechtsvertreter war am Dienstag für eine Stellungnahme oder eine Erklärung nicht zu erreichen.

Dabei scheint die Verbindung von Holger G. zu den Zwickauern schon seit geraumer Zeit und nicht nur aus ideologischer Fachsimpelei zu bestehen. Nach Spiegel Online-Informationen fiel Heilbronner Polizisten nach dem Mord an ihrer Kollegin Michèle Kiesewetter im April 2007 bei einer Ringalarmfahndung ein Wohnmobil auf. Doch eine Überprüfung des Gefährts unterblieb jahrelang - möglicherweise weil die Beamten seinerzeit einer anderen heißen Spur gefolgt waren. Erst aktuelle Nachforschungen ergaben, dass damals wohl Holger G. das mobile Versteck seiner Kameraden angemietet hatte.

Einstufung als "Mitläufer"

Schon im Herbst 1999 hatte der Pöbel-Nazi aus Jena von einem Schnitzer der Behörden profitieren können. Der Thüringer Verfassungsschutz bat damals die niedersächsischen Kollegen um Amtshilfe, weil G. zwei Jahre zuvor mit seiner Mutter nach Hannover gezogen war. Die Erfurter erwarteten, dass die abgetauchten Neonazis Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe mit ihrem Gesinnungsgenossen Kontakt aufnehmen würden. In ihrer schriftlichen Bitte sprachen die Verfassungsschützer ausdrücklich von "Rechtsterroristen".

Die niedersächsischen Geheimdienstler observierten Holger G., sie notierten, dass er aus einer Telefonzelle anrief, obwohl er ein Handy dabeihatte. Nach drei Tagen beendeten sie die Überwachung und stuften G. als "Mitläufer" ein. Ein Fehler.

Spätestens 2005 verschwand der Rechtsradikale nach Spiegel-Informationen vom Radarschirm der Behörden. Er zog mit einer Frau zusammen, die zwei Kinder hatte, arbeitete als Gabelstaplerfahrer. 2009 wurden seine Einträge im Verfassungsschutz-Computersystem Nadis gelöscht. Dass sie den Unterstützer einer Terrorgruppe aus den Augen verloren hatten, begriffen die Verfassungsschützer in Hannover erst vor zwei Wochen.

Das jüngste Bild von Holger G. zeigt ihn bei seiner Haftvorführung auf dem Gelände des Bundesgerichtshofs in Karlsruhe. Er ist gerade einem Hubschrauber der Bundespolizei entstiegen, trägt Jeans und eine schwarze Windjacke, seine Hände sind hinter dem Rücken gefesselt. Und G. trägt ein Buch von Stephen King bei sich, dessen Titel lautet: "The Stand." Zu Deutsch: "Das letzte Gefecht."

 
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