07.11.2012, 15:59 Uhr | je, dapd, dpa, AFP
(Fast) alle Swing States gewonnen, (fast) 100 Wahlmänner mehr: Der Sieg von Barack Obama über seinen Herausforderer Mitt Romney ist überraschend deutlich. Doch die paradoxe Wahrheit lautet: Knapper hätte der Triumph des US-Präsidenten kaum ausfallen können. Das vorausgesagte Kopf-an-Kopf-Rennen war in der Tat denkbar eng.
Nach der tatsächlichen Stimmenverteilung liegen die beiden Kontrahenten US-weit nämlich sehr nah beieinander. Nach Auszählung von 94 Prozent aller amerikanischen Wahlkreise kam Obama auf 58 Millionen Stimmen, Romney auf 56 Millionen. Anders gesagt: 50 zu 48 Prozent. Enger geht's kaum.
Dass der US-Präsident dennoch bereits ziemlich früh in der Wahlnacht zum Sieger ausgerufen werden konnte, liegt an den Zeitzonen und der Eigenart des US-amerikanischen Wahlsystems: Nach dem Prinzip "The Winner takes it all" (alles für den Gewinner) bekommt der Sieger Bundesstaat für Bundesstaat alle Wahlmännerstimmen - egal, wie knapp das Ergebnis tatsächlich ist. (Diese Grafik zeigt die Wahlmännerverteilung besonders gut.)
Und die Stimmenverteilungen waren in sehr vielen Bundesstaaten knapp - nicht nur bei den vorher ausgemachten Wackelkandidaten, den Swing States. In den bevölkerungsreichen Bundestaaten, die dementsprechend viele Wahlmänner bringen, lagen Obama und Romney selten mehr als zehn Prozentpunkte auseinander.
Begeistert feiern die Anhänger ihren alten und neuen Präsidenten - er revanchiert sich mit einer bewegenden Rede. zum Video
Deutliche Siege konnte Obama immerhin in zwei gewichtigen Staaten einfahren: Kalifornien (59:38 Prozent für Obama) und New York (63:36). Romney schaffte das nur mit Texas (41:57 gegen Obama), ansonsten fuhr er nur in den dünnbesiedelten Südstaaten und den Cowboy-Ländern des Mittleren Westens Kantersiege ein.
Entscheidend für die Wahl waren jedoch die Siege in den Swing States. Und dort lagen Obama und Romney zwar fast überall eng beieinander. Letztlich konnte der Amtsinhaber aber mindestens acht von zehn dieser Staaten (Pennsylvania, New Hampshire, Colorado, Virginia, Wisconsin, Iowa, Nevada und das wichtige Ohio) für sich entscheiden, der Herausforderer mit North Carolina dagegen nur einen. Fehlt noch Florida - der einzige US-Staat, in dem das Ergebnis noch aussteht.
Mitt Romney gratuliert dem Präsidenten zu seinem Sieg und betet dafür, dass Obama das Land erfolgreich führen wird. zum Video
Florida und Ohio, vor der Wahl als Zünglein an der Waage ausgemacht, stehen beispielhaft für das Kopf-an-Kopf-Rennen, das sich am Wahltag tatsächlich abspielte - auch wenn jetzt feststeht, dass Obama beide Staaten für seinen Sieg gar nicht gebraucht hätte.
In Ohio lagen beide derart eng beieinander, dass Romney in der Wahlnacht lange zögerte, ehe er dort Obamas Sieg anerkannte. Und in Florida soll der Präsident nur so hauchdünn in Front liegen, dass die Auszählung zunächst einmal ausgesetzt wurde und nun besonders sorgfältig zu Ende gebracht werden muss.
Eines hat diese Wahl - nicht nur nach Auffassung der amerikanischen Politikwissenschaftlerin Lora Anne Viola - besonders gezeigt: Das Land ist tiefer gespalten denn je; obwohl Obama vor vier Jahren eigentlich angetreten war, die US-Gesellschaft zu versöhnen.
Mehr denn je gilt: hier das ländliche, wohlhabende, weiße, tiefgläubige und konservative Amerika des Mittleren Westens und der Südstaaten, dort die liberale, multikulturelle, intellektuelle und eher weniger betuchte Gesellschaft der Ost- und Westküste.
Diese Kluft zu überwinden scheint unmöglich - immerhin haben aber sowohl Obama wie Romney am Ende der Wahlnacht zur Zusammenarbeit aufgerufen. Angesichts der großen wirtschaftlichen Probleme und der unklaren Machtverhältnisse im US-Kongress wäre das dringend geboten.
Ob das gelingt, dürfte weniger am neuen alten Präsidenten liegen, als an den Republikanern und der Frage, wer sich dort politisch durchsetzt. Klar ist eigentlich, dass Romney die Wahl nicht am rechten Rand verloren hat, sondern in der Mitte - auch wegen eher unglücklichen Äußerungen über Frauen, Latinos, Afroamerikaner und junge Leute.
Viele gemäßigte Republikaner haben das erkannt. Dennoch setzt die stockkonservative Tea-Party-Bewegung jetzt darauf, wieder größeren Einfluss zu erlangen. Und an ihrem politischen Ziel lassen sie keinen Zweifel: Obama beschädigen, so gut es geht.
Quelle: je, dapd, dpa, AFP
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