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Barack Obama und die Multikulti-Sieger

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Die Multikulti-Sieger

08.11.2012, 11:31 Uhr | Aus Boston berichtet Marc Pitzke, Spiegel Online

Barack Obama und die Multikulti-Sieger . Barack Obama (Quelle: Reuters)

Die Multikulti-Siegerkoalition des Präsidenten: Anhänger jubeln Barack Obama zu (Quelle: Reuters)

Latinos, Schwarze, Frauen: Diesen Bevölkerungsgruppen hat Barack Obama seine Wiederwahl zu verdanken. Auch langfristig verschiebt der demografische Wandel die Mehrheiten zu den Demokraten. Das traditionelle Amerika - weiß, angelsächsisch, protestantisch - hat ausgedient.

Das Konfetti liegt längst im Müll, die TV-Crews sind abgereist, die Buffets abgeräumt, die "Ballsäle" der Wahlpartys wieder kalte Kongresshallen. Was bleibt, sind die Bilder jener Nacht - gegensätzliche, starke Bilder, die einem alles sagen.

Hier in Boston waren es die vom Schock gezeichneten Mienen der Republikaner, die Mitt Romneys Sieg feiern wollten und stattdessen sein Ende erlebten: Hunderte weiße, ernste Gesichter, viele mittleren oder fortgeschrittenen Alters; die Schwarzen, die Latinos unter den Gästen, man konnte sie an einer Hand abzählen. Vorherrschender Dresscode: rubinrot für die Frauen, dunkler Maßanzug für die Männer.

Foto-Serie: Die USA haben gewählt

In Chicago dagegen, 1000 Meilen entfernt, ein völlig anderes Bild. Da umarmten sich 15.000 Demokraten buchstäblich aller Couleur: Weiße, Schwarze, Latinos, Junge, Alte, Männer, Frauen, Heteros, Homos. Sie trugen Jeans oder Abendkleider, Baseballcaps oder Kirchenhüte, Schals, Hidschabs, Jarmulkes und immer wieder T-Shirts mit Barack Obamas stilisiertem Antlitz.

Licht aus im Hollywood-Amerika

So sieht es aus, das neue Amerika, und es offenbart sich in Obamas Multikulti-Siegerkoalition: Latinos, Schwarze, Singles, Frauen, Jungwähler. Es offenbart sich in den 20 Frauen, die ab Januar im Senat sitzen - darunter Tammy Baldwin, die erste offen lesbische Senatorin in der US-Geschichte. Es offenbart sich in den erfolgreichen Volksabstimmungen zur Legalisierung von Marihuana und gleichgeschlechtlicher Ehe.

Es ist nicht mehr das Hollywood-Amerika Ronald Reagans. Auch nicht mehr das Schwarzweiß-Amerika Romneys. "Das weiße Establishment", klagte Bill O'Reilly, Romneys Top-Cheerleader, im strengkonservativen Kabelkanal Fox News in der Wahlnacht, "ist nun in der Minderheit."

Deswegen reicht eben nicht mehr, wenn sich die Republikaner 59 Prozent der weißen Stimmen sichern: Mit 79 Prozent der nicht-weißen Stimmen (93 Prozent der Schwarzen, 73 Prozent der Asiaten, 71 Prozent der Latinos) schweißte Obama die ehemaligen Minderheiten der USA zu einer politisch schlagkräftigen Mehrheit zusammen.

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Die Minderheiten von gestern sind die Mehrheiten von morgen

Die neuen Realitäten, das sind nicht nur Bilder. Es sind Fakten, Zahlen, demoskopische Daten. "Kaukasische" Weiße bestreiten heute, zum ersten Mal in der Geschichte der USA, weniger als die Hälfte aller Geburten. Bald werden die ehemaligen Minderheiten auch faktisch in der Mehrheit sein. In vier US-Bundesstaaten und der Hauptstadt Washington ist das bereits der Fall. Ebenso in Metropolen wie New York City und Las Vegas.

Entscheidend für Obamas Sieg waren die Latinos, die am schnellsten wachsende Bevölkerungsgruppe der USA. Fast drei von vier Latinos stimmten für Obama, auch dank der harten Immigrationspolitik der Republikaner. Die große Einwanderungsreform, an der schon viele Präsidenten gescheitert sind, rutschte nach Worten des Top-Senators Harry Reid wieder nach "ganz oben" auf der Prioritätenliste. Die Republikaner täten gut daran, keinen Widerstand zu leisten.

Gegen das Establishment

Ebenso wichtig war die Rolle der Schwarzen. Allein im Swing State Ohio gelang es Obamas Team, den Anteil der afroamerikanischen Wähler von elf im Jahr 2008 auf nun 15 Prozent anzuheben. Oder die der Frauen, die mit ihrer hohen Wahlbeteiligung ebenfalls entscheidend zum Sieg Obamas beitrugen. Der Demokrat schaffte es, all jene hinter sich zu scharen, die eben nicht zum weißen Establishment gehören. So wie auch die Schwulen und Lesben.

Obama erwähnte sie in Chicago nicht ohne Grund: Unter seiner Präsidentschaft sahen sie die größten Fortschritte beim Kampf um Gleichberechtigung. Die Wähler segneten das ab: In Maine, Maryland und dem Staat Washington erlaubten sie die Homo-Ehe - erstmals per Volksbefragung und nicht über Gerichte oder Parlamente.

Ein brüchiges, neues Amerika

"Wir sitzen alle im gleichen Boot - Schwarze, Weiße, Angloamerikaner, Latinos, Schwule, Heteros", freut sich die Ex-Soldatin Sue Fulton, Mitbegründerin des schwul-lesbischen Militär-Networks OutServe, über Obamas Wahlsieg.

Zumindest sitzen sie in Obamas Boot. Das Boot der Republikaner dagegen sinkt. Lange taub und blind dafür haben sie nun über Nacht gemerkt, dass sie in Seenot geraten sind. "Eine 'Mad Men'-Partei im 'Modern Family'-Amerika", sagt George W. Bushs früherer Stratege Matthew Dowd über seine Partei, in Anspielung auf zwei populäre TV-Serien: Die eine spielt in den sechziger Jahren, die andere handelt von einer bunten Patchwork-Familie samt einem Männerpaar mit Adoptivkind.

Doch bei aller Euphorie über seinen Wahlsieg und den Ausblick auf ein neues Amerika weiß Obama: Das neue Amerika ist brüchig. Es ist viel zu tun. Der Anteil der schwarzen Gefängnisinsassen bleibt unverhältnismäßig hoch, der Anteil der Frauen in Washington unverhältnismäßig niedrig. Latinos werden diskriminiert, Schwule und Lesben ebenfalls - trotz aller Erfolge.

"Diese Ära wird nicht ewig halten", fürchtet auch die "New York Times. "Sie mag nicht mal vier weitere Jahre halten". Dann würden nur Bilder bleiben.

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