01.08.2013, 13:12 Uhr | t-online.de, dpa
Die Spurensicherung vor dem Tatort: Hier wurde Habil Kilic im August 2001 erschossen (Quelle: Michael Westermann/imago)
Nach Meinung der Polizei war es eine "absolut professionelle Hinrichtung" - vor Gericht schilderte eine Zeugin, wie sie das NSU-Opfer Habil Kilic mit schwersten Schussverletzungen in seinem Lebensmittelgeschäft in München fand. Zuerst habe sie nur ein blubberndes Geräusch gehört, wie von einer Kaffeemaschine, erzählte die Zeugin, die in dem Laden einkaufen wollte. "Dann habe ich den Mann voll Blut am Boden gesehen."
Laut Anklage haben die Neonazis Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt den Lebensmittelhändler am 29. August 2001 erschossen. Kilic war das vierte Todesopfer des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU). Beate Zschäpe ist als Mittäterin an allen Anschlägen der Gruppe angeklagt, weil sie für die legale Fassade des Trios gesorgt haben soll.
Kilic habe wohl noch gelebt, schilderte die Zeugin. "Er hat ein Geräusch gemacht, der Mensch. Lag voller Blut." Ein Rechtsmediziner erklärte vor Gericht, dass Kilic maximal wenige Minuten überlebt haben könne.
Das blubbernde Geräusch, das die Zeugin gehört hatte, könnten letzte Atemversuche gewesen sein. Es sei aber nicht davon auszugehen, dass der 38-Jährige noch bei Bewusstsein war.
Die Terroristen hatten dem Familienvater zweimal in den Kopf geschossen: Zuerst ins Gesicht und dann, wie ein Sachverständiger erklärte, von hinten in den Kopf - ein tödlicher Fangschuss: "Auch wenn ein neurochirurgisches Operationsteam direkt daneben gestanden hätte, wäre diese Verletzung nicht überlebbar gewesen", sagte der Rechtsmediziner.
Wahrscheinlich kurze Zeit später sah eine Zeugin zwei Männer, die mit schwarzen Fahrrädern davongefahren seien. Sie hätten "sehr gepflegt ausgesehen", meinte die Frau aus der Nachbarschaft, "kurze, dunkle Haare, schwarzer Radldress".
Ermittler gehen davon aus, dass es sich um Böhnhardt und Mundlos handelte - auch wenn die Zeugin die beiden nicht wiedererkannte und ihre Beschreibungen sich in den Jahren nach dem Mordanschlag teilweise geändert haben.
"Das waren die nicht. Das ist unmöglich", zitiert die "Süddeutsche Zeitung" die Zeugin. Über die Jahre änderte sie ihre Aussage zu den Männern mehrfach. Einmal sollen die Männer "osteuropäisch" ausgesehen haben, wegen "hohen Wangenknochen". Zuvor hatte die Frau die Täter einem alten Vernehmungsprotokoll nach als "türkisch" beschrieben, so die Zeitung.
Später hörte das Gericht noch einen Postboten, der auch kurz nach dem Anschlag in dem Geschäft war. Sehr anschaulich schilderte der 48-Jährige das Geschehen: "Ich dachte, ich könnte irgendwie helfen, aber es war eine grausliche Situation. Der Mann hat aus dem Gesicht geblutet, aus Nase und Mund, irgendwie war da nur eine riesige Blutlache."
Er habe versucht, ihn anzusprechen, aber Kilic sei wohl nicht mehr bei Bewusstsein gewesen. "Dann kamen zwei Polizisten, einer hat Einweghandschuhe angezogen, den Hinterkopf" abgetastet und gesagt, Schusswunde, und ich weiß nur, dass ich ganz baff war."
Weniger als 100 Meter vom Tatort ist eine Polizeistation. "Mord neben Polizeirevier", hieß ein Zeitungstitel. Möglicherweise war das ein besonderer Nervenkitzel für die Täter: Sie verwendeten die Überschrift in ihrem Bekennervideo. An einem Zeitungsausschnitt im "Archiv" der Gruppe fanden die Ermittler einen Fingerabdruck von Beate Zschäpe.
01.08.2013, 13:12 Uhr | t-online.de, dpa
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