Mysteriöse Leichenfunde in Kairo
Kairo: Wer mordet am Rand der Protestlager?08.08.2013, 14:12 Uhr | AP/dpa
Hier treiben mysteriöse Mörder ihr Unwesen: Ein Mursi-Anhänger hält vor dem Protestlager Wache auf einem Haufen Sandsäcke. (Quelle: AP/dpa)
Grausige Funde in der ägyptischen Hauptstadt Kairo: In der Nähe der beiden Protestlager von Mursi-Anhängern werden ein Dutzend Leichen entdeckt. Die Hintergründe der Verbrechen sind mysteriös. Augenzeugen berichten, Islamisten rivalisierender Gruppen hätten ihre Gegner gefoltert und getötet. Doch die Beschuldigten weisen die Vorwürfe zurück. Steckt die Polizei hinter den grausamen Morden?
Die beiden jungen Männer lagen in einem Abfallhaufen am Rande eines Parks, nur drei Straßenzüge entfernt von einem Protestlager der Anhänger des abgesetzten ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi. Dort fanden sie am 27. Juli Anwohner der Kairoer Badr-al-Din-Straße.
Der Straßenhändler Amr Mohammed Salim war bereits tot. Die Hände des 22-Jährigen waren nach Angaben der Anwohner gefesselt, der Körper von Stichverletzungen übersät. Hani Mussa, ein 24-jähriger Küchenhelfer, zeigte noch Lebenszeichen. Was genau den beiden Männern zugestoßen ist, ist unklar. Behörden und Medien spekulieren, die Opfer seien von Demonstranten getötet worden.
Der Menschenrechtsorganisation Amnesty International liegen nach eigenen Angaben Augenzeugenberichte vor, wonach Anhänger Mursis Mitglieder rivalisierender Gruppen misshandelt hätten. Andere Menschenrechtler sagen, diese Beschuldigungen passten in ein Muster: Als Polizeispitzel verdächtigte Passanten würden von Demonstranten misshandelt.
Doch Islamisten in den Protestlagern weisen die Vorwürfe zurück. Und anders als viele andere Gewalttaten in den politisch unruhigen vergangenen beiden Jahren in Ägypten wurden bislang keine potenziell tödlichen Angriffe von Demonstranten auf Passanten auf Video aufgenommen und verbreitet.
Die Leichenfunde und die Foltervorwürfe schüren Forderungen von Mursi-Gegnern, die Sicherheitskräfte sollten die Protestlager rasch auflösen. Die internationale Gemeinschaft befürchtet, dass es dabei zu einem ähnlichen Blutvergießen wie am 26. Juli kommen könnte. Mehr als 80 Demonstranten wurden seinerzeit bei Zusammenstößen von Sicherheitskräften getötet.
Der verletzte Hani Mussa liegt nach Angaben seines Bruders Mohammed mit inneren Blutungen in einem Krankenhaus im Nildelta, seine Kopfwunden wurden mit 45 Stichen genäht. "Er kämpft um sein Leben", sagt sein Bruder. Die meiste Zeit erkenne er nicht einmal seinen Vater oder die Mutter.
In einigen wachen Momenten habe er von drei bärtigen Männern gesprochen, die ihn mit Stöcken und Eisenstangen geschlagen hätten. Mohammed Mussa schließt daraus, dass die Angreifer der Muslimbruderschaft angehörten.
Hani Mussa arbeitete in einem nahe gelegenen Hotel, das im Besitz der Streitkräfte ist, und hatte wohl gerade seine Schicht beendet, als er angegriffen wurde. Offenbar wurden auch viele der anderen Opfer überfallen, weil sie entweder als Mursi-Gegner eingestuft oder für Polizeispitzel gehalten wurden.
Medienberichten zufolge befanden sich darunter auch Straßenhändler, die ihre Waren in den Protestlagern feilboten. Demonstranten vermuten seit langem, dass einige der Händler mit der Polizei zusammenarbeiteten.
Die Mursi-Anhänger in den Protestlagern weisen die Vorwürfe als Lügen zurück. Schließlich seien sie selbst vor dem Aufstand von 2011 Zielscheibe von Folter durch die Sicherheitskräfte gewesen. Einige der Leichen seien möglicherweise von der Polizei abgelegt worden. Menschenrechtsgruppen werfen der Polizei tatsächlich vor, sowohl politische Gegner als auch Verdächtige routinemäßig zu foltern und manchmal zu töten.
Die Organisatoren der Proteste laden Journalisten ein, sich in den Lagern frei zu bewegen. Doch diese erstrecken sich über ganze Straßenzüge, Gärten und Wohngebiete mit vielen dunklen Ecken. Einige Medienberichte legen nahe, dass radikalisierte Jugendliche die Zuständigkeit für die Sicherheit übernommen haben und für die meisten Übergriffe verantwortlich sein könnten.
Es sei bekannt, dass es nach dem Aufgreifen von als Spionen verdächtigten politischen Gegnern zu Todesfällen gekommen sei, sagt Heba Morajef der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. Schon kurz nach Beginn des Aufstands 2011 hielten Demonstranten Dutzende mutmaßliche Spitzel in der U-Bahn-Station am Tahrir-Platz fest.
Doch die gravierenden Foltervorwürfe sind jüngeren Datums, die meisten beziehen sich auf die Zeit nach der Absetzung Mursis am 3. Juli, und sie richten sich überwiegend gegen Islamisten.
Einem Amnesty-Bericht zufolge wurde der 21-jährige Mastur Mohammed Sajed nach eigenen Angaben am 5. Juli von einer Gruppe Mursi-Anhängern nahe der Rabaah-al-Adawija-Moschee angegriffen. Er sei ins Protestlager gebracht, dort unter einer Bühne festgehalten und mit Stangen geschlagen worden. Außerdem habe er Elektroschocks erhalten.
Der 20-jährige Hassan Sabri erklärte, er sei von bewaffneten Angreifern in einen Park nahe einem zweiten Protestlager an der Universität von Kairo verschleppt worden. Dort sei er gefesselt und mit Stöcken geschlagen worden.
Er habe gesehen, wie einem Demonstranten die Kehle durchgeschnitten wurde, ein weiterer sei erstochen worden, sagte Sabri Amnesty. "Dies ist ein beispielloses Ausmaß von Gewalt", sagt Morajef von Human Rights Watch. Zugleich sei dies aber angesichts des extremen Ausmaßes der Spannungen nicht überraschend.
08.08.2013, 14:12 Uhr | AP/dpa
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