NSU-Prozess
"Mal sehen, wie ich mich heute in Schale werfe"16.08.2013, 11:28 Uhr | dpa, t-online.de
NSU-Prozess: Beate Zschäpe erscheint vor Gericht - ganz ungewohnt - im schicken schwarzen Hosenanzug (Quelle: imago)
Vor Gericht schweigt die Hauptangeklagte im NSU-Prozess, Beate Zschäpe, weiter eisern.Doch in ihrer Zelle schreibt sie einem rechtsextremen Brieffreund seitenlange Briefe, in dem sie sich wortreich über ihr Innenleben auslässt.
Nach dem ersten Schriftwechsel im März 2013 hat das Oberlandesgericht München nun einen zweiten Brief beschlagnahmt, den Zschäpe am 2., 4. und 5. Juni verfasste und an den Dortmunder Rechtsextremisten Robin S. schickte. Das berichtet die "Welt" und zitiert aus dem 26-seitigen Dokument.
Immerhin berichtet Zschäpe in dem Brief auch über zwei Mitangeklagte. Nach Informationen der "Welt" handelt es sich dabei um Holger Gerlach und Carsten S. Beide hat das Bundeskriminalamt in sein Zeugenschutzprogramm aufgenommen, nachdem sie zu umfangreichen Aussagen bereit waren.
Zschäpe schreibt von der Vernehmung von Carsten S., den sie den "Aussagewilligen" nennt: Der Verhandlungstag sei kürzer ausgefallen, weil er erschöpft gewesen sei. Nun werde vermutlich der andere "Aussagewillige" - Holger G. - "dran" sein. "Darauf warte ich seit Monaten", schreibt sie laut "Welt". "Da er mit 'Märchen' aufgewartet hat, um sich der Gitterkunde zu entziehen, bin ich gespannt, ob er den Mumm hat, seine widersprüchlichen Aussagen in der Öffentlichkeit darzulegen."
Weiter zitiert die "Welt": Sollte der Richter bei ihm "auch nur halb so scharf" nachfragen, wie er es bei Carsten S. getan habe, sei sie "optimistisch, dass ich zu meinem Recht komme und er als Häufchen Elend endet!", so Zschäpe. Sie befürchte aber eine "Anwaltsverlesung", da er "selbst genau weiß, wie oft/wieviel er auf Kosten anderer falsches Zeugnis abgelegt hat".
Ansonsten teilt die wegen zehnfachen Mordes angeklagte Zschäpe ihrem Brieffreund aber vor allem Banalitäten aus ihrem Gefängnisalltag mit. So gibt sie sich eitel und schreibt am 2. Juni: "Mal sehen, wie ich mich heute (vor Gericht) in Schale werfe, vielleicht was Passendes zum Hochwasser".
Auch über ihre Mahlzeiten weiß Zschäpe zu schwadronieren: "Mein Gerichtsschmauß bestand heute aus einer Forelle + leckerer Rahmsauce + Kartoffeln", berichtet sie laut "Welt". "Hoffentlich gibt's morgen ein schönes Stück Fleisch, eines, das ordentlich Fasern hat oder ordentliches Hackfleisch - mmh", schreibt sie an ihren Gesinnungsgenossen.
Schließlich folgt noch ein Klagelied über die "keimige" Damentoilette, deren Benutzung sie - "Pfui Teufel!" - eine "starke Überwindung" kostet.
Der Adressat, an den Zschäpe die ellenlangen Briefe schreibt, ist Robin S., der früher in der Dortmunder Neonazi-Szene aktiv war und nach Informationen der "Süddeutschen Zeitung" seit 2007 eine Haftstrafe wegen schwerer räuberischer Erpressung in Bielefeld absitzt. Beim Überfall auf einen Lebensmittelmarkt hatte er viermal auf einen gebürtigen Tunesier geschossen.
Besonders interessant: Zschäpe schreibt im ersten Brief an ihn zwar an mehreren Stellen, dass sie Robin S. erst seit zwei Monaten kenne, und das auch nur schriftlich - nach einem Schreiben des NRW-Innenministeriums könnte der "außergewöhnliche" Briefverkehr jedoch Anzeichen dafür geben, dass sich die beiden in Wirklichkeit schon länger kennen.
Das könnte von Bedeutung sein, da die Terroristen des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) laut Anklage auch einen Mord in Dortmund begangen haben: Am 4. April 2006 erschossen sie den 39-Jährigen Mehmet Kubasik in seinem Kiosk. "Das könnte eine Spur sein. Es lohnt sich auf jeden Fall, das zu überprüfen", sagt die Nebenklage-Anwältin Angelika Lex.
Nach dem Bericht der "Welt" hat Zschäpes Anwältin, Anja Sturm, verhindert, dass auch die übrigen Seiten des Briefes zu den Akten genommen werden. Der Brief enthalte "sehr viele persönliche Ausführungen, die zum Kernbereich der persönlichen Lebensgestaltung zählen", so Sturm. Er habe eine "tagebuchartige Qualität insoweit", als Zschäpe "quasi frei-assoziierend ihren Gedanken dort freien Lauf lässt".
Bereits in ihrem ersten Brief an Robin S. hatte die Angeklagte einen "Seelenstriptease" hingelegt, wie es der Nebenklage-Anwalt Jens Rabe laut dpa-Informationen bezeichnete. Die 38-Jährige illustrierte das Schreiben stellenweise mit selbstgemalten Comicfiguren. Dann berichtete sie, die Ärztin im Gefängnis habe ihr Schlafmittel und Antidepressiva angeboten - obwohl sie keine Anzeichen von Depression gezeigt habe. Kurz darauf schreibt sie aber von einer permanenten inneren Unruhe, die in ihr herrsche.
An einigen Stellen schien auch durch, wie energisch Zschäpe sein kann: Eine "dreiste Person" habe es gewagt, sie darum zu bitten, etwas von den Pillen abzugeben. Das habe die Bittstellerin aber kein zweites Mal getan. Schließlich sei sie, Zschäpe, gegen illegalen Drogenkonsum.
In dem Brief zeigt Zschäpe eher Selbstmitleid statt kritische Selbstreflexion. So beklagt sie sich über die angebliche Vorverurteilung durch Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich und zweifelt, ob sie eine Chance auf einen fairen Prozess habe. Im Justizvollzug sei jeder ein Einzelkämpfer, ihr Überlebensinstinkt sei in ständiger Alarmbereitschaft. Staatsanwaltschaft, Polizei und Politiker würden sich ein Lebensgeständnis von ihr wünschen, schreibt Zschäpe - es klingt nicht so, als würde sie ernsthaft darüber nachdenken.
Seitenlang flirtet Zschäpe mit ihrem Brieffreund, über Politik schreibt sie nur in Andeutungen. Teilweise habe sie Post bekommen mit abstrusen politischen Parolen - peinliche Schulterschlüsse, wie sie schreibt, für Dinge, in denen sie sich nicht wiederfinde. Und Anmachsprüche mancher "Südländer" seien für sie das Hinterletzte.
Auch Kindheitserinnerungen dürfen nicht fehlen: So beschreibt Zschäpe, wie sie einmal beim Essen im Kindergarten allein an den "Katzentisch" versetzt wurde, nachdem sie vorher am Vierertisch sämtliche Schnitzel für sich markiert hatte. Schon damals sei sie ungerechtfertigt bestraft und einzeln gehalten worden. Ihr Leben sei eine Reise durch den Wahnsinn, durch Licht und Dunkelheit.
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