Syrien-Krise
Experten halten C-Waffen-Überwachung für unrealistisch11.09.2013, 14:12 Uhr | jok, Spiegel Online
Die Arbeit der UN-Inspektoren in Syrien ist sehr heikel, militärische Unterstützung von Kontrolleuren dürfte unerlässlich sein (Quelle: dpa)
Was taugt das neue Vermittlungsangebot in der Syrien-Krise? Das Assad-Regime bietet an, seine Chemiewaffen offenzulegen und sogar teils zu zerstören. Doch Experten haben Bedenken: Zu riskant wäre die Mission für Beobachter, zu gut versteckt sind die Arsenale, zu komplex wäre deren Vernichtung.
Es klingt wie ein guter Deal, zumindest auf dem Papier. Syrien gewährt internationalen Beobachtern den Zugang zu seinen Chemiewaffenbeständen und vernichtet große Teile der Kampfstoffe. Im Gegenzug verzichtet der Westen, angeführt von den USA, vorerst auf ein militärisches Eingreifen in dem Bürgerkriegsland. Was sich einfach liest, dürfte laut Experten in der Umsetzung größte Probleme mit sich bringen.
Schon in Friedenszeiten ist das Aufspüren und die Sicherung von chemischen Waffen alles andere als eine leichte Aufgabe - das haben Beispiele in Iran, dem Irak oder in Nordkorea bewiesen. Doch Syrien befindet sich im dritten Jahr eines blutigen Bürgerkriegs. Der Einsatz von Inspektoren der Vereinten Nationen würde dadurch noch einmal deutlich komplizierter, riskanter und kostspieliger.
"Das Kleingedruckte in dieser Abmachung macht mir große Sorgen", sagte Amy E. Smithson der "New York Times". Die Wissenschaftlerin forscht am Monterey Institute of International Studies zum Thema Chemiewaffen. "Es ist eine gigantische Herausforderung für die Inspektoren. Sie müssten die Produktion stilllegen, Fabriken schließen und eine Liste der Kampfstoffe sowie der Trägerwaffen erstellen. Dann müsste eine große Menge der Waffen zerstört werden - mitten in einem Kriegsgebiet."
Die Probleme beginnen schon, bevor Inspektoren überhaupt Zugang zu möglichen Waffenfabriken und Lagerstätten bekommen. Denn vor einer Entsendung steht die Frage: Wie viele dieser Orte gibt es in Syrien, und wo liegen sie? Schätzungen gehen derzeit von bis zu 50 Lagerstätten aus. Zuletzt sollen die Regierungstruppen jedoch versucht haben, die Bestände an weniger Orten zu konzentrieren. Damit wären diese theoretisch besser vor einer Eroberung durch die Rebellen zu schützen.
Zwar haben Assads Diplomaten im Angesicht eines möglichen US-Schlags eine Offenlegung der Lagerstätten versprochen. Ob diese Zusicherungen des notorisch unzuverlässigen Regimes viel wert sind, wird allerdings von vielen Beobachtern bezweifelt. Viele vermuten, dass das Motiv hinter der Offerte schlicht der Zeitgewinn für das Regime ist.
Zudem müsste erst in komplizierten Verhandlungen geklärt werden, welche Waffensysteme unter die Lupe genommen werden dürfen. Schließlich taugen viele Raketensysteme sowohl für den Abschuss konventioneller als auch chemischer Waffen. Welche Anlagen daher unter den Deal fallen, ist Auslegungssache und im Detail festzulegen.
Noch größere Bedenken weckt allerdings die katastrophale Sicherheitslage in Syrien. Ständig wechselnde Frontlinien, unsichere Bündnisstrukturen der Rebellen und die immer gegenwärtige Bedrohung durch Al-Kaida machen eine Sicherung der UNO-Mission zur logistischen Herausforderung. Von einem "Alptraum" spricht ein namentlich nicht genannter Experte der Obama-Administration laut "New York Times". Beobachter bräuchten bei einem Einsatz im Kriegsgebiet bewaffnete Begleitkommandos, die stark genug wären, um einen Angriff aus einem der beiden Lager zu kontern.
Ein Beispiel ist die Anlage in Safira vor den Toren von Aleppo. Dort betreibt die Armee eine streng gesicherte Fabrik zur Produktion von Nervengas. Das Areal und die umliegenden Straßen wurden in der Vergangenheit wiederholt Ziel von Attacken durch die Rebellen. Ein Einsatz von Inspektoren wäre in der aktuellen Sicherheitslage nur unter größten Risiken und mit entsprechendem Schutzaufwand möglich.
Doch selbst wenn eine Erhebung und Sicherung der Bestände gelingen sollte, stünde eine gigantische Aufgabe noch bevor: die Vernichtung der C-Waffen des Assad-Regimes. Genaue Zahlen über die Bestände liegen nicht vor. Als wahrscheinlich gilt jedoch, dass der Diktator in den vergangenen Jahren nach den USA und Russland das drittgrößte Arsenal der gefährlichen Kampfstoffe angehäuft hat.
Um diese Waffen unschädlich zu machen, sind umfangreiche technische Vorbereitungen nötig. So müssen etwa bereits mit C-Waffen versehene Trägersysteme (zum Beispiel Bomben oder Raketen) zunächst zerlegt werden. Wegen der Gefahr durch die enthaltenen Kampfstoffe wird diese Aufgabe in den USA meist von Robotern übernommen.
Danach müssen die enthaltenen Gifte bei extrem hohen Temperaturen verbrannt werden, um sie unschädlich zu machen. Für bestimmte Kampfstoffe ist auch eine chemische Vernichtung möglich. In jedem Fall würde eine Zerstörung des Assad-Arsenals in Kriegszeiten einen horrenden logistischen und sicherheitstechnischen Aufwand bedeuten.
Der belgische Chemiewaffenforscher Jean Pascal Zanders warnte in der "Washington Post": "Es ist machbar, aber wir sollten nicht naiv sein. Wenn es um die Vernichtung der Munition geht, muss man in Jahren denken."
Diese Bedenken existieren offenbar auch auf Seiten der westlichen Regierungen. US-Präsident Obama sprach zwar von einer "potentiell positiven Entwicklung", hält jedoch auch den Druck auf das syrische Regime aufrecht, warnt vor einer Hinhaltetaktik. Auch C-Waffen-Expertin Amy E. Smithson sieht keinen Anlass für zügellosen Optimismus: "Diese Abmachung klingt gefährlich verlockend. Sie ist mit Vorsicht zu genießen."
11.09.2013, 14:12 Uhr | jok, Spiegel Online
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