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Amerikas mysteriöse Megacity

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Cahokia  

Amerikas mysteriöse Megacity

06.05.2008, 20:50 Uhr | Spiegel Online

Von Angelika Franz

Im 12. Jahrhundert hatte Cahokia ihren Höhepunkt erreicht. (Zeichnung: Cahokia Mounds State Historic Site)Im 12. Jahrhundert hatte Cahokia ihren Höhepunkt erreicht. (Zeichnung: Cahokia Mounds State Historic Site) Es war die größte Stadt Nordamerikas: Vor 800 Jahren stand mitten in der Prärie des Mississippi-Gebiets eine pulsierende Metropole. Ihre Bewohner lebten auf künstlichen Hügeln, waren versierte Astronomen - und opferten junge Frauen zu Dutzenden. Doch woher kamen die Menschen von Cahokia?#

Foto-Serie Cahokia, die erste Großstadt Amerikas
Stonehenge Archäologen haben neue Theorie

Mehr Flimmern in der Luft

Wer um das Jahr 1200 den Oberlauf des Mississippi hinunterfuhr, sah zunächst tagelang nur Gras. Der Himmel mit seinen Wolkenformationen bot dem Auge mehr Abwechslung als das Land mit seiner Eintönigkeit bis zum Horizont. Doch dann tauchte in der Ferne eine Wölbung auf. Zunächst mehr ein Flimmern in der Luft als eine fassbare Form. Dann kamen die Menschen. Erst nur ein paar, in Kanus auf dem Fluss oder zu Fuß am Ufer, beladen mit Waren.

Eine pulsierende Großstadt am Flussufer

Als die Erhebung immer größer wurde und sich als eine Ansammlung von Hügel herausstellte, waren auch Frauen und spielende Kinder am Flussufer zu sehen - und hinter ihnen eine pulsierende Großstadt. Schiffer und Händler schrien sich Preise zu, Kanus legten an und ab, Träger brachten Waren zum Ufer und trugen auf dem Rückweg Ladung den Hügel hinauf. So in etwa könnte es einst in Cahokia ausgesehen haben, der einstmals größten Stadt auf dem nordamerikanischen Kontinent.

Wer die Stadt bewohnte ist unbekannt

Zu einer Zeit, als in Europa noch nicht einmal die Großeltern von Christoph Columbus geboren waren und Kreuzzügler auf Jerusalem marschierten, lebten in der amerikanischen Megacity mehr Menschen als im damaligen London. Vorsichtige Schätzungen gehen von 10.000 bis 20.000 Einwohnern aus, wagemutige reden gar von 40.000. "Nur wer die Leute waren, wissen wir nicht", sagt Bill Iseminger, seit fast 30 Jahren Ausgräber in Cahokia. Den Namen bekam die Stadt, die im heutigen US-Bundesstaat Illinois liegt, von einem unbedeutenden Unterstamm der Illini, der allerdings erst im 16. Jahrhundert aus dem Osten an den Mississippi zog.

120 künstliche Hügel

Die Mississippians, wie die Ausgräber die Bewohner von Cahokia behelfsmäßig nennen, haben 120 künstliche Hügel in der Stadt errichtet. Der größte von ihnen, Monk's Mound, ist heute immer noch 30 Meter hoch und besitzt eine Grundfläche von 300 mal 240 Metern. Wie viel davon in den vergangenen 800 Jahren bereits der Erosion zum Opfer gefallen ist, weiß niemand. Manche nennen den Hügel jedenfalls die größte Pyramide der Welt.

300 Jahre lang wurde der Hügel aufgeschüttet

Der Monk's Mound entstand nicht über Nacht. 300 Jahre lang, zwischen 900 und 1200, trugen die Einwohner von Cahokia Erde in Körben heran und bauten den Hügel Schicht um Schicht auf. Insgesamt müssen es rund 14 Millionen volle Körbe gewesen sein. Auf der Plattform an der Spitze stand eine prächtige Residenz, die vom gesamten Stadtgebiet aus sichtbar war. Vielleicht lebte dort ein Herrscher, vielleicht ein Priester. Jedenfalls nicht die französischen Mönche, von denen der Hügel seinen Namen bekam. Die nämlich kamen erst im frühen 19. Jahrhundert in die Stadt.

Die Mississippians schleppten Steine von weit her

Ebenso geheimnisvoll wie seine Entstehung ist das Fundament, auf dem Monk's Mound errichtet wurde. Bei Arbeiten für ein Entwässerungssystem im Jahr 1998 stieß der Bohrer plötzlich auf Stein. Doch das war kein gewachsener Fels, es waren Brocken von Kalk- oder Sandstein. Solches Gestein aber kommt im gesamten Stadtgebiet nicht natürlich vor, sondern erst mindestens 13 Kilometer westlich, auf der anderen Seite des Flusses. Dazu kommt, dass die Mississippians keine großen Freunde von Steinen waren. Ihre Häuser bauten sie aus Holz und Lehm. Selbst in Gebieten, wo ihnen Steine zur Verfügung gestanden hätten, nutzten sie diese nicht als Baumaterial. Warum also machten sie sich die Mühe, Steine von weit her zu schleppen, um dann eine Erdpyramide darüber zu bauen?

Der "Vogelmann" ist ein beliebtes Motiv

Monk's Mound ist nicht der einzige mysteriöse Hügel von Cahokia. Im Hügel Nr. 72 etwa fanden die Archäologen das Grab eines rund 45 Jahre alten Mannes. Der Leichnam lag auf einem Bett aus 20.000 Muschelperlen, die in der Form eines Falken ausgelegt waren. Sein Kopf ruhte auf dem des Raubvogels, die Arme auf den Flügeln, die Beine auf Schwanz und Krallen. "Vogelmann" ist ein beliebtes Motiv in der Kunst der Mississippians.

Junge Frauen wurden erwürgt

Und der Tote war nicht allein. In unmittelbarer Nähe entdeckten die Ausgräber vier weitere Männer – alle ohne Kopf und Hände. In einer weiteren Grube lagen noch mehr Leichen. "Wir haben nicht bei allen das Geschlecht herausfinden können", sagt Iseminger. "Aber die, die wir bestimmen konnten, waren weiblich. Junge Frauen, alle im Alter zwischen 15 und 25 Jahren." Auch sie starben keines natürlichen Todes, sie wurden erwürgt.

Ähnlichkeit mit den Azteken

Insgesamt vergruben die Mississippians im Hügel Nr. 72 rund 280 Leichen. "Es ist wahrscheinlich, dass sie alle zum selben Zeitpunkt starben", sagt Iseminger. Mit anderen Worten: Sie wurde geopfert. Gibt es vielleicht eine Parallele zwischen den Mississippians und den Azteken, die zur selben Zeit viele Tausend Kilometer weiter südlich gerade begannen, den Göttern Menschenopfer darzubringen? "Das ist möglich", meint Iseminger. "Die Azteken hatten auch eine sehr ähnliche Sozialstruktur."

Astronomie im Holzpfahl-Kreis

Wie die Mississippians ihre Götter nannten, ist genau so unbekannt wie ihre Herkunft. Sicher ist nur, dass sie sich auf Astronomie verstanden. Westlich des Monk's Mound stand eine kreisförmige Anordnung von großen, aufrechten Zedernstämmen. Archäologen nennen sie Woodhenge, in Anspielung auf den berühmten Steinkreis von Stonehenge in England. Mit den Holzpfählen konnten die Astronomen von Cahokia nachweislich die Sonnenwenden und Äquinoktien bestimmen. Das Woodhenge vom Monk's Mound war um das Jahr 1000 das erste, das gebaut wurde - aber die Astronomen von Cahokia waren so versiert in dieser Kunst, dass sie noch mindestens fünf weitere Woodhenges über das gesamte Stadtgebiet verteilten.

Die Stadt starb an ihrer eigenen Größe

Dann kam die Wende für die blühende Stadt. Die Ernährung von 20.000 oder mehr Menschen war ein erhebliches logistisches und umwelttechnisches Problem. Irgendwann im 13. Jahrhundert gingen die Wildbestände zurück, die Böden waren ausgelaugt aus, Wälder quasi nicht mehr vorhanden. Hinzu kam ein subtiler Klimawandel, eine kleine Eiszeit. Das Frühjahr kam später, der Herbst früher, die fruchtbaren Tage des Jahres wurde immer weniger. Auf die früher so berechenbaren Regenzeiten war kein Verlass mehr. Immer wieder kamen Seuchen, die sich wegen der fehlenden Kanalisation wie ein Luffeuer unter den Städtern ausbreiten konnten. "Die Stadt erstickte unter ihrem eigenen Gewicht", sagt Iseminger.

Verteidigungsanlagen ohne Kriegsspuren

Die Feinde der Mississipians sahen ihre Stunde offenbar gekommen. Zwischen 1150 und 1250 mussten die Bewohner von Cahokia zum ersten Mal Verteidigungsanlagen errichten. Sie zogen einen 2800 Meter langen Holzzaun um die Innenstadt, komplett mit Wachttürmen in regelmäßigen Abständen. Dafür fällten sie 20.000 Bäume und beschleunigten so die Bodenerosion im Umland. Der Zaun ist allerdings die einzige archäologische Spur kriegerischer Auseinandersetzungen: keine fremden Pfeilspitzen, keine Brandschicht, keine zerstörten Häuser. Die mutmaßlichen Angreifer bleiben ebenso mysteriös wie die Verteidiger.

Kein Stamm beansprucht Cahokia für sich

Um das Jahr 1400 strich durch Cahokia nur noch der Wind. Zurück blieben nicht einmal Legenden. Wer sind die Nachfahren dieser Hochkultur? Vielleicht die Cherokee? Die Osage? Die Shawnee? Kein heutiger Stamm beansprucht die Ruinen für sich. Keiner kennt sie in seinen Liedern und Geschichten. Dennoch blieb Cahokia noch mehr als 300 Jahre nach dem Verschwinden der Mississipians unerreicht. 1492 landete Columbus in der Neuen Welt. Doch erst im frühen 19. Jahrhundert lebten in Nordamerika erstmals wieder 20.000 Menschen auf einem Fleck zusammen - in Philadelphia.

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