22.01.2013, 15:37 Uhr | dapd
Schulterschluss: Konrad Adenauer und Charles de Gaulle nach der Unterzeichnung des Élysée-Vertrags (Quelle: dpa)
Es war ein klirrend kalter Wintertag, als General de Gaulle und Adenauer am frühen Abend des 22. Januar 1963 im Pariser Élysée-Palast, dem Amtssitz des französischen Präsidenten, den Vertrag über die deutsch-französische Zusammenarbeit unterzeichneten.
In einer kurzen gemeinsamen Erklärung zum Vertrag wurden die drei wichtigsten Ziele der Vereinbarung genannt: die Aussöhnung der in jahrhundertelanger "Erbfeindschaft" verbundenen Staaten, die Begründung einer echten Freundschaft zwischen den beiden Völkern, insbesondere der Jugend, und die Förderung des Aufbaus eines einigen Europas. Aus erbitterten Kriegsgegnern sollten Partner werden - 18 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges war das für viele eine Sensation.
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In dem Abkommen verpflichteten sich die beiden Nachbarn zu Konsultationen in allen wichtigen Fragen der Außen-, Verteidigungs- Bildungs-, Jugend- und Kulturpolitik. Regelmäßige Treffen zwischen den Regierungschefs und den zuständigen Ressortministern sowie hoher Beamter beider Länder sollten die Umsetzung des Vertrages gewährleisten.
Nachdem Adenauer und de Gaulle sowie die Außenminister Gerhard Schröder und Maurice Couve de Murville und Frankreichs Ministerpräsident Georges Pompidou den Vertrag unterzeichnet hatten, äußerte sich der General sichtlich bewegt: "Übervoll ist mein Herz und dankbar mein Gemüt" - niemand auf der Welt könne "die überragende Bedeutung dieses Aktes verkennen". Nicht nur wende sich "das Blatt einer langen und blutigen Geschichte der Kämpfe und Kriege, sondern zugleich öffnet sich das Tor zu einer neuen Zukunft für Deutschland, für Frankreich, für Europa und damit für die Welt". Adenauer erwiderte: "Herr General, Sie haben es so gut gesagt, dass ich dem nichts hinzufügen könnte." Den deutschen Bundeskanzler bedachte de Gaulle hernach mit dem Wangenkuss - à la française - links und rechts.
Wenig später bekannte Adenauer in der "New York Times", die Unterzeichnung des Vertrages sei "seine wichtigste Tat in all den vierzehn Jahren seiner Kanzlerschaft" gewesen. Es sollte auch seine letzte große Tat vor seinem Ausscheiden aus dem Amt im Herbst 1963 werden.
Der Élysée-Vertrag ist fraglos ein zentrales Dokument der Aussöhnung. Allerdings wäre er nicht ohne einen jahrelangen Annäherungsprozess zwischen Deutschland und Frankreich möglich gewesen. Einer, der diesen unermüdlich vorangetrieben hatte, war Robert Schuman. Der französische Außenminister von 1948 bis 1952 und spätere erste Präsident des Europäischen Parlaments erklärte am 9. Mai 1950: "Die Vereinigung der europäischen Nationen erfordert, dass der jahrhundertealte Gegensatz zwischen Frankreich und Deutschland ausgelöscht wird."
Ein wichtiger Schritt wurde mit der Begründung der Montanunion im Jahr 1952 getan, der auf dem Schuman-Plan für eine Zusammenlegung der deutschen und französischen Kohle- und Stahlproduktion fußte. Ein zweiter folgte mit dem Inkrafttreten der Verträge über die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) Anfang Januar 1958. Das entscheidende symbolische Signal für das Ende der Feindschaft gaben Adenauer und de Gaulle selbst am 8. Juli 1962 mit ihrer Teilnahme am Versöhnungsgottesdienst in der Kathedrale von Reims.
Der Bundestag ratifizierte den Élysée-Vertrag am 15. Mai 1963, ergänzte ihn aber mit einer Präambel im Ratifikationsgesetz. Das darin formulierte Bekenntnis zur Partnerschaft mit den USA und zur Integration in die NATO und die EWG sorgte auf der französischen Seite für Missstimmung - war es doch das Gegenteil dessen, was de Gaulle mit dem Vertrag erreichen wollte. Mit dem Freundschaftsvertrag strebte der General an, ein Gegengewicht zu den USA zu bilden. Zudem hatte de Gaulle erst kurz zuvor einen Beitritt Großbritanniens zur EWG ausgeschlossen. Bis weit in die CDU/CSU-Fraktion hinein fürchteten die Bonner Parlamentarier, mit der Ratifizierung des Élysée-Vertrages in die auf Distanz zu den USA und Großbritannien bedachte Außenpolitik Frankreichs gezogen zu werden - und verabschiedeten die umstrittene Präambel.
Der Erfolg des Élysée-Vertrages stand damit infrage, wie unter anderem das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" in seiner Ausgabe vom 10. Juli 1963 berichtete. "Verträge sind wie Rosen und junge Mädchen, sie haben ihre Zeit", monierte demzufolge de Gaulle am 2. Juli 1963. Für verblüht hielt der Präsident den Élysée-Vertrag just an dem Tag, an dem dieser in Kraft trat.
Adenauer konterte auf die Kritik beim festlichen Abendessen im Palais Schaumburg bei de Gaulles Besuch in der Bundesrepublik am 4. Juli 1963: "Aber die Rose - und davon verstehe ich nun wirklich etwas, das lasse ich mir von niemandem bestreiten - ist die ausdauerndste Pflanze, die wir überhaupt haben." Der Bundeskanzler fügte den Angaben zufolge hinzu: "Jawohl, diese Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland ist wie eine Rose, die immer wieder Blüten bringt, die immer wieder Knospen treibt und wiederum Blüten bringt und die alle Winterhärten glänzend übersteht."
Der erfahrende Rosenzüchter Adenauer sollte recht behalten. Insbesondere mit der Gründung des Deutsch-Französischen Jugendwerks am 5. Juli 1963, mit dessen Unterstützung sich Millionen Jugendliche aus beiden Ländern trafen und kennenlernten. Außerdem entstanden in den Folgejahren zahlreiche deutsch-französischen Städte- und Gemeindepartnerschaften, die den Vertrag mit Leben erfüllten.
Quelle: dapd
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