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Privatpatienten: Schneller dran, aber nicht besser

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Schneller dran, aber nicht besser

16.02.2012, 19:19 Uhr | Von Nicola Kuhrt, Spiegel Online

Privatpatienten: Schneller dran, aber nicht besser. Gibt es in deutschen Arztpraxen eine Zweiklassenmedizin? (Quelle: dapd)

Gibt es in deutschen Arztpraxen eine Zweiklassenmedizin? (Quelle: dapd)

 

Zweiklassen-Medizin in Deutschland - Fakt oder Mythos? Hamburger Gesundheitsökonomen haben untersucht, wie lange Patienten auf Termine in Arztpraxen warten müssen. Die Erkenntnis: Der Versichertenstatus hat Einfluss auf den Arztzugang, besser behandelt werden die Privaten aber nicht.

Wann bin ich endlich dran? Argwöhnisch beäugt der Patient im Wartezimmer sein Umfeld. Sind die alle noch vor mir an der Reihe? Der Typ, der eben erst kam, wurde direkt aufgerufen, ich selbst sitze dagegen schon ewig hier und blättere in zerfledderten Zeitschriften. War der vielleicht privat versichert?

Kann nicht sein, sagt jetzt Andreas Köhler, Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Die in Deutschland viel beklagte Zweiklassenmedizin sei ein Mythos. Das belege eine neue Studie der Universität Hamburg. Sie zeige eindeutig, dass sich eine unterschiedliche Behandlung von Kassen- und Privatpatienten nicht nachweisen lasse.

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Tatsächlich weist die unter der Leitung des Ökonomen Jonas Schreyögg vom Lehrstuhl für Management im Gesundheitswesen durchgeführte Studie jedoch eine Ungleichbehandlung nach. Die ermittelten Zahlen belegen: Wer einen Termin bei einem Hausarzt haben möchte, wartet durchschnittlich 2,2 Tage - als Kassenpatient. Der Privatversicherte ist nach 1,4 Tagen dran.

"Beide warten also ähnlich lang", kommentiert das der KBV-Chef. Was er nicht so deutlich erwähnt, ist die Zahl der Tage, die verstreichen, bis man zum Facharzt darf: Der Privatpatient kann nach sieben Tagen bei Orthopäden, Hautärzten und Rheumatologen vorbeischauen - der Kassenpatient wartet mehr als doppelt so lang, nämlich genau 16 Tage.

"Das gilt allerdings nicht für den akuten Fall", schränkt Schreyögg die Ergebnisse ein. "Bei Dringlichkeit ist jeder Versicherte in Deutschland spätestens nach rund zwei Tagen dran."

Wer es in die Praxis geschafft hat, sitzt auch dort unterschiedlich lange. Beim Facharzt wartet der Privatversicherte durchschnittlich 29,3 Minuten, der GKV-Patient ein wenig länger, nämlich 36 Minuten. Beim Hausarzt darf der Privatpatient nach rund einer halben Stunde zum Doktor, der Kassenpatient sitzt elf Minuten länger im Wartezimmer.

"Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass die Mitgliedschaft in einer privaten Krankenversicherung eine aussagekräftige Rolle für den Zugang zur Versorgung hat", formuliert Schreyögg. Ausgewertet hatten er und seine Mitarbeiter fünf große Querschnittsbefragungen des Bertelsmann Gesundheitsmonitors zwischen 2007 und 2009, mit jeweils 1500 Patienten. Man dürfe eine längere Wartezeit aber nicht mit der Qualität der Behandlung gleichsetzen.

Neben dem Versichertenstatus wurde auch der Einfluss des Einkommens auf die Wartezeiten untersucht. Ergebnis: Wer über ein Haushaltseinkommen von mehr als 2000 Euro im Monat verfügt, bekommt in Hausarztpraxen im Durchschnitt einen Tag früher einen Termin als ein Patient mit einem Haushaltseinkommen von unter 500 Euro. In Facharztpraxen schlägt sich der Einfluss des Einkommens erst ab einem Gehalt von mehr als 5000 Euro in kürzerer Wartezeit nieder - dann aber spürbar.

Schweden warten 8,9 Monate auf einen Facharzt-Termin

Insgesamt zeigte sich der Forscher mit den Ergebnissen in punkto Wartezeit hochzufrieden - weil Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern deutlich besser dasteht.

Die Auswertung europäischer Gesundheitsdaten, zusammengefasst im sogenannten Survey of Health Aging and Retirement ("Share") ergibt tatsächlich Erstaunliches:

So warten Menschen in Schweden 8,9 Monate auf einen Termin beim Facharzt, in Dänemark sind es 5,6 Monate. Deutschland kommt in diesem Ranking auf 1,8 Monate, darunter noch die Schweiz mit 1,7. Spitzenreiter ist Griechenland mit 1,1 Monaten Wartezeit - doch das habe er direkt nachgeprüft, so Schreyögg, "das glauben selbst die Griechen nicht."

Besonders die Wartezeiten in den skandinavischen Ländern zeigten die Unterschiede zwischen den Gesundheitssystemen - in Schweden und Dänemark finanziert und kontrolliert alles der Staat, in Deutschland regelt sich dies über die Verbände der Sozialversicherung . "Die Skandinavier rationieren ihre möglichen Kapazitäten an Ärzten und Behandlungsterminen über die Wartezeit", sagt der Ökonom, "da sterben durchaus auch Menschen, die auf der Warteliste stehen". So etwas gebe es in Deutschland kaum, außer vielleicht in Fällen, wo Menschen auf Organspenden warten.

Als nächstes wollen die Hamburger Wissenschaftler untersuchen, wie es um die Qualität der Behandlung bestellt ist. Denn auch wenn man die höheren Wartezeiten für Gesetzlichversicherte nicht wegreden kann, bedeuten die Ergebnisse nicht, dass Privatpatienten automatisch besser dran sind. "Ist ein privater Diabetiker besser eingestellt als ein gesetzlicher? Ich glaube nicht", Schreyögg. Die Qualitätssicherung der Leistungen sei bei den gesetzlichen Kassen sogar besser ausgebaut. Eine systematische Kontrolle der durchgeführten Therapien gibt es im privaten Bereich nicht.

Bekannt ist, dass es nicht immer von Vorteil sein muss, wenn der Chefarzt operiert - statt eines Oberarztes, der täglich im OP steht. Bedenklich ist auch die Situation bei Therapien wie Kniearthroskopie. Eine Untersuchung hatte gezeigt, dass rund 80 Prozent der Behandlungen fehlerhaft sind. In der GKV kann dem Arzt die Lizenz entzogen werden, bei den Privaten gibt es das nicht.

 
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