05.06.2012, 16:25 Uhr | Von Till Mundzeck, dpa
Mini-Sonnenfinsternis 2004: Am 8. Juni zog die Venus vor der Sonne vorbei (aufgenommen in Singapur) (Quelle: dpa)
Unser Nachbarplanet Venus beschert irdischen Beobachtern Anfang Juni eine sehr seltene Mini-Sonnenfinsternis: Zum Sonnenaufgang am 6. Juni zieht die Venus vor der Sonnenscheibe vorbei - ein kosmisches Schauspiel, für das wohl kaum jemand eine zweite Beobachtungschance bekommt.
Denn ein solcher sogenannter Venus-Transit findet erst im Jahr 2117 wieder statt. Nicht nur Hobbyastronomen, auch Profiforscher sollten das seltene Ereignis sorgfältig beobachten, schreibt Jay Pasachoff von der Internationalen Astronomischen Union (IAU) in einem Kommentar im britischen Fachjournal "Nature". Denn die Daten könnten auch bei der Suche nach Planeten anderer Sterne helfen.
Die Venus ist die innere Nachbarin der Erde, der zweite Planet von der Sonne aus gesehen. Zu einem Transit kommt es, wenn sie die Erde, den dritten Planeten, auf der Innenbahn überholt und sich dabei genau zwischen uns und die Sonne schiebt. Zwar überrundet die Venus die Erde regelmäßig. Da jedoch die Umlaufbahnen beider Planeten leicht gegeneinander gekippt sind, zieht die Venus am irdischen Himmel fast immer nördlich oder südlich an der Sonnenscheibe vorbei. Nur wenn das Überholmanöver zufällig gerade am Kreuzungspunkt beider Bahnebenen stattfindet, schiebt sich die Venus vor die Sonne.
Wer allerdings von dem seltenen Schauspiel nichts weiß, bekommt es gar nicht mit. Nur wer zur richtigen Zeit und vor allem mit einem geeigneten Augenschutz zur Sonne schaut, kann den Nachbarplaneten als kleines dunkles Scheibchen vor der gleißenden Sonne erkennen, wie der Stuttgarter Astronomieprofessor Hans-Ulrich Keller in seinem Sternhimmel-Ratgeber "Das Kosmos Himmelsjahr" (Kosmos Verlag) schreibt. Keller warnt Beobachter davor, ohne speziellen Augenschutz in die Sonne zu schauen. Durch das gleißende Licht drohen schwere Augenschäden bis zur Erblindung. Das gilt insbesondere für den ungeschützten Blick durch Feldstecher oder Teleskop.
Jahrhundertelang ist die Venus unbemerkt von irdischen Bewohnern vor der Sonne vorbeigezogen. Der Transit des Jahres 1631 wurde als erster korrekt vorhergesagt, blieb aber wetterbedingt weitgehend unbeobachtbar, wie Pasachoff berichtet. Seitdem gab es nur sechs weitere Gelegenheiten, das Schauspiel zu sehen. In den Jahren 1761 und 1769 seien hunderte Expeditionen ausgerüstet worden, um das Ereignis zu verfolgen. Denn aus den Beobachtungszeiten von verschiedenen Punkten auf der Erdoberfläche lässt sich die Entfernung der Venus und der Sonne bestimmen.
Heute sind die Entfernungen im Sonnensystem durch andere Methoden sehr viel genauer vermessen. Dennoch sei der Venus-Transit mehr als ein Himmelsspektakel für die interessierte Allgemeinheit, meint Pasachoff. Die Beobachtung kann der modernen Forschung nützen, denn solche Planeten-Transits sind eine der Methoden, mit denen Astronomen heute nach fernen Planeten anderer Sterne suchen.
Spezialsatelliten spähen nach der ganz leichten Abdunkelung von Sternen, die durch solch einen Transit entsteht. Jetzt biete sich die einmalige Chance, einen solchen Transit aus der Nähe zu betrachten. Das sei vor allem nützlich, da unsere Sonne zurzeit eine besonders aktive Phase mit vielen Sonnenflecken durchlaufe. So lasse sich überprüfen, wie Sonnenflecken von vorbeiziehenden Planeten unterschieden werden können, erläutert Pasachoff.
Wer den Venus-Transit selbst beobachten möchte, muss früh aufstehen, denn Europa ist in keiner günstigen Position für das diesjährige Schauspiel. Wenn die Sonne bei uns kurz nach 5 Uhr morgens über den Horizont steigt, ist der größte Teil der rund 6,5 Stunden langen Mini-Finsternis bereits vorüber. Nur etwa die letzten anderthalb Stunden lassen sich bei uns noch beobachten.
Bei klarem Himmel kann dann beobachtet werden, wie sich die Venus wieder von der Sonnenscheibe löst. Dabei wird auch ein seltsames Phänomen zu sehen sein, das Generationen von Astronomen Kopfzerbrechen bereitet hat: Nähert sich die Venus-Scheibe dem Sonnenrand, bildet sie eine Tropfenform als wolle sie zum Rand hin ausfließen. Ursache für diesen schwarzen Tropfen sei zum einen die beschränkte Detailschärfe (Auflösung) aller Teleskope, erklärt Pasachoff. Zum anderen die Tatsache, dass die Sonne zum Rand hin extrem rasch dunkler werde.
Zuletzt war die Venus 2004 vor der Sonnenscheibe vorbeigezogen, der Transit war von ganz Mitteleuropa aus gut zu verfolgen. Wegen der Bahngeometrie folgt auf einen ersten Venus-Transit meist nach acht Jahren ein zweiter, daher wiederholt sich das Schauspiel in diesem Jahr. Danach dauert es jedoch stets 105,5 oder sogar 121,5 Jahre, bis sich die Stellung am Himmel wiederholt. Daher erhält jeder, der das Schauspiel verpasst, zu Lebzeiten wohl keine zweite Chance.
Quelle: Von Till Mundzeck, dpa
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