Startseite
Sie sind hier: Home > Nachrichten > Wissen >

Ein rätselhafter Patient: Das Kind im Kinde

...

Das Kind im Kinde

22.04.2013, 11:47 Uhr | Von Heike Le Ker, Spiegel Online

Ein rätselhafter Patient: Das Kind im Kinde. CT-Aufnahmen zeigen embryonales Gewebe im Bauch des Patienten (Quelle: Gangopadhyay et al/ BioMed Central)

CT-Aufnahmen zeigen embryonales Gewebe im Bauch des Patienten (Quelle: Gangopadhyay et al/ BioMed Central)

Ein Baby übergibt sich. Nichts Ungewöhnliches, könnte man denken. Doch der Fall des kleinen Jungen aus Indien ist spektakulär: Mit Röntgen- und CT-Aufnahmen kommen die Ärzte der seltenen Diagnose auf die Spur - und machen einen überraschenden Fund in seinem Bauch.

Als das Baby mit aufgeblähtem Bauch in der Klinik ankommt, ahnen die Ärzte nicht, was für ein ungewöhnliches Rätsel sie vor sich haben. Weltweit gibt es weniger als hundert ähnliche Fälle, die in der Literatur beschrieben sind. Es sind Geschichten, die nach Gruselkabinett klingen - und dennoch wahr sind. Doch erst einmal ist der zweieinhalb Monate alte Junge für die Kinderchirurgen von der Banaras Hindu University im indischen Varanasi ein ganz normales Kind, das Hilfe braucht.

Die Eltern berichten, dass der erste Lebensmonat normal verlief. Nach vier Wochen hatte der Junge immer wieder einen harten Bauch und erbrach sich häufig. Das tun viele Säuglinge, und weil das Erbrechen und die Anspannung der Bauchdecke immer wieder verschwanden, warteten die Eltern ab. Als die Symptome aber auch sechs Wochen später häufig auftreten, sucht das besorgte Paar Hilfe im Krankenhaus.

Top-Nachrichten
Unsere wichtigsten Themen

Als die Ärzte den Jungen untersuchen, ist sein Bauch zwar weich. In der linken Hälfte aber tasten sie eine große, relativ feste, verschiebbare Masse, die dort nicht hingehört. Normalerweise lassen sich bei kleinen Kindern lediglich noch der Rand der Leber und mitunter die Milz im rechten und linken Oberbauch ertasten.

Einverleibte Zellen

Zunächst untersuchen die Mediziner das Kind per Ultraschall, wie sie im "Journal of Medical Case Reports" berichten. Die Struktur in der linken Bauchhälfte sieht aus wie ein großer Klumpen, der verkalkt ist, aber auch Hohlräume hat und unter anderem aus weichem Gewebe bestehen könnte. Als Nächstes wird der Bauch des Babys geröntgt. Auch auf diesen Bildern sehen die Radiologen verkalkte Anteile, möglicherweise handelt es sich sogar um Knochen.

Die Ärzte gehen davon aus, dass sie das Kind operieren müssen. Um die Größe und die Beschaffenheit der seltsamen Masse besser einschätzen zu können, machen sie eine Computertomografie des Bauches. Die bedeutet zwar eine hohe Strahlenbelastung für den Jungen. Doch mit einer Kernspinuntersuchung, die nicht mit Röntgenstrahlen, sondern mit Magnetfeldern arbeitet, lassen sich Knochen nur schlecht darstellen - und Knochen vermuten die Mediziner in der Struktur.

Die Schichtaufnahmen geben den entscheidenden Hinweis: Aus den einzelnen Bildern lässt sich ein Gesamtbild erstellen, auf dem die Masse aussieht wie ein Fötus. Wenn im Mutterleib Zwillinge entstehen, kann es durch eine Fehlteilung während der Entwicklung des Embryos passieren, dass sich Zellen des einen Embryos in den anderen hineinverlagern. Mediziner nennen dieses extrem seltene Phänomen "Foetus in Foeto". Während der eine Embryo in der Schwangerschaft zu einem gesunden Kind heranreift, teilen sich die quasi einverleibten Zellen des Zwillings nicht mehr richtig - es entstehen lediglich deformierte Gliedmaßen, funktionsunfähige Organe und Zellhaufen.

Einling, Zwilling, Drilling?

Die Operation überrascht die Mediziner trotzdem: Im Bauch des Jungen finden sie eine Gewebemasse, die direkt aus seiner Hauptschlagader mit Blut versorgt wird. Sie ist mit 20 mal acht Zentimetern so groß, dass sie seine Milz, seinen Darm, seine Bauchspeicheldrüse und seine linke Niere verdrängt. Nachdem die Chirurgen die Gewebemasse entfernt haben, entdecken sie, dass es sich nicht nur um einen, sondern sogar um zwei kleine Föten handelt - die Mutter hätte eigentlich Drillinge bekommen sollen.

Die Ärzte finden Haare, Fuß, Rumpf und Kopf. Bei den späteren Zelluntersuchungen zeigt sich, dass in den beiden Föten die verschiedensten Gewebearten wie Nieren- und Nervenzellen, Muskeln, Haut und Knochen vorhanden sind. Die Föten sind über ein nabelschnurähnliches Gewebeband miteinander verbunden - lebensfähig wäre keiner von beiden gewesen.

Bei dem extrem seltenen Phänomen befindet sich der eingeschlossene Fötus meist im Bauch des gesunden Kindes und verursacht dort früh Beschwerden. So auch bei einem neugeborenen Jungen in Chile, bei dem ein etwa zehn Zentimeter großer Fötus im Magen gefunden wurde. Doch auch in anderen Organen können die Zellen eines Zwillingsfötus eingeschlossen werden. Ein US-Arzt etwa berichtete von einem kleinen Jungen, der eigentlich aufgrund eines Hirntumors operiert wurde. Im Zentrum des vermeintlichen Tumors fanden die Ärzte allerdings einen kleinen Fuß und eine deformierte Hand.

Sehr selten kommt es auch vor, dass die Betroffenen jahrelang - oder sogar bis zu ihrem Tod - mit dem verkümmerten Zwilling im Leib leben. Bekannt ist etwa der Fall eines Inders, der 36 Jahre lang seinen deformierten Fötus in sich trug. Dieser war so groß, dass der Mann aussah, als sei er schwanger. Schließlich wurde der Druck auf sein Zwerchfell so extrem, dass er nur noch schwer Luft bekam und operiert werden musste. Die Probleme verschwanden, er wurde schnell wieder gesund.

Auch der Säugling im indischen Varanasi erholt sich nach der Operation schnell und gut. Schon bald nach dem Eingriff darf er zu seinen Eltern nach Hause.

Liebe Leserin, lieber Leser, aktuell können zu diesem Thema keine neuen Kommentare abgegeben werden. Ab 6 Uhr können Sie hier wieder wie gewohnt diskutieren. Wir danken für Ihr Verständnis.
Liebe Leser, bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel kommentieren zu können. Mehr Informationen.
Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre Adresse an.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht

Wählen Sie aus dem Pull-Down-Menü Ihren gewünschten Ansprechpartner aus. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail
Nachricht
Anzeige
Video des Tages
Schwergewicht Panther 8x8 
Mega-Maschine kämpft gegen Flammen

Es ist eines der modernsten Löschfahrzeuge und kostet knapp eine Million Euro. Video

Anzeige
Skurriler Weihnachtsbrauch 
Übergewichtige Stubentiger als Wetterpropheten

Beim Katzenwiegen in Sachsen wird das Felltier zur Messlatte für das Winterwetter. mehr

Drei-Tages-Wettervorhersage

Anzeige


Anzeige