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Kalifornien fürchtet Mega-Erdbeben "The Big One"

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Erdbebenserie in L.A.  

Kalifornien fürchtet "The Big One"

08.04.2014, 17:12 Uhr | Von Marc Pitzke, Spiegel Online

Kalifornien fürchtet Mega-Erdbeben "The Big One". Die Farben zeigen, wie heftig sich der Boden bei einem starken Erdbeben bewegen könnte: Die größten Beschleunigungen erwarten Experten für Kalifornien entlang der San-Andreas-Verwerfung (rosa Farbtöne) (Quelle: Google Earth)

Die Farben zeigen, wie heftig sich der Boden bei einem starken Erdbeben bewegen könnte: Die größten Beschleunigungen erwarten Experten für Kalifornien entlang der San-Andreas-Verwerfung (rosa Farbtöne) (Quelle: Google Earth)

Jahrelang war es ruhig - jetzt wurde Los Angeles von gleich zwei kräftigen Erdbeben wachgerüttelt. Seitdem bangt Kalifornien: Sind das die Vorboten des lange erwarteten Mega-Bebens?

Mark Benthien ist gut vorbereitet. Die Fundamente seines Einfamilienhauses, Baujahr 1926, sind nachträglich verstärkt worden. Kommoden und Regale hat er fest in die Wände gedübelt, die Küchenschränke tragen Spezialverschlüsse. Und in der Garage lagern mehr als 200 Liter Trinkwasser. "Das hält sich fünf Jahre." Das große Beben kann kommen.

Es bleibt unvorhersehbar

Benthien muss es wissen: Als Direktor des Southern California Earthquake Centers (SCEC) sind dem Seismologen die Risiken bestens bewusst. Am Ende aber ist selbst er den Naturgewalten ausgeliefert, die er zwar erklären, doch nicht vorhersagen kann. "Es kracht", sagt er lakonisch, "wenn es kracht".

Benthien ist einer von 17 Millionen Menschen im Großraum Los Angeles, die sich plötzlich, nach längerer Atempause, wieder mit der prekären Geologie unter ihren Füßen konfrontiert sehen. Zwei Beben in kurzer Folge haben die Region wachgerüttelt: eines Mitte März entlang des Freeways I-405 mit einer Stärke von 4,4 und ein weiteres am vorigen Freitag mit einer Stärke von 5,1 - samt hunderter Nachbeben.

"Wir leben im Erdbebenland", weiß Benthien. Trotzdem zeigte sich selbst Bürgermeister Eric Garcetti diesmal etwas verstört: "Das war der stärkste Ruck, den ich je gespürt habe", sagte er. "Und ich lebe seit 41 Jahren in der Stadt."

Zehn Sekunden Beben

In der Tat: Ein Doppelknall ist eher selten - zumal es der schwerste seit 2008 war. Seither jagen sich die Spekulationen: War das die Ouvertüre zum "Big One", dem überfälligen Großbeben, das Kalifornien seit Generationen fürchtet?

Vor allem das Epizentrum des zweiten Schocks macht Experten Sorgen - an der Puente-Hills-Verwerfung, die sich unter den Wolkenkratzern der Downtown bis nach Hollywood zieht. Nur eine halbe Sekunde lang verrutschte die, worauf die Erde ringsum zehn Sekunden bebte - genug, um Möbel umzukippen, Geschirr zu zerdeppern und einen kleinen Erdrutsch zu bewegen.

Tausende Tote, Hunderte Milliarden Dollar

Benthien und seine SCEC-Kollegen haben die Puente Hills Fault schon 2005 untersucht: Ein schweres Beben dort könnte bis zu 18.000 Tote fordern und nach heutiger Rechnung mehr als 300 Milliarden Dollar Schaden anrichten - weit mehr als eines an der bekannteren San-Andreas-Verwerfung, die 1906 das historische Beben von San Francisco auslöste.

Zwei Jahrzehnte ist es her, dass Los Angeles zuletzt von einem Mega-Beben erschüttert wurde, dem Northridge Earthquake (Stärke 6,7). Mehr als 60 Menschen kamen um und fast 9000 wurden teils schwer verletzt; der Sachschaden betrug bis zu 25 Milliarden Dollar.

"Ich wollte etwas bewirken"

Northridge gab dem damaligen Geophysik-Studenten Benthien seine Bestimmung: "Ich wollte etwas bewirken." Also verteilte er Seismometer in den Gärten, um tausende Nachbeben zu messen und, so seine Hoffnung, eines Tages Beben vorhersagen zu können.

Doch je mehr er lernte, desto klarer wurde: Das ist unmöglich. "Erdbeben geschehen beliebig", sagt Benthien. So auch die jüngsten: "Sie haben wahrscheinlich gar nichts miteinander zu tun."

Lange reagierte Los Angeles auf diese gnadenlose Unberechenbarkeit mit Resignation und Lethargie. Erst Bürgermeister Garcetti, seit neun Monaten im Amt, verbündete sich mit dem US-Geologiedienst USGS, um "Strategien zur Widerstandsfähigkeit gegen Erdbeben" und einen neuen "Bereitschaftsplan" zu entwickeln.

Bisher scheiterten ambitionierte Maßnahmen an den Kosten. So kam ein Frühwarnsystem mit Bodensonden nicht über die Testphase hinaus - obwohl jede Sekunde Leben rettet.

13 Stockwerke aus brüchigem Beton

Am teuersten ist es, zehntausende Häuser oft im Nachhinein bebensicher zu machen. Die "Los Angeles Times" zählte mehr als tausend alte Gebäude aus brüchigem Beton, die keinem Beben standhalten würden - darunter Wahrzeichen wie das zylinderförmige, 13-stöckige Capitol-Records-Hochhaus.

Aber auch Neubauten sind in Gefahr. So stellte sich Anfang des Jahres heraus, dass ein 200 Millionen Dollar teures Hochhausprojekt in Hollywood mit 1042 Wohnungen direkt auf einer aktiven Verwerfung sitzt, der Hollywood Fault. Trotzdem wurden die acht Komplexe keiner "seismischen Bewertung" unterzogen.

Auf eigene Faust

Da bleibt nur Katastrophenschutz auf eigene Faust. Dazu organisiert Mark Benthien regelmäßige "ShakeOuts" - Übungen, an denen voriges Jahr fast zehn Millionen Menschen teilnahmen. Sie lernten, wie man sich im Ernstfall verhält ("duck, cover, hold on") und was man parat haben sollte: Wasser, Radio, Batterien, Taschenlampe, Feuerlöscher, Staubmaske, Medikamente, drei Tage Proviant.

Benthien weiß, wo er am besten aufgehoben wäre - zuhause und in seinem ebenfalls bebensicheren Büro auf dem sonnigen Campus der University of Southern California. Auf seinem Schreibtisch dort liegt ein Schutzhelm, den er schon oft schnell greifen musste. Wie oft? Da lacht er nur: "So oft, wie es regnet."

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