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Füttern verändert die Vogelwelt

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Füttern verändert die Vogelwelt

23.12.2010, 09:21 Uhr | Von Magdalena Hamm, Spiegel Online

Füttern verändert die Vogelwelt. Der eine sieht es als "moralische Pflicht", der andere als "Gefahr": Die Fütterung von Vögel verändert die Vogelwelt (Foto: imago)

Der eine sieht es als "moralische Pflicht", der andere als "Gefahr": Die Fütterung von Vögel verändert die Vogelwelt (Foto: imago)

Im Winter versorgen viele Deutsche wild lebende Vögel mit Futter - und sorgen damit für einen Expertenstreit. Einige warnen vor Krankheitsgefahren und Verhaltensänderungen. Andere sehen es als moralische Pflicht. Tatsächlich kann das Füttern zur Entstehung neuer Vogelarten führen.

Im Winter entdecken viele Menschen ihr Herz für Tiere, kaufen Meisenknödel und Körner, um die daheimgebliebenen Vögel zu versorgen. Im Durchschnitt geben die Deutschen dafür 15 Millionen Euro jährlich aus, in diesem Jahr dürfte es angesichts des harten Winters noch etwas mehr werden. Obwohl das winterliche Vogelfüttern längst zu einem Massenphänomen geworden ist, entfacht sich jedes Jahr aufs Neue ein Streit unter Vogelexperten.

Der Deutsche Naturschutzbund (Nabu) warnt vor den Gefahren des Fütterns: Die Piepmätze könnten sich im dichten Gedränge um die Futterstelle gegenseitig mit Krankheiten anstecken. Die Organisation billigt die Vogelspeisung daher nur bei geschlossener Schneedecke oder Frost.

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Der emeritierte Professor des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Seewiesen, Peter Berthold, hält das Füttern dagegen für "unsere moralische Pflicht" und sähe es am liebsten, wenn nicht nur im Winter, sondern das ganze Jahr über Körner gestreut würden. Schließlich hätten wir die Landschaft so stark verändert, dass die Vögel nicht mehr genug Nahrung fänden.

"Wer Vögel füttert, kann morgens länger schlafen"

Fakt ist, dass das Verhalten des Menschen das der Vögel beeinflusst. Das belegt auch eine neue Studie, die Zoologen der Universität Basel kürzlich im Fachblatt "Animal Behaviour" veröffentlicht haben. Demnach fangen gefütterte Kohlmeisenmännchen durchschnittlich 20 Minuten später an zu singen als Artgenossen, die sich ihr Futter selbst suchen müssen. Die Wissenschafter haben ihre Ergebnisse daher so zusammengefasst: "Wer Vögel füttert, kann morgens länger schlafen."

Die ersten Kohlmeisen beginnen schon kurz nach Weihnachten, wenn die Tage wieder länger werden, ihren Gesang zu üben. Im Frühjahr zwitschern die Männchen dann um ihr Revier zu verteidigen und Weibchen anzulocken.

Das Schweizer Forscherteam um Katja Saggese stattete im März 2007 14 Meisenreviere im Stadtgebiet von Oslo mit Futtersilos und Meisenknödeln aus; genauso viele Reviere dienten als Vergleichgruppe und blieben unbestückt. Jeweils vor der Fütterung, am Ende der zweiwöchigen Fütterungszeit und nochmals zwei Wochen danach nahmen die Forscher den Gesang der Männchen mit Richtmikrofonen auf - je eine Stunde vor und nach Sonnenaufgang.

Wer später singt, dem könnte das Weibchen untreu werden

Auch zwei Wochen nach der Fütterungszeit sangen die verköstigten Meisenmännchen noch verzögert. Was menschliche Langschläfer freuen dürfte, gibt Saggese und ihren Kollegen Anlass zur Sorge. Sie vermuten, dass das reiche Nahrungsangebot Rivalen angelockt haben könnte. Wahrscheinlich müssten die Männchen schon früh morgens ihr Revier verteidigen und kämen deshalb erst später zum Singen.

Wie die Forscher schreiben, sei der Morgengesang aber wichtig, um das eigene Weibchen daran zu hindern, fremdzugehen. Für gefütterte Meisenmännchen bestehe demnach eine erhöhte Gefahr, fremde Jungen aufzuziehen und den eigenen Fortpflanzungserfolg einzubüßen. Die Biologen raten daher, spätestens Ende März mit dem Füttern aufzuhören, damit sich die Tiere ungestört ihrem Brutgeschäft widmen können.

Peter Berthold, ein deutsches Ornithologie-Urgestein, hält das für eine gewagte These. "Gutgenährte Männchen stehen später auf, weil sie gelassener sind und nicht in die sogenannte 'Hungerunruhe' verfallen", so seine Erklärung. So wie Menschen auf Diät oft ein, zwei Stunden früher aufwachen, würden auch hungrige Vögel aus dem Schlaf gerissen, um nach Futter zu suchen. "Das dürfte für die gefütterten Männchen aber kein Nachteil sein. Wohlgenährt wie sie sind, können sie einem Eindringling einfach eins auf die Mütze geben."

Laut Berthold hat die Fütterung vor allem positive Effekte. Studien zeigten, dass die Tiere früher brüten, mehr Eier legen und ihre Jungen eher überleben, wenn sie von Menschenhand gefüttert werden. Er hält deshalb auch ein ganzjähriges Angebot für sinnvoll.

"Mit unserer perfektionierten Landwirtschaft haben wir vielen Vögeln die Nahrungsgrundlage entzogen, da ist es nur richtig, wenn wir sie dafür entschädigen", sagt Berthold. Früher hätten die Tiere auf den Äckern einen reichgedeckten Tisch vorgefunden, sie fraßen die Samen von Wildkräutern und schnappten nach Insekten, die von Klatschmohn oder Kornblume angezogen wurden. "Ich habe ausgerechnet, dass allein auf den Weizenfeldern eine Millionen Tonnen Sämereien zu holen waren", bei der heute praktizierten Monokultur und dem Einsatz von Herbiziden sei davon kaum etwas übrig geblieben. "Alle Meisenknödel zusammen können diesen Verlust nicht einmal annähernd ersetzen."

Das Füttern könnte die Evolution der Vögel beeinflussen

Einzelne Arten scheinen gut mit der neuen Nahrungsquelle zurecht zu kommen. So kehrte eine Population von Mönchgrasmücken ihrem typischen Winterdomizil Spanien in den Sechzigerjahren den Rücken und flog stattdessen nach Großbritannien. Es hatte sich wohl herumgesprochen, dass die Briten besonders freigiebig mit dem Vogelfutter sind. Mit der Zeit entwickelten die Großbritannien-Überwinterer sogar andere körperliche Merkmale. Sie haben zum Beispiel kürzere Flügel, die sich weniger für Langstreckenflüge, dafür aber besser zum Manövrieren in der Stadt eignen. Auch ihre Schnabelform ist eher ans Körnerpicken angepasst, als daran Oliven von den Bäumen zu pflücken.

Vergangenen Winter postulierten Freiburger Forscher schon die Ausspaltung der zwei Populationen zu je einer eigenständigen Art. "Bis dahin können aber noch gut 2000 bis 3000 Jahre vergehen", vermutet Berthold. "Es sei denn die beiden Ökotypen entwickeln zu stark unterschiedliche Dialekte." Wenn sich die Tiere untereinander nicht mehr verständigen können, könnte die Artbildung schon in einigen hundert Jahren erfolgen.

Berthold sieht es gelassen, dass die winterliche Tierliebe der Menschen die Vogelwelt so stark beeinflusst. "Niemand weiß, wie sich die Umweltbedingungen in den nächsten Jahrhunderten entwickeln werden. Ob dann die eine oder die andere Art im Vorteil ist, ist eine pure Lotterie."

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