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Praxis ohne Grenzen hilft seit zwei Jahren Mittellosen

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Praxis ohne Grenzen hilft seit zwei Jahren Mittellosen

02.01.2012, 13:01 Uhr | dapd

Praxis ohne Grenzen hilft seit zwei Jahren Mittellosen.

Das Gesundheitssystem hat Löcher, und diese scheinen größer zu werden. Immer mehr Menschen lassen sich in der Bad Segeberger "Praxis ohne Grenzen" behandeln. Sie verlangt weder Praxisgebühr noch Ausweis oder Versicherungsnachweis. Initiator Uwe Denker schätzt, dass bundesweit rund 800.000 weder privat noch gesetzlich krankenversichert sind - Tendenz steigend.

Es ist Mittwochnachmittag, Sprechstunde in der "Praxis ohne Grenzen". Der 73-jährige Denker hat sich wie in 45 Berufsjahren zuvor seine weiße Hose und sein weißes Hemd angezogen. Seine Patienten kommen seit Anfang 2010 aus den benachbarten Kreisen, teilweise auch aus Mecklenburg-Vorpommern, Hamburg und Berlin.

Über 30 Jahre lang war Denker Allgemein- und Kinderarzt in Bad Segeberg, doch nach Ruhestand war ihm 2006 ganz und gar nicht zumute. Ihm war nicht verborgen geblieben, dass ein immer größerer Teil der Bevölkerung sich keinen Arztbesuch mehr leisten kann. Und so wie es die Tafel mit kostenlosem Essen und Lebensmittelverteilung gibt, wollte auch er einen medizinischen Anlaufpunkt für diesen Personenkreis auf die Beine stellen. Nach umfangreichen Vorplanungen konnte er 2010 mit seiner Idee starten.

Was zunächst unter dem Dach der Arbeiterwohlfahrt als Provisorium begann, residiert mittlerweile als eigenständiger gemeinnütziger Verein in Räumlichkeiten der Diakonie. Abwechselnd mit anderen Ärzten und Arzthelferinnen regelt er die Sprechstunden und in Einzelfällen auch Hausbesuche. "Prima, auch mal klarzumachen, dass nicht alle Ärzte geldgierig sind", sagt Denker.

Mithilfe von Spenden und durch Kollegen aus ganz Deutschland wurde die rund 200.000 Euro teure Praxiseinrichtung mit allen nötigen Gerätschaften zusammengetragen. Der Verein zählt inzwischen 59 Fördermitglieder, darunter die Segeberger Landrätin Jutta Hartwieg.

Viele Patienten kommen wieder

Mittlerweile hat Denker fast 150 Patienten geholfen, und viele schauen noch immer wieder bei ihm herein, da es oft mit nur einem Praxisbesuch nicht getan ist und zum Beispiel Kontrolluntersuchungen oder Folgemedikamente benötigt werden. Letztere werden meist auch von der "Praxis ohne Grenzen" als Privatrezepte bezahlt, um nicht gegen das deutsche Arzneimittelgesetz zu verstoßen.

Denker ist sich sicher, dass die Zahl seiner Patienten noch größer wäre, wenn viele ihre eigene Scham überwinden und mit ihrer Hilfsbedürftigkeit ihre Privatsphäre verlassen würden. "Meine älteste Patientin war bisher 76, aber mir saß auch schon die werdende Mutter, die für ihr Neugeborenes einen Entbindungsplatz gesucht hat, gegenüber", sagt Denker.

Zu Beginn rechnete Denker hauptsächlich mit Obdachlosen und Flüchtlingen. "Doch in der Regel kommen zu mir gestrandete Mittelständler, die sich finanziell einen Krankenkassenbeitrag nicht mehr leisten können", sagt der 73-Jährige.

Plötzliche Arbeitslosigkeit, Selbstständige mit Geldsorgen, Überschuldung und immer öfter auch die allein erziehende Mutter - das sind die typischen Praxisbesucher. Immer wieder muss sich Denker anhören, dass ein Zugang zur Krankenversicherung daran scheitert, dass vorgeschriebene Beitragsnachzahlungen aus fehlenden Kassenmitgliedschaftsmonaten oder -jahren einfach nicht aufgebracht werden können - häufig Beträge in vier und fünfstelliger Höhe. Hier sieht er die Politik in der Pflicht und fordert einen Rettungsschirm für unverschuldet in Not geratene mittellose Kranke.

Einladung des Bundespräsidenten

Für sein ehrenamtliches Engagement wurde Denker 2011 zum Sommerfest des Bundespräsidenten Christian Wulff eingeladen. An ihre Grenzen stößt seine Praxis, wenn es um eine Dialyse-Behandlung eines Nierenerkrankten geht, Langzeittherapien nötig sind oder chronische Leiden eine regelmäßige Betreuung erfordern. Und auch mit einer zahnärztlichen Versorgung kann man in Bad Segeberg nicht dienen.

In Stockelsdorf (Kreis Ostholstein) vor den Toren Lübecks hat inzwischen eine weitere Praxis nach seinem Modell die Arbeit aufgenommen. Denker genießt seinen "Unruhestand": "Jetzt habe ich endlich die Zeit für Patienten, die ich mir früher auch immer gewünscht hätte", sagt er. Ihn freut besonders die ihm entgegengebrachte Herzlichkeit. Eine Patientin schenkt ihm regelmäßig selbst gestrickte Schals, damit er sich ja nicht erkältet, denn die "Praxis ohne Grenzen" brauche ihn doch so sehr.

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