16.12.2012, 13:28 Uhr | dapd
Die Hobby-Gloeckner Johannes Peters und Hermann Reck (hinten) proben am Mittwoch (12.12.12) in der St. Stephanus-Kirche in Schortens das sogenannte Beiern. (Quelle: dapd)
Die Glöckner von Schortens: In Schortens im Landkreis Friesland klingen die Kirchturmglocken nicht süßer, aber dafür zweimal im Jahr deutlich länger als anderswo. An Heiligabend und Silvester klettern fünf tapfere Männer in die Spitze der örtlichen Kirche und bearbeiten die tonnenschweren Glocken bis zu einer Stunde lang von Hand. "Beiern" heißt diese fast vergessene Tradition, die nur noch in wenigen Orten Deutschlands praktiziert wird. Sie soll böse Geister vertreiben.
Die Glöckner von Schortens sind fast alle gesetzten Alters, jenseits der 60. Sie haben diese besondere Form des Glockenschlags in die Gegenwart gerettet. "Ich mache das in fünfter Generation und habe es von meinem Vater übernommen", sagt Johannes Peters. Der 63-jährige Maschinenbauingenieur wohnt direkt neben der evangelisch-lutherischen St. Stephanus-Kirche. Das vor 860 Jahren hochwassersicher auf einem eiszeitlichen Geestrücken gebaute Backsteingebäude ist der Treffpunkt der Beierer.
Gemeinsam mit seinem Mitstreiter Hermann Reck klettert Peters zwei schmale und extrem steile Holztreppen in die Höhe. In der Kirchturmspitze hängen zwei große Glocken, eine aus Bronze und eine aus Eisen, sowie eine kleine Bronzeglocke. "Heiligabend stehen wir zu fünft hier oben", erzählt der 65-jährige Reck. Jeweils zwei Mann bedienen die großen Glocken, einer die kleine.
Um den mehrere Tonnen schweren Glocken Töne zu entlocken, wird ein Holzgriff per Karabinerhaken an den Klöppeln eingehängt. Dann beginnt die körperliche Schwerstarbeit. Peters und die anderen Hobby-Glöckner ziehen ruckartig an den Holzgriffen und schlagen die jeweils bis zu 95 Kilogramm schweren Klöppel damit gegen die Glocken.
Das Geläut folgt keiner bekannten Melodie, aber einem bestimmten Rhythmus. "Wir fangen mit leichten Schlägen an, die dann immer kräftiger werden", sagt Peters. Dabei wird darauf geachtet, dass sich die drei Glocken klanglich nicht in die Quere kommen. "Eine laut, eine mittellaut, eine leise", ergänzt Reck.
Das musikalische Spektakel dauert an Heiligabend 45 Minuten, an Silvester eine Stunde. Alle zehn Minuten wechseln sich manuelles Beiern und elektronisch gesteuertes Glockengeläut ab, damit die Männer sich nicht überanstrengen. "Trotzdem merkt man hinterher Muskeln, von denen man gar nicht wusste, dass man sie hat", weiß Peters.
Erzeugt wird eine nahe an der Schmerzschwelle liegende Lautstärke von 120 Dezibel. Der Pegel ist höher als eine kreischende Kettensäge und liegt nur knapp unter einem in 30 Meter Entfernung vorbeifliegenden Düsenflugzeug. Daher tragen die Beierer von Schortens Hörschutz.
Beiern war nach Angaben des Kulturverbandes Ostfriesische Landschaft in Aurich bis Anfang des 19. Jahrhunderts von Ostfriesland bis zum Münsterland sowie in den benachbarten Niederlanden präsent. Der Begriff hat seine Wurzeln im mittelniederländischen Wort "beiaert" für Glockenspiel.
In Schortens ist bekannt, dass vor vielen Jahren Jugendliche die Glocken ertönen ließen. Weil sie jedoch oftmals Unfug im Kirchturm trieben, entschied der Kirchenrat im Jahr 1862, dass nur noch Kirchenmitarbeiter und angesehene Nachbarn beiern dürfen. Nach einigen Unterbrechungen steht die Tradition seit 1947 wieder regelmäßig auf dem Jahreskalender.
Zur Tradition gehört auch ein hochprozentiges Getränk namens "Glockenschmeer" (Glockenschmiere), das den fünf wackeren Männern am Silvesterabend nach getaner Arbeit vom Bürgermeister gereicht wird. "Anschließend sitzen wir noch mit den Frauen zusammen und Klönen, ehe das neue Jahr beginnt", sagt Peters. "Klönen" ist Plattdeutsch und steht für "gemütlich plaudern".
An die große Glocke hängen die Männer ihr geschichtsträchtige Tun im Rest des Jahres nicht. Mit der Kirche haben sie ansonsten relativ wenig zu tun; sie wollen die Tradition am Leben erhalten. "Ein Mann, ein Wort. Ich habe unserem Heimatforscher vor seinem Tod versprochen, dass wir dieses Brauchtum aufrecht halten", verdeutlicht Peters seine Motivation. Das Versprechen könnte eingehalten werden: Mit Sohn Hilko ist bereits die sechste Familiengeneration als Beierer aktiv.
Quelle: dapd
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