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The Gimp Monkeys - drei Kletterer, vier Beine, fünf Arme, ein Ziel

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The Gimp Monkeys: Jetzt erst recht!

08.03.2013, 13:35 Uhr | Ein Interview von Johanna Stöckl

The Gimp Monkeys - drei Kletterer, vier Beine, fünf Arme, ein Ziel. Craig DeMartino am El Capitan. (Quelle: Archiv Craig DeMartino)

Erst auf den zweiten Blick sieht man sie, die Beinprothese, die die Seilschaft "The Gimp Monkeys" außergewöhnlich macht. (Quelle: Archiv Craig DeMartino)

Im Juni 2012 erreichen Craig DeMartino, Pete Davis und Jarem Frye das Gipfelplateau des legendären El Capitan im Yosemite Valley. Obwohl sie für den Durchstieg der Route „Zodiac“ fünf lange Tage brauchen, schreiben die drei US-Kletterer dabei ein Stück Alpingeschichte. Sehen Sie die außergewöhnliche Leistung der Behinderten- Seilschaft, der "Gimp Monkeys", in unserer Foto-Show.

Wenn Klettern zu einer außergewöhnlichen Leistung wird

Auf den ersten Blick beschreibt die Filmszene eine zwar spektakuläre, aber gängige Situation am Berg. Inmitten einer steilen Felswand, hunderte Meter über dem Abgrund, sitzen drei Männer in ihren Hängeliegen, so genannten Portaledges, und machen sich offensichtlich für den weiteren Aufstieg startklar. An ihren Klettergurten baumeln unzählige Haken, Karabiner und mobile Sicherungsmittel. Als Normalsterblicher kann man sich kaum vorstellen in einem „Wohnmobil“ dieser Art die Nacht verbracht zu haben. Doch das muss man, wenn man eine Big Wall wie diese klettern will. Und dann kommt’s.

„Kannst du mir bitte mein Bein geben?“ fragt ein Kletterer. Als wäre es das Normalste auf der Welt, reicht ihm sein Kollege eine Beinprothese.

3 Kletterer, 4 Beine, 5 Arme, ein Ziel: der El Capitan

Es ist nicht irgendeine Wand. Sie ist die Mutter aller Big Walls, die Wand der Wände. Der 1000 Meter hohe Felsmonolith im kalifornischen Nationalpark Yosemite Valley zieht Kletterer aus der ganzen Welt an. Am El Capitan zu klettern ist der Traum eines jeden Felsakrobaten.

Es ist nicht irgendeine Seilschaft, die hier klettert. Craig DeMartino, Jarem Frye und Pete Davis bringen es im Team auf gerade einmal vier Beine und fünf Arme. Sie bilden die erste Behinderten-Seilschaft, welcher im vergangenen Sommer der Durchstieg durch die legendäre 16-Seillängen Route „Zodiac“ am El Capitan gelingt. Die drei Behindertensportler wurden dabei von einer Kamera begleitet. Der knapp zehnminütige Kurzfilm „The Gimp Monkeys“ (hier das Video ansehen!), was salopp übersetzt „Die Krüppel-Affen“ heißt, tourt im Rahmen der Worldtour des Banff Mountain Filmfestivals noch bis Ende März durch deutsche Städte (einen Vorgeschmack gibt es hier im Trailer). Im April kann man die in Banff preisgekrönten Filme in Österreich und der Schweiz sehen.

Craig DeMartino: "Ich spüre keine Kälte" 

Anlässlich der Deutschlandpremiere erscheinen Craig DeMartino (48) und Jarem Frye (35) ohne ihren Seilpartner Pete Davis (34), der beruflich verhindert ist, zum Interviewtermin in München. Jarem, in olivgrüner Hose und rotem Kapuzenpulli leger gekleidet, sieht mit seinem Vollbart irgendwie knuffig aus. Man möchte ihn am liebsten gleich umarmen. Dass er behindert ist, sieht man nicht. Nicht sofort. Craig DeMartino, gutaussehend und durchtrainiert, trägt mitten im Winter braune Shorts und seine Beinprothese offensichtlich gern zur Schau. Ob ihm bei minus 7 Grad nicht kalt sei?

„Ich spüre keine Kälte. Nach einem Kletterunfall im Jahr 2002 habe ich nicht nur meinen rechten Unterschenkel, sondern infolge einer schweren Rückenmarks- und Nervenverletzung auch die Sensorik in beiden Beinen verloren.“ Motorisch sei aber alles in Ordnung. Kurze Hosen trage er das ganze Jahr. Als sie in der Lounge des Kinos Platz nehmen und Kaffee bestellen, sieht man auch Jarems Prothesenschaft aus Titan unter dem Hosenbein hervorlugen. Auf kosmetische Ummantelungen verzichten offensichtlich beide.

Jarem Frye: Ein Bein gegeben, um weiterzuleben

Jarem Frye hat im Alter von 14 Jahren sein linkes Bein durch Knochenkrebs verloren. „Ich hatte zwar keine andere Wahl, aber genügend Zeit, um mich mit dem Thema Oberschenkel-Amputation auseinanderzusetzen“, sagt er und fährt fort, „die Alternative war an Knochenkrebs zu sterben.“ Pete Davis, der Dritte im Bunde, ist aufgrund eines Gendefektes ohne rechten Arm geboren. DeMartino und Frye stimmen überein, dass er – im Gegensatz zu ihnen – nie einen Verlust hat hinnehmen müssen und seinen Arm daher auch nicht vermisst. Seine Armprothese trage er nur selten, richtig lästig sei sie ihm. Großen Respekt haben beide vor seinen Kletterleistungen. „Pete kletterte mit seinem Stumpf wie ein Oktopus am El Capitan“, sagt DeMartino bewundernd.

Jarem Frye, der in Kürze zum vierten Mal Vater wird, präsentiert sich anfangs zurückhaltend, taut aber im Laufe des Gesprächs so richtig auf und beweist nicht nur Selbstbewusstsein, sondern auch Humor. Sich selbst bezeichnet er – auch auf seiner Website – als „Selfmade Man vom Knie abwärts“. Das muss man wörtlich nehmen. Seine Knieprothese hat er nämlich selbst entwickelt, da es für Extremsportler bis dato keine gab, die den besonderen Anforderungen und Belastungen standhielt. Jarem ist nicht nur ein guter Kletterer, sondern auch ein begnadeter Telemarker. Sogar einen Backflip, also Rückwärtssalto, kann er auf Telemarkski sicher landen.

Der Prototyp seiner Beinprothese überzeugte im Laufe der Jahre auch andere Behindertensportler. 2006 gründete Frye gemeinsam mit seiner Frau die Firma SymBiotechs und vertreibt mittlerweile weltweit jenes künstliche Bein, das er selbst entworfen hat. Er klingt stolz, wenn er sagt: „Mit meiner Knieprothese haben schon einige Sportler Goldmedaillen bei den Paralympics gewonnen.“

In erster Linie sind sie Kletterer - ohne Grenzen

Craig DeMartino, der seinen Lebensunterhalt als Profikletterer und Fotograf verdient, macht es sich am Tisch bequem, zieht seine Jacke aus, nimmt die Prothese ab und blättert in einem Magazin. Nach seinem Kletterunfall hat er nicht eine Sekunde daran gedacht aufzugeben. Schon gar nicht das Klettern: „Ich wollte für meine beiden Kinder, Mayah und Will, ein Vorbild sein und mich nicht dem Schicksal ergeben. Ich bin kein Vater, der auf der Couch sitzt, nur weil er ein Bein verloren hat.“ In erster Linie definiere er sich nach wie vor als Kletterer. Erst in zweiter als Behinderter. Das Handicap empfindet er nicht als störend: „Das fehlende Bein hindert mich an nichts.“ Zwischen seinem Kletterunfall und der Unterschenkelamputation lagen schlimme Monate: „Die Schmerzen waren unerträglich. Ich war alles andere als mobil, die Amputation eine Erlösung.“

Jarem Fyre denkt ähnlich fatalistisch: „Ich bin nach der Amputation viel sportlicher geworden, weil ich mir selbst beweisen wollte, dass es für mich keine Grenzen gibt.“ Außerdem habe er zeitlebens Schubladendenken verabscheut. Da man aber gerade mit einer Beinprothese ganz leicht in die Kategorie „behindert“ rutscht, versuchte er bewusst aus dieser auszubrechen, dem Image bloß nicht zu entsprechen: „Meine Behinderung wollte ich auf keinen Fall als Entschuldigung akzeptieren.“ Nach der Amputation wieder Kletterpartner zu finden, war das geringste Problem. Und das, obwohl man sich beim gegenseitigen Sichern hundertprozentig aufeinander verlassen können muss. „Ausgrenzung habe ich nie erfahren“, sagt DeMartino, „so etwas gibt es unter uns Kletterern nicht.“

"Ohne Behinderung hätten wir das nie geschafft"

2006 haben sich DeMartino, Davis und Frye in Florida bei einem Kletterwettbewerb im Rahmen der Extremity Games, einer Art Weltmeisterschaft behinderter Extremsportler, kennengelernt. Dort entstand die Idee einer Behinderten-Seilschaft ohne Fremdhilfe am prestigeträchtigen El Capitan.

Vier Nächte und fünf Tage verbrachten die Männer schließlich in der Wand, ehe sie am 9. Juni 2012 das Gipfelplateau des El Capitan erreichten. Speedrekord haben sie damit freilich keinen aufgestellt. Mental und körperlich seien sie aber ziemlich an ihre Grenzen gegangen. Jarem Frye gibt unumwunden zu: „Phasenweise hatte ich regelrecht Schiss. Aber weil ich diese Angst überwinden konnte, war die Belohnung am Ende extrem groß und intensiv. Mein Einsatz war hoch, aber ich habe ein Vielfaches zurückbekommen.“ Und DeMartino fügt lachend hinzu: „Und weil’s so schön war, planen wir bereits das nächste Abenteuer.“

Dann macht er eine lange Pause und sagt zu seinem Kletterkumpel: „Jetzt berichten also deutsche Medien über uns. Ohne Behinderung hätten wir das nie geschafft.“ 

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