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Stefan Glowacz im Interview: Jäger des Augenblicks

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Stefan Glowacz im Interview: Jäger des Augenblicks

24.04.2013, 17:05 Uhr | Johanna Stöckl

Stefan Glowacz im Interview: Jäger des Augenblicks. Stefan Glowacz am Roraima Tepui. (Quelle: Red Bull Content Pool / Klaus Fengler/ MFA+ FilmDistribution e.K.)

Schon ihn zu erreichen, ist mit Strapazen verbunden: der Roraima Tepui liegt mitten im Urwald. (Quelle: Red Bull Content Pool / Klaus Fengler/ MFA+ FilmDistribution e.K.)

Ab dem 25. 04. 2013 läuft mit „Jäger des Augenblicks“ ein außergewöhnlicher Kletterfilm in den Kinos. Ursprünglich war der Film als ein Porträt des Extrembergsteigers Stefan Glowacz, der kürzlich seinen 48. Geburtstag feierte, angelegt. Ein Kamerateam begleitete ihn im Jahr 2010 auf seiner Expedition zum Roraima Tepui, einem Tafelberg im südamerikanischen Dschungel. Anlässlich der Premiere in München hat sich Johanna Stöckl mit Stefan Glowacz unterhalten. Sehen Sie mehr zur Expedition in unserer Foto-Show und den "Jäger des Augenblicks"-Trailer in unserem Video.

Kletterexpedition mit tragischem Hintergrund

Abseits jeglicher Zivilisation versuchen Glowacz und seine langjährigen Kletterpartner Kurt Albert und Holger Heuber eine Erstbegehung einer spektakulären Route. Im ersten Versuch im Februar 2010 scheitert die Expedition. Im November starten Glowacz und Heuber erneut einen Versuch. Doch dieses Mal ist alles anders. Ihr Freund Kurt Albert ist nicht mehr dabei. Der erfolgreiche Alpinist, der in den 70er Jahren das Freiklettern etabliert hat, ist wenige Monate zuvor bei einem Kletterunfall in Bayern tödlich verunglückt.

Für Stefan Glowacz und Holger Heuber wird die Route zu ihrer schwersten Tour bisher. Denn sie müssen sich nicht nur mit den Schwierigkeiten in der Wand, sondern auch mit dem Verlust des Freundes auseinandersetzen. Ein Film über Leben und Tod, über Freundschaft, Leidenschaft und die Suche nach modernen Abenteuern.

Stefan, wie gefällt dir euer Film eigentlich selbst? 

Was mir wirklich gut gefällt und auch wichtig war, dass es im Film über uns menschelt. Wir werden nicht heldenhaft gezeichnet, sondern in unserer Dünnhäutigkeit dargestellt. Der Film dokumentiert nicht nur unsere Leidenschaft, das Klettern als Hochleistungssport, sondern vor allem unsere menschlichen Schwächen und Zweifel. Das ist kein heroischer Kletterfilm.

Im Film erfährt man, was für eine brutale Plackerei es bedeutete, überhaupt an den Wandfuß zu kommen. Wieso tut man sich das bloß an? 

Es gibt in der Tat Wände, die leichter zu erreichen sind. Aber mein Verständnis von einem modernen Abenteuer beinhaltet eben auch die Anreise. Man kann sich ja heute theoretisch an jedem Punkt dieser Erde absetzen lassen. Aber ich bin „by fair means“ unterwegs, was heißt, dass ich mich ab dem letzten Punkt der Zivilisation aus eigener Kraft auf den Weg mache. In diesem Fall kämpften wir uns zwei Wochen durch den Dschungel, was im Dauerregen phasenweise eine richtige Sauerei war. Aber es ist genau diese Kombination aus Hochleistungssport und Abenteuer, die mich reizt. 

Bist du ein Jäger des Augenblicks? 

Ja. Diesen Titel haben wir bewusst gewählt. Wenn du wochenlang abseits der Zivilisation zu Fuß, im Einbaum oder Kajak unterwegs bist, um dich einem Berg anzunähern, ehe du deine Route klettern kannst, musst du schon auch ein sehr neugieriger und „leiden“-schaftlicher Mensch sein, um nicht hinzuschmeißen. Sitzt du dann aber irgendwann mit deinen Freunden, Gleichgesinnten im Hängezelt in der Wand, deinen Blick in die Ferne gerichtet, unter dir steigt der Nebel auf, dann sind das magische Momente, die du sonst im Leben nicht bekommst. Solche intensiven Augenblicke kann dir keiner mehr nehmen. Die nimmst du mit ins Grab.

War nach dem tödlichen Kletterunfall von Kurt Albert für Holger und dich klar, dass ihr alleine an den Berg zurückkehrt? 

Diese Entscheidung ist uns nicht leicht gefallen. Holger und ich haben viele Expeditionen mit Kurt unternommen. Wie die drei Musketiere waren wir über viele Jahre unterwegs. Einer für alle, alle für einen. Dann fehlt plötzlich einer. Das reißt dir den Boden unter den Füßen weg. Irgendwann fragten wir uns, was wohl Kurt jetzt an unserer Stelle machen würde. Und er hätte gesagt: „Macht weiter, die Wand, die Route ist eine der schönsten, die wir je geklettert sind. Vollendet das Ding!“ Und so sind wir im Andenken an Kurt noch einmal aufgebrochen.

Kurt Albert sagt einmal im Film: „In dieser Wand kann es dir passieren, dass du ersäufst.“ Kannst du das ein bisschen genauer erklären? 

Wenn es am Roraima Tepui regnet, dann ist das nicht einfach Regen. Es schüttet dann aus Eimern. Brutale Gewitter! Und folglich bilden sich gigantische Wasserfälle in der Wand. Die vielen Überhänge allerdings bieten Schutz. Du kletterst also unter dem Wasserfall und das Wasser schießt über dich hinweg. Wählst du aber die Route falsch, an einer zu wenig überhängenden Stelle, kann es dir passieren, dass du beim Biwakieren in der Wand oder beim Klettern einfach ersäufst.

Wie urteilen deine Drillinge über den Film? 

(Lacht). Die haben ihn noch nicht gesehen. Zwei meiner Kinder sind gerade im Ausland. Denen werde ich jetzt dann mal eine DVD zuschicken. Und Ben kommt mit mir zur Premiere nach München. Er sieht dort den Film zum ersten Mal. Da musst du ihn dann selbst fragen.

Es gab bereits andere Filmprojekte in deiner Laufbahn. 

Ja, die gab es. Zusammen mit der Produktionsfirma „DrehXtrem“ habe ich tolle DVDs von meinen Expeditionen nach Baffin Island oder Patagonien veröffentlicht. Ich konnte auch etliche Drehs fürs Fernsehen, aber auch große Kinoproduktionen wie „Schrei aus Stein“ unter der Regie von Werner Herzog realisieren. Außerdem habe ich bei diversen Willy-Bogner-Produktionen mitgewirkt. 

Wie erfolgsabhängig sind eigentlich deine Verträge mit Sponsoren? 

Im Gegensatz zu ganz jungen Kletterern, die sich erst beweisen müssen, bin ich in der glücklichen Lage keinen Druck zu spüren. Meine Clippings haben sich die letzten Jahre immer deutlich gesteigert. Mein errechneter Werbewert übersteigt bei weitem das Budget, welches eine Firma für mich aufwenden muss.

Musst du deine sportlichen Projekte mit den Partnern aus der Wirtschaft abstimmen? 

Ich stimme mich mit meinen Partnern im Voraus ab, das heißt ich informiere sie über meine langfristigen Ziele und Vorhaben. Aber es ist nicht so, dass meine Sponsoren mir etwas vorschreiben würden. Bei jungen Sportlern in der Szene kann dies durchaus anders sein. Der Markt ist mitunter hart. Wir „alten Hasen“ haben uns das Vertrauen über viele Jahre erarbeitet.

Welche Rolle spielt das mögliche Medieninteresse, die Vermarktbarkeit bei der Planung einer Expedition? 

Solche Motive spielen in meiner Planung keine Rolle. Wenn ich das machen würde, würde ich reines Business betreiben und mich verbiegen. Ich aber lebe meine Leidenschaft. Diese bereite ich allerdings so auf, dass sie auch für ein breites Publikum interessant und spannend wird. Die Sehnsucht nach Abenteuer ist in unserer Gesellschaft stark vorhanden. Insofern sehe ich mich gewissermaßen in der Nachfolge Luis Trenkers. Wir Kletterer und Alpinisten sind moderne Geschichten-Erzähler, machen unsere Abenteuer für andere Menschen, die diese Möglichkeit nicht haben, über die Medien erlebbar.

Du hast einen Beruf gewählt, in dem du sehr kreativ sein musst, um noch Neuland zu betreten. Gibt es Grenzen? Gibt es Regionen, in die du nicht vordringen möchtest? Stichwort: Artenschutz, Klimawandel. 

Für mich gibt es klare Grenzen. Man kann sich heute theoretisch, sofern man genügend Geld hat, an jedem Punkt dieser Erde absetzen lassen. Viel interessanter ist es aber, aus eigener Kraft, ‚by fair means’ dort anzukommen. Als ich vor etwa zehn Jahren nach Queen Maud Land in die Antarktis wollte, habe ich in der Planung realisiert, wie groß und teuer der technische Aufwand ist und habe beschlossen dort nicht hinzugehen. Davon abgesehen, dass ich das Geld nicht aufbringen konnte, erschien mir der Aufwand unnatürlich hoch. So viel Geld auszugeben, nur um seinen eigenen Spaß zu haben? Das ist auch moralisch verwerflich.

Heilige Berge sind ebenfalls tabu. Ich will keine Gefühle von anderen Menschen verletzen. Auch wenn jemand auf eine Stupa klettert und dort für ein Foto posed, muss ich auch sagen: ‚So ein Depp, hat der überhaupt keinen Anstand?’ Für mich jedenfalls hat Klettern sehr viel mit Respekt zu tun. Es geht mir nicht ausschließlich um die klettersportliche Höchstleistung an einer unbekannten Wand am Ende der Welt, sondern primär um einen ganzheitlichen Ansatz. 

Bei aller Individualität und Freiheit in deinem Sport gibt es dennoch Konkurrenz. Verfolgst du andere Alpinisten und deren sportliche Projekte? 

Ja klar beobachte ich die Konkurrenz. Auch ich werde beobachtet. Das ist doch ganz normal. Wie in jeder anderen Branche gilt auch bei uns: Konkurrenz belebt das Geschäft. Mich motivieren die Erfolge anderer.

Weitere Informationen:

www.jaegerdesaugenblicks.de

www.glowacz.de

Aktueller Bildband: 
Stefan Glowacz Expeditionen
Extremklettern am Ende der Welt
Delius Klasing, Stefan Glowacz, Tanja Valérien-Glowacz 

Stefan Glowacz wurde 1965 in Tittmoning geboren und ist in Oberau bei Garmisch-Partenkirchen aufgewachsen. Er war von Kindesbeinen an in den Bergen unterwegs und kletterte bei Wandertouren „jeden Felsblock nach oben“. Er hat drei Mal (1987, 1988 und 1992) die prestigeträchtigen Rock Masters in Arco (Trentino) gewonnen, die ihn zum erfolgreichsten deutschen Wettkampfkletterer und zu einem Vorreiter der Kletterszene gemacht haben. Glowacz setzte einen Trend: Sportklettern wurde zum Breitensport. Zudem prägte er den Grundsatz „by fair means“, also „ohne technische Hilfsmittel“, neu. 1999 gründete Glowacz „Red Chili“, eine Firma für Kletterschuhe und -ausrüstung. Seine zweite Ehefrau Tanja Valèrien-Glowacz und seine Drillinge sind „die größten Geschenke in meinem Leben“, sein „sicherer Hafen“. 

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