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Andy Holzer: der blinde Bergsteiger

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Andy Holzer: die Welt fest im Griff

05.07.2013, 13:36 Uhr | trax.de

Andy Holzer: der blinde Bergsteiger. Andy Holzer an der Carstensz-Pyramide. (Quelle: Andreas Unterkreuter)

Andy Holzer an der Carstensz-Pyramide. Obwohl er blind ist, hat er bereits sechs der höchsten Gipfel aller Kontinente bestiegen. (Quelle: Andreas Unterkreuter)

Andy Holzer, 46, ist aufgrund einer Netzhauterkrankung von Geburt an blind. Er ist der einzige professionelle Bergsteiger Europas, der nicht sehen kann. Der Osttiroler hat bereits sechs der sieben höchsten Berge aller Kontinente bestiegen - nur der Mount Everest fehlt ihm noch. Seine Passion für das Bergsteigen hat er im Alter von acht Jahren entdeckt, als er zusammen mit seiner Familie den 2717 Meter hohen Spitzkofel erkletterte. Seitdem hält ihn nichts von Sport und Reisen ab. 2007 gewann er den Life Award in der Kategorie Sport. Sehen Sie den blinden Bergsteiger Andy Holzer in unserer Foto-Show.

Den Fels sieht Andy Holzer mit seinen Fingern

Ob Skilanglauf oder Leichtathletik – ausprobiert hat er schon vieles, aber einzig dem Bergsteigen ist er treu geblieben. Zur Seite stehen ihm bei den Expeditionen nicht nur seine Begleiter, sondern vor allem auch seine anderen vier Sinne. Er sieht den Felsen mit seinen zehn Fingern, folgt dem Geräusch der Schritte seiner Vorderleute und malt sich ein Bild des Panoramas anhand des Echos.

Aber auch abseits der Bergwand bleibt er stets aktiv und war bis 2008 als Bassist, Gitarrist und Sänger regelmäßig mit der Tanzkapelle "Dolomitenduo" unterwegs. Seit 2010 leitet Andy Holzer als Selbständiger Expeditionen und hat ein Buch über seine Erfahrungen als Extremsportler mit Behinderung veröffentlicht. Er hält Vorträge vor Managern, Bankern, Verkäufern und Führungskräften und erzählt ihnen, wie er Barrieren überwindet – ob am Berg oder im Leben. Als Botschafter für Inklusion, also das selbstverständliche Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung, ist Holzer regelmäßig für die Aktion Mensch (www.aktion-mensch.de) aktiv. Die Förderorganisation unterstützt mit ihren Lotterie-Erlösen jeden Monat bis zu 1000 soziale Projekte, um die Lebenssituation von Menschen mit Behinderung, Kindern und Jugendlichen verbessern. Lesen Sie hier das Interview, das er trax.de gegeben hat.

Du kamst schon mit 8 Jahren zum Klettern. Erinnerst du dich an deine erste Besteigung?

Natürlich! Das war als ob mir jemand die Fesseln abnimmt. Ich hatte das Gefühl, mit den Händen die Welt in den Griff zu bekommen… das war es!

Kannst du dich noch erinnern, was damals überwogen hat? Die Angst oder die Freude?

Die Freude! Definitiv!

Wie ging es weiter? Hast du einen Trainer gefunden, der bereit war, dich auf besondere Art zu trainieren, oder hast du dir viel selbst erarbeitet und beigebracht?

Nein, einen Trainer hatte ich nicht, denn es gab keinen, der meine Welt verstanden hätte. Meine Eltern gaben mir die Verantwortung für mich selbst und für mein Handeln und so konnte ich mich selbstständig entwickeln und meine Welt erfinden.

Wie sieht dein Training aus?

Ein richtiges Training mache ich eigentlich gar nicht. Mein Training sind – wenn man so will – die regelmäßigen Touren. Einfach immer in der Natur und am Berg unterwegs sein. Im Jahr mache ich circa 200 solcher Touren.

Kannst du das Gefühl, die Erfahrung, die du während des Bergsteigens machst, beschreiben?

An der Steilwand bin ich auf allen vieren unterwegs. Für mich ist diese Art der Bewegung viel einfacher als "nur" mit zwei Beinen in der Stadt rumzulaufen. Der Berg ist daher der einzige Ort, an dem ich mich wirklich frei bewegen kann.

Du hast auf sechs der sieben höchsten Berge gestanden – beeindruckend! Welcher war dein erster?

Das war 2005 der Kilimandscharo.

War es schwer, als blinder Bergsteiger eine Seilschaft zu finden, die dich auf die höchsten Berge als Teil des Teams mitnimmt?

Die höchsten Berge sind nicht mehr das Problem! Es war vielmehr am Anfang bei den kleinen Bergen schwierig jemanden zu finden. Vor 25 Jahren konnte sich einfach noch keiner vorstellen mit einem Blinden zu klettern.

Wie wirst du generell in der Kletter-Familie aufgenommen? Hast du schon negative Erfahrungen gemacht?

Negative Erfahrungen habe ich schon gemacht, aber das ist eben so, die können nichts dafür. Menschen, die mich schräg ansehen, kennen keine anderen Wahrnehmungen und Vertrauensebenen. Sie haben damit noch keine Erfahrungen gemacht. Also bleiben sie in ihrer Welt und kritisieren beziehungsweise lehnen erst einmal alles Fremde ab.

Was empfindest du als größte Hürde, wenn du am Berg als blinder Bergsteiger kletterst? Gibt es Passagen, Griffe, Untergründe oder ähnliches, die dir immer wieder aufs Neue Angst machen, oder ist es langsam "Routine"?

Angst habe ich nicht direkt, aber wenn es flacher wird, dann habe ich immer weniger Kontrolle. Meine Finger berühren dann nicht mehr den Boden und ich habe somit keine "direkte" Verbindung zum Berg.

Wie läuft das Klettern ab? Gibt dir jemand Anweisungen, steigt vor oder hinter dir her, oder verlässt du dich auch manchmal ganz auf deine eigenen Sinne?

Das ist unterschiedlich: Schwere und schwerste Routenwände steige ich als Seilzweiter. Allerdings bin ich auch da ganz oft auf mich allein gestellt. Mein Partner ist dann bis zu 40 Meter über mir. Das heißt ich muss selbst meinen "Weg" am Berg finden. Bei mittelschweren Touren führe ich auch selbst Seilschaften durch senkrechtes Gestein. Da habe ich dann wirklich die volle Verantwortung, was mich aber nur noch stärker macht.

Was war bisher die Leistung, auf die du am meisten Stolz bist, oder die dir am meisten Angst gemacht hat?

In erster Linie, definiere ich mich nicht über körperliche Leistung, denn ich habe einen "schwachen" Körper. Deswegen muss mein Geist über meiner körperlichen Leistung stehen und alles steuern. Mit Geisteskraft zu steigen, das gibt mir Kontrolle und Selbstvertrauen. Panik oder Chaos hatte ich daher beim Steigen nie.

Du hältst Vorträge, in denen du Menschen an deinen Erfahrungen teilhaben lässt. Was willst du vermitteln?

Vieles – vor allem aber, dass nicht die Voraussetzung der Maßstab deiner Ziele sein kann. Am Ende deines Lebens hast du immer noch genügend Zeit zu analysieren, ob die Voraussetzungen im Vergleich zu dem, was du erreicht hast, für dich gut waren oder nicht. Aber du weißt ja gar nicht, was du kannst, wenn du nicht gefordert bist.

Auch bist du Aktion Mensch-Botschafter. Wie kam es dazu und was findest du an den Projekten so toll, die du unterstützt?

Die Aktion Mensch setzt sich mit ihren Projekten, ihrer Aufklärungsarbeit und Förderung für Inklusion ein. Das unterstützte ich gerne, denn auch ich lebe Inklusion. Dabei geht es um das Zusammenleben von Menschen, ob mit oder ohne Behinderung. Ich zeige den "Sehenden" wie sie mit mir und anderen Menschen mit einer Behinderung umgehen können. Man geht aufeinander zu und jeder eröffnet dem Anderen seine Welt und seine Sprache. Nur so entstehen harmonische Seilschaften. Wie beispielsweise zuletzt in den Dolomiten, als ich Joey Kelly durch eine senkrechte Steilwand führen konnte und ihm erst eine Stunde zuvor zum ersten Mal begegnete.

Eine sehr persönliche Frage (die du nicht beantworten musst): Macht dir die Dunkelheit, mit der du immer umgeben bist, manchmal noch Angst, oder musst du nicht mehr darüber nachdenken, wie die Welt aussehen könnte?

Es ist bei mir nicht dunkel! Ich habe ganz viele bunte Bilder in meinem Kopf. Bilder werden nicht von den Augen "entworfen", sondern vom Sehzentrum im Gehirn. Es geht darum, dass die Signale und Eindrücke von außen ins Gehirn dringen und verarbeitet werden. Beim Tasten, Hören, Schmecken und Riechen laufen viele Signale rein, aus denen man sich ein Bild machen kann. Ein Beispiel: Man erklärt einem sehenden Menschen im Detail ein neues Auto, das noch nicht am Markt ist. Er entwirft dann in seinem Kopf ein genaues Bild. Nur dank der Erklärung die über das Gehör in sein Gehirn dringt, kann der Sehende sich ein Bild ausmalen. Wieso sollte das ein Blinder nicht können?

Was fällt dir im Alltag am schwersten?

Ich gehe eigentlich nicht einkaufen, zum Haareschneiden oder mache sonstige alltägliche Dinge nicht, die für viele selbstverständlich sind. Damit habe ich mich nie beschäftigt und habe daher auch keine Erfahrung mit diesen Dingen.

Du bist auch Sänger und Gitarrist. Kannst du zwischen Musik und Bergsteigen einen Vergleich ziehen?

Ich habe 2008 das Musizieren – zumindest auf der Bühne – nach 28 Jahren beendet. Prinzipiell haben Musik und das Bergsteigen aber viel gemeinsam: Musik ist Magie, ähnlich den Geschichten der Berge…

Was planst du als nächstes in deiner Bergsteiger-Karriere?

Erst einmal den morgigen Tag – eine Klettertour in meinen Dolomiten!

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