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Paddeln, was das Zeug hält

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Kanadas Kanu-Route  

Paddeln, was das Zeug hält

13.05.2015, 12:06 Uhr | Rasso Knoller/srt

Paddeln, was das Zeug hält . Eine Kanutour über den Ottawa River zu machen, ist ein adrenalingeladener Spaß. (Quelle: Rasso Knoller/srt)

Eine Kanutour über den Ottawa River zu machen, ist ein adrenalingeladener Spaß. (Quelle: Rasso Knoller/srt)

Auf der Canadian Canoe Route erfahren Abenteuerlustige alles über das beliebteste Boot der Kanadier - und werden dabei richtig nass. Schauen Sie sich die Tour auch in unserer Foto-Show an.

Als die Kanadier vor einigen Jahren danach befragt wurden, was sie als ihre Nationalsymbole betrachten, wählten sie neben dem Ahornblatt, dem Nordlicht und Eishockey auch das Kanu in die Top-Liste der "Canadian Icons". Der rote Helm sitzt fest auf dem Kopf. Die Rettungsweste ist festgezurrt. Meine Lehrerin wartet am Ufer. Es gibt keine Ausreden mehr. Die erste Stunde meines Wildwasserpaddelkurses kann beginnen. Bevor ich ins Boot darf, schickt mich Katrina erst mal in die kalten Strudel des Madawaska River. So will sie mir die Angst vor dem Kentern nehmen. Wer schon nass ist, der fürchtet sich nicht mehr davor, ins Wasser zu fallen, so die Logik. Das Adrenalin schießt durch meine Adern, von der eisigen Temperatur spüre ich nichts. 15 oder 25 Grad - für mich macht das jetzt keinen Unterschied.

Auf den Spuren des Kanus

Ich bin auf der Canadian Canoe Route im Osten des Landes unterwegs. Diese führt den Reisenden auf den Spuren des Kanus durch die Provinz Ontario. Katrina Kerckhoff ist 24 und eine Extrempaddlerin, die sich schon mal von 20 Meter hohen Wasserfällen in die Tiefe stürzt. Und sie ist Tochter einer Weltmeisterschafts-Medaillengewinnerin. Mutter Claudia hatte 1982 Bronze im Kanuslalom geholt und war überdies zehnfache kanadische Meisterin. Ihr Unternehmen nennt sich Madawaska Kanu Centre - mit der deutschen Schreibung des Wortes "Kanu" nimmt sie auf ihre Familiengeschichte Bezug. Katrinas Großeltern sind in den 1950-Jahren aus Norddeutschland eingewandert, und Mutter Claudia spricht immer noch hervorragend Deutsch - wohl auch deshalb, weil die meisten Wettbewerbe im Wildwasserfahren im deutschsprachigen Raum stattfinden.

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Bei einer Frau mit solch einer Familiengeschichte kann ich mich in sicheren Händen fühlen. "Lehn dich weiter nach rechts, das Paddel etwas senkrechter einstechen, jetzt rückwärts paddeln, hinein in den Strudel" - Katrinas Anweisungen kommen klar und deutlich. Sie sitzt vorne, ich sitze hinten und soll das Boot durch die Stromschnellen steuern. Irgendwie ist die Sache ganz einfach, zumindest solange Katrina mir sagt, was ich zu tun habe. Zum Nachdenken darüber, wie ich das Paddel richtig einsetzen muss, bleibt mir im Wildwasser keine Zeit. Am Ende des zweistündigen Crash-Kurses meistere ich die Stromschnellen der Klasse II dann aber auch allein. Zugegeben, im Verzeichnis der Stromschnellen-Schwierigkeitsgrade wird Grad II wenig spektakulär so definiert: "Sie können bespritzt werden. Leichte Wellen, die einfach zu sehen sind." Der Profi mag lachen, aber mir kamen die Strudel zu Beginn des Kurses nahezu unbezwingbar vor. Ein bisschen Stolz gönne ich mir am Ende des kleinen Lehrgangs deswegen schon.

Jeremy weiß alles über Kanus

Nach so viel Praxis habe ich mir auf meiner Reise etwas entspannende Theorie verdient. Im Canadian Canoe Museum in Peterborough, dem größten seiner Art weltweit, führt mich Jeremy Ward durch die Hallen. Der sportliche Glatzkopf ist einer der besten Kanu-Restauratoren des Landes und hat im Museum sein Hobby zum Beruf gemacht. Keine Frage zu Kanus, die er nicht beantworten kann. Er erzählt, dass Kanada einst nur mit Hilfe des Kanus erschlossen werden konnte - eine Strecke, für die man zu Fuß oder hoch zu Ross zwei Wochen brauchte, legte man paddelnd in zwei Tagen zurück. Bis zu Beginn des 20. Jahrhundert waren die Wasserwege die Highways des Landes.

Mehr als 600 Kanus und Kajaks sind in Peterborough ausgestellt, darunter auch das Birkenrinden-Kanu des ehemaligen kanadischen Ministerpräsidenten Pierre Trudeau. Vielen Gästen aus Europa mag der Name des bis 1984 amtierenden Politikers heute wenig sagen. Dass selbst ein Regierungschef in seiner Freizeit mit dem Kanu unterwegs ist, verdeutlicht aber, welche Bedeutung das kleine Boot in Kanada hat. Oder kann sich jemand vorstellen, dass Helmut Kohl mit dem Kanu über den Wolfgangsee gepaddelt wäre? Ward weiß auch, dass Peterborough nicht durch Zufall als Standort des Museums ausgesucht wurde. Hier lag einst das weltweite Zentrum der Kanu-Produktion - niemand hat so viele Boote hergestellt wie die 1893 gegründete Peterborough Canoe Company.

Auf den richtigen Baum kommt es an

Und Ward erzählt auch, dass er sogar seine Flitterwochen an Bord eines Birkenrinden-Kanus verbracht hat. Zwei Wochen ist er mit seiner Liebsten durch die kanadische Wildnis gepaddelt. Das ist aus zwei Gründen bemerkenswert: einerseits, weil sich die meisten Frauen wohl etwas anderes unter einer gelungenen Hochzeitsreise vorstellen und zweitens, weil Birkenrinden-Kanus inzwischen eine Rarität sind. So große Bäume, deren Rinde man zum Bau eines Kanus verwenden könnte, gibt es kaum noch. Ein Paddel kann man aber immer noch selbst machen, denn Holz ist in Kanada ausreichend vorhanden. Weil entlang der Canadian Canoe Route Theorie und Praxis immer wieder abwechseln, steht nach dem Museumsrundgang ein Paddel-Schnitzkurs auf dem Programm. Da die Grobform schon an der Maschine vorgearbeitet wurde, stellt sich das Ganze einfacher dar als gedacht - und am Ende des Tages verlasse ich mit einem durchaus brauchbaren Paddel Marke Eigenbau das Museum.

Und dann geht es wieder ins Wasser: Im Ottawa River steht Wildwater Rafting auf dem Programm. Auch diesmal gibt es keine Chance, trocken zu bleiben. Die Stromschnellen hier sind nämlich von ganz anderem Kaliber als am Madawaska River. Dass die Sache trotzdem ein gutes Ende nimmt, dafür soll Matt sorgen. Er steuert unser Raft, in dem außer mir noch sechs andere Touristen sitzen und mitpaddeln. Selbst, wenn irgendjemand von uns über Bord gehen sollte, hat er nichts zu befürchten. Das jedenfalls verspricht uns Matt während der Sicherheitseinweisung. "Zieht die Beine an, damit ihr nicht gegen die Felsen schlagt, lasst euch einfach treiben, genießt den Trip durch die Wellen und wartet bis Sascha kommt". Sascha ist ein deutscher Weltenbummler, der hier für eine Saison als "Safety Paddler" angeheuert hat. Als solcher folgt er dem Schlauchboot und soll als rettender Engel zur Stelle stehen, falls jemand ins Wasser fällt. Bei unserer Tour ist Hilfe nicht nötig. Dank Matt meistern wir alle Stromschellen souverän und fühlen uns bald schon als Wildwasserhelden.

Der Fluss hatte eine wichtige Funktion

Hier, auf den Ottawa River, sind wir auf einer historischen Kanuroute unterwegs. Der 1270 Kilometer lange Fluss war eine der Haupthandelsrouten der Algonkin-Indianer und auch Pelzhändler, so genannte "Voyageurs", waren hier unterwegs. Die Arbeit am Fluss war aber schwer und gefährlich. Meist schufteten die Männer 14 Stunden und mehr pro Tag. Dabei mussten sie die Boote nicht nur durch reißende Stromschnellen lotsen, sondern die Lasten über lange Portage-Strecken bergauf und bergab schleppen. Viele Voyageurs ruinierten dadurch ihre Gesundheit, die meisten starben früh. Die wilden Burschen waren aber Volkshelden, und ihre Taten wurden in vielen Liedern besungen und in Gedichten gepriesen. Und so darf sich am Ende der Canadian Canoe Route auch jeder Tourist ein bisschen wie ein Voyageur fühlen - wie ein Held, der das wilde Wasser bezwungen hat.

Weitere Informationen:

  • Kanu-Touren: Madawaska Kanu Centre/OWl Rafting, Tel. 001/613/7563620, www.owl-mkc.ca;
  • Canadian Canoe Museum, 911 Monoghan Road, Peterborough, Ontario, Tel. 001/705/7489153, www.canoemuseum.ca;
  • Weitere Auskünfte: Ontario Tourism, c/o Lieb Management, Tel. 089/689063837, www.ontariotravel.net/de

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