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Flug über den Himalaya: Gipfelsturm per Düsenjet

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Flug über den Himalaya  

Gipfelsturm per Düsenjet

08.06.2011, 17:01 Uhr | Hasnain Kazim, Islamabad, Spiegel Online

Flug über den Himalaya: Gipfelsturm per Düsenjet. Beeindruckende Aussichten auf Achttausender (Foto: Hasnain Kazim)

Beeindruckende Aussichten auf Achttausender (Foto: Hasnain Kazim)

Ein Flug über die Kolosse des Himalaya und des Karakorum - das wär's, denkt sich ein Polizist an der deutschen Botschaft von Pakistan und chartert eine bejahrte Boeing 737. Der Pilot verspricht der Diplomatenreisegruppe den aufregendsten Flug ihres Lebens. Welche Aussicht die Passagiere hatten, sehen Sie in unserer Foto-Show.

"Warum nicht?"

Man trifft sich auf einer Party, man isst, trinkt, redet über dies und das, und irgendwann erzählt Mirza Baig, Manager bei der Fluggesellschaft Pakistan International Airlines, kurz PIA, von den Flügen über den Himalaya, die man bis vor fünf Jahren von der Hauptstadt Islamabad aus angeboten habe. Aber schon nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 blieben die Touristen aus, und irgendwann habe man einsehen müssen, dass es keine Kundschaft mehr gebe für den rund neunzigminütigen Flug. Das wär ja was!, denkt sich Herbert N., Polizist an der deutschen Botschaft in Islamabad. Ob man nicht eine Boeing 737 chartern könne, fragt er Baig. "Warum nicht?", antwortet der.

Über Nanga Parbat und K2

Islamabad ist eine künstliche Stadt, Mitte der Sechziger als Hauptstadt von Pakistan erschaffen, nummerierte Straßen, eine Regierungs- und Verwaltungsstadt, grün, gepflegt, hübsch, auf Dauer langweilig. Das kulturelle Angebot ist minimal: Es gibt kein Kino, nur wenige Konzerte, das Freizeitangebot besteht vor allem aus Privatpartys. Warum also nicht privat einen Flug organisieren? N., ein zupackender Mann in den Fünfzigern, graues Haar, immer ein freundliches Wort auf den Lippen, findet, das könnte man doch mal machen: mit einem Jet über das Indus-Tal fliegen, über Kaschmir, vorbei am 8125 Meter hohen Nanga Parbat, dem "Schicksalsberg der Deutschen", bis zum zweithöchsten Berg der Welt, dem K2.

Nur ein Drittel der Plätze belegt

Aus der fixen Idee wird ein Plan: Die PIA-Manager stellen eine Boeing 737 bereit, N. unterschreibt zum ersten Mal in seinem Leben einen Chartervertrag und verschickt E-Mails an Botschaften, Stiftungen und internationale Organisationen. Insgesamt 42 Passagiere können mitfliegen, auch wenn die Maschine dreimal so viele Plätze hat: Es werden nur Sitze ganz vorne und ganz hinten auf beiden Seiten vergeben, jeweils paarweise, nicht aber über den Tragflächen - man soll ja ungehinderte Sicht haben.

Militärisches Veto

Umgerechnet knapp 200 Euro kostet die Teilnahme pro Person, Charterpreis geteilt durch Passagierzahl. N. hat das Geld eingesammelt und in 42 Briefumschläge gesteckt, damit nichts durcheinander kommt. Aber dann macht die pakistanische Luftwaffe einen Strich durch die Rechnung: Sie erteilt dem Flug keine Genehmigung, auf der Route gebe es schließlich militärisch relevante Einrichtungen. Und überhaupt, was soll das, ein Flug, der in Islamabad startet und in Islamabad landet? Die jungen Offiziere seien neu auf ihren Posten, sagen die Leute von der Fluggesellschaft, sie wüssten nicht, dass es schon mal Rundflüge gab. Die Tour wird am Abend vor dem Abflug abgesagt. Dem Management der Airline ist die Angelegenheit furchtbar peinlich, man spricht mit der Luftwaffenführung, in Pakistan geht nichts ohne Zustimmung der Streitkräfte. Eine Woche später darf die alte Boeing 737, an deren Tragflächen schon ein paar Nieten fehlen, doch noch starten.

"Nicht schlafen!"

Shahid Hussain, langes graues Haar, grauer Schnurrbart, goldgerahmte Sonnenbrille, ist so cool, wie ein Pilot nur cool sein kann. Er ist eigens aus der südpakistanischen Metropole Karatschi eingeflogen, um die Bergtour zu fliegen. "Ich hab das früher schon gemacht", sagt er. Heute fliegt er größere Maschinen, Linienflüge. "Langweilig" nennt er das im Vergleich zu dem, was jetzt bevorstehe. Kurz vor dem Start verspricht er den Passagieren den "schönsten Flug Ihres Lebens", ein "Erlebnis, das Sie nie wieder vergessen werden". Wie gebannt starren die Passagiere aus dem Fenster, Deutsche, Niederländer, Schweizer, Schweden, Australier, obwohl die Maschine noch immer auf dem tristen Benazir-Bhutto-International-Flughafen steht. Als die Maschine zur Startbahn rollt, ist ein amerikanischer Diplomat aus lauter Fluggewohnheit schon eingeschlafen. Seine Frau stößt ihm mit dem Ellenbogen in die Rippen. "Nicht schlafen!", befiehlt sie.

Im Tiefflug über geschichtsträchtige Berge

Es ist ein wolkiger Tag, "nicht ideal für diesen Flug", sagt Pilot Hussain. "Aber wir werden genug zu sehen bekommen." Kaum hat die Maschine abgehoben und Islamabad hinter sich gelassen, beginnen die Berge: die Margalla Hills, Ausläufer des Himalaya. Tiefer als im normalen Passagierverkehr fliegt Hussain den Jet über die Berge, nach ein paar Minuten schon über den tiefblauen Bergsee Saiful Muluk, zu dem man mit dem Auto von Islamabad aus mindestens acht Stunden über Schotterpisten in schwindeligen Höhen benötigt.

Der tragödienreiche Nanga Parbat

Dann: der Nanga Parbat, der Gipfel höher als das Flugzeug. Um hochzuklettern, braucht man Tage, wenn man es denn schafft - viele Expeditionen scheiterten, hier haben sich Tragödien abgespielt. Mit dem Flugzeug schafft man es von Islamabad bis nahe an den Gipfel in einer halben Stunde. Es sei ein bisschen "ein Betrug an der Natur", sagt ein amerikanischer Diplomat. Dann holt er seine Kamera aus der Tasche und macht Bilder von dem Koloss.

Eisgekühlter Drink überm Gletscher

Die Passagiere sagen "Ah!" und "Oh!", mal drängen sie sich alle auf der rechten Seite, dann wieder auf der linken. Es ist wie im Reisebus beim Schulausflug. Ein paar haben Alkohol mitgebracht, die Crew verteilt Gläser mit Eiswürfeln. Alkohol ist in Pakistan verboten, auch auf Flügen der PIA, aber dies ist ein Charterflug, quasi privat. Im normalen Leben wird in dem Land ja auch getrunken, was das Zeug hält, kein Armeeoffizier ohne private Bar.

Blick über die Schulter des Piloten

Nächste Sehenswürdigkeit ist der Baltoro-Gletscher, einer der größten der Welt, eine langgezogene weiß-braune Schneise auf über 4000 Metern Höhe. Mehr noch als von den Bergen und Eismassen da unten sind die US-Diplomaten von etwas ganz anderem fasziniert: dem offenen Cockpit. "So etwas ist bei uns seit 9/11 absolut verboten", sagt eine junge Frau und kann es gar nicht fassen, dass sie dem Piloten über die Schulter gucken darf.

Der Geheimdienst ist auch an Bord

Shahid Hussain hat erlaubt, dass die Tür offen bleibt. Jeder Passagier darf mal nach vorne, den atemberaubenden Ausblick genießen, Fotos machen. "Herrlich!", sagt er. Dann fotografiert er selbst und macht Bilder von seinem Copiloten vor dem Nanga-Parbat. Hinten in der Maschine sitzen zwei pakistanische Männer, Mitarbeiter des Geheimdienstes, man muss ja im Auge behalten, was die Ausländer so treiben.

Der chinesische Luftraum ist tabu

Ziel des Rundflugs ist der K2 im Karakorum-Gebirge. Der steht dummerweise genau auf der Grenze zwischen Pakistan und China. Eine Umrundung ist daher nicht möglich, man dürfe ja nicht einfach so in chinesischen Luftraum fliegen. Shahid Hussain sagt deshalb per Bordfunk, dass links gerade der K2 zu sehen sei. Kaum drängen sich die Passagiere an den Fenstern, dreht er schon ab - auf keinen Fall soll die Maschine Pakistan verlassen.

Sightseeing-Flug mit Wiederholungsgefahr

Genau zwei Stunden dauert der Flug, etwa eine halbe Stunde länger als geplant war die Maschine in der Luft. Pilot Hussain ist begeistert, endlich mal wieder im "schönsten Teil der Welt" geflogen zu sein. Er fragt N., ob der nicht bereit sei, noch einmal einen solchen Flug zu organisieren. Der hat mehrere Abende damit verbracht, Leuten zu-, ab- und wieder zuzusagen, Geld einzusammeln und mit der Fluggesellschaft zu verhandeln. Er ist glücklich über den Erfolg, aber auch glücklich, dass es nun vorbei ist. "Mal sehen", sagt er. "Mal sehen."

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