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Couchsurfing im Iran  

Zuhause wird die Maske abgelegt

07.05.2015, 11:33 Uhr | Johanna Stöckl

Couchsurfing im Iran. Der couchsurfende Autor Stephan Orth in einer seiner Schlafstätten im Iran. (Quelle: Stephan Orth)

Der couchsurfende Autor Stephan Orth in einer seiner Schlafstätten im Iran. (Quelle: Stephan Orth)

Es ist offiziell verboten. Trotzdem reiste Stephan Orth als Couchsurfer kreuz und quer durch den Iran, schlief in privaten Unterkünften auf Dutzenden von Perserteppichen, erlebte irrwitzige Abenteuer – und lernte dabei ein Land kennen, das so gar nicht zum Bild des Schurkenstaates passt. Seine Erlebnisse schildert der 35-jährige Journalist in einem Buch, das kürzlich erschienen ist. „Couchsurfing im Iran. Meine Reise hinter verschlossene Türen“. Unsere Foto-Show gibt einen Einblick in seine Reise. Johanna Stöckl hat ihn zu seinen Eindrücken befragt.

Ihr Buch belegt Platz 7 auf der Paperback Bestseller Liste. Ausländische Medien berichten ebenfalls eifrig über Ihre Reise durch den Iran. Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?

Der Iran ist momentan wegen der Atomverhandlungen in den Medien sehr präsent. Außerdem haben viele Menschen das Land seit vielen Jahren auf ihrer Reise-Wunschliste. Seit Hassan Rohani als Präsident an der Macht ist, steigt der Tourismus stark an. Es tut sich also einiges. Und zudem ist es natürlich immer wieder spannend für Leser, wenn ein Buch sie durchs Schlüsselloch schauen lässt.

Während Ihrer zweimonatigen Reise haben Sie bei 22 Gastgebern geschlafen. Wie sahen Ihre Schlafplätze aus?

Auf einer Couch jedenfalls habe ich nie geschlafen: meist auf Perserteppichen am Boden, selten auch mal in einem Bett. Besonders luxuriös war mein Gästezimmer im Norden von Teheran. In einer sehr modernen Wohnung in einem Hochhaus. Mit Wachmann und allem Drum und Dran. Die übelste Schlafstätte erwartete mich in einem Hotel: Das Zimmer war gerade einmal so groß wie die beiden Betten darin, die Decken mit einem fürchterlichen Cinderella-Motiv verziert. Es war dreckig und stank.(Lacht) Das Zimmer war sein Geld jedenfalls nicht wert.

UMFRAGE
Möchten Sie gerne den Iran bei einer Reise kennen lernen?

Obwohl offiziell verboten, bieten über 20.000 Gastgeber im Iran ausländischen Gästen kostenlose Übernachtungsmöglichkeiten an. Welche Menschen sind das?

Die meisten Gastgeber sind zwischen 20 und 35 Jahre alt, sprechen gut Englisch und interessieren sich für den Westen. Beim Couchsurfing erreicht man die modernen, kaum aber die konservativen jungen Menschen. Das Interessante daran ist, dass genau diese gebildeten Menschen eines Tages die Zukunft des Landes in der Hand haben werden. Viele wünschen sich ein anderes, offenes Land, ein Land mit mehr Freiheiten und weniger Religionsdiktatur.

Wie hat sich Ihr Bild vom Iran verändert, nachdem Sie hinter verschlossene Türen blicken konnten?

Ich habe einen Eindruck davon bekommen, wie sehr sich das öffentliche vom privaten Leben unterscheidet. Innerhalb ihrer eigenen vier Wände lästern Iraner über Religion und Regierung, da wird Alkohol getrunken, den man selber produziert, da fallen die Schleier. Für viele Einheimische ist die Islamische Republik eine Maskerade, die sie nur öffentlich aufrecht erhalten. Zu Hause gelten andere Regeln.

Ihr Buch beginnt mit den Worten: „Wenn du Schiss hast, so richtig Schiss hast, wenn du denkst, jetzt geht es dir an den Kragen, dann nimmst du plötzlich alles in doppelter Schärfe wahr.“ Wie oft hatten Sie während Ihrer Reise Schiss?

Es gab immer wieder Angstmomente. Ich hätte das Buch nicht in dieser Form machen können, ohne einige Regeln zu brechen. Beispielsweise war ich mit einem Touristenvisum unterwegs, obwohl ich recherchiert habe, und musste dieses Visum zweimal vor Ort verlängern. Hätte man meine Notizbücher gefunden oder meine Fotos komplett gesichtet, wäre das ein ernsthaftes Problem für mich gewesen. Während meiner Reise habe ich zudem ständig Dinge erlebt, die verboten sind. Ein bisschen paranoid wird man schon, wenn man in einem Überwachungsstaat permanent Regeln bricht. Und wenn man immer wieder spürt, dass auch die Einheimischen Angst haben.

Mit welchen Konsequenzen mussten Sie rechnen, wenn man Ihnen auf die Schliche gekommen wäre?

Diese Frage stelle ich mir oft, und die ehrliche Antwort ist: Ich weiß es nicht. Der Iran ist kein Rechtsstaat. Man ist daher in brenzligen Situationen immer einer gewissen Willkür ausgesetzt. In Deutschland kann ich mir, sofern ich nichts ernsthaft Schlimmes angestellt habe, sicher sein, dass mir durch die Justiz nichts passiert. Im Iran gilt das nicht. Bei einem Autounfall ruft man nicht die Polizei, sondern regelt das unter sich. Wenn eine Frau vergewaltigt wird, geht sie im Iran auf gar keinen Fall zu den Behörden, weil das nur noch mehr Ärger bringt.

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War es möglich, überall zu fotografieren?

Regierungsgebäude, Atomkraftwerke und Militäranlagen darf man im Iran nicht fotografieren. Menschen, die ich in der Öffentlichkeit abgelichtet habe, bat ich natürlich vorher um Erlaubnis. Die wenigsten hatten ein Problem damit. Iraner selbst lieben es ja auch zu fotografieren.

Sind Fotos entstanden, die Sie niemals öffentlich zeigen werden?

Eine ganze Menge. Ich habe immer wieder Menschen fotografiert, die sich über Verbote hinwegsetzen. Einen Winzer etwa, der trotz Alkoholverbot 600 Liter Wein im Jahr produziert. Die Teilnehmer eines heimlichen Sado-Maso-Treffens in Teheran. Oder Gäste einer Bikini-Party in der heiligen Stadt Mashhad. Für den Bildteil im Buch musste ich viele brisante Motive aussortieren.

Ihr eindrücklichstes Erlebnis im Iran?

Ein einzelnes Erlebnis herauszupicken, fällt mir schwer. Es gab ständig tolle und bewegende Momente. Hautnah mitzuerleben, wie sich Menschen mit einem System der Unterdrückung und Angst arrangieren und mit welcher Kreativität sie dabei Verbote umgehen, hat mich sehr beeindruckt. Andererseits spürt man auch viel Frustration. Ich habe immer wieder junge Menschen getroffen, die einfach nur weg, ihre Heimat verlassen wollen, und von einem Leben in Gefangenschaft sprachen.

Ein Beispiel?

Ein junger Mann schilderte mir seinen größten Wunsch: Er möchte einmal gemeinsam mit seiner Freundin in eine Bar gehen und ihr einen Cocktail spendieren. ‚Ist das zu viel verlangt?’, hat er mich gefragt, und dabei war er den Tränen nah.

Wie viel Information über das freie Leben in der westlichen Welt erreicht die Menschen im Überwachungsstaat Iran?

Die Iraner wissen mehr über uns als wir über sie.Woran denken die meisten, wenn sie Iran hören? An nukleare Aufrüstung, religiöse Fanatiker und Frauenrechtsprobleme. Was selbstverständlich wichtige Themen sind, aber längst kein vollständiges Abbild der Realität. Im Iran dagegen haben viele Menschen Satellitenfernsehen, obwohl es verboten ist. Sie schauen sich Nachrichten aus der ganzen Welt an, Hollywood-Filme, internationale Musiksender und US-Serien. Darüber hinaus sind Iraner extrem an Informationen aus erster Hand interessiert. Die Menschen sind überaus offen und neugierig.

Weshalb sie internationale Gäste zu sich nach Hause einladen?

Genau. Wer die Welt nicht aus freien Stücken bereisen kann, holt sich diese eben zu sich nach Hause. Ich habe sehr interessierte Zuhörer erlebt, die kluge Fragen stellen. Ständig musste ich aus meinem alltäglichen Leben in Deutschland erzählen oder Europapolitik erklären.

Wurden Sie mit Neid auf Ihr freies, üppiges Leben konfrontiert?

Manchmal schon, weil die strengen Regeln im Alltag für viele eine riesige Belastung sind. Doch kaum jemand hätte sich gewünscht, mit mir den Geburtsort zu tauschen: Iraner sind sehr patriotisch und zurecht stolz auf ihre 2.500 Jahre alte Kultur und deren Errungenschaften. Sie haben nicht das Gefühl, der westlichen Kultur unterlegen zu sein.

Erklären Sie sich so auch die enorme Gastfreundschaft, die man Gästen im Iran entgegenbringt?

Das ist bestimmt ein Aspekt davon. Die Menschen im Iran wissen, welches Bild man im Ausland von ihrer Heimat hat und haben daher den starken Wunsch, dieses Bild zu korrigieren. Darüber hinaus haben die „Taarof“ genannten Höflichkeitsregeln einen sehr hohen Stellenwert in der Gesellschaft. Schon seit Jahrhunderten ist es Tradition, Gäste wie Könige zu behandeln.

Wussten Ihre Gastgeber, dass Sie kein normaler Tourist sind?

Jeder Gastgeber, der in meinem Buch vorkommt, wusste das. Ich habe fast alle Namen geändert, um niemanden in Gefahr zu bringen. Wie begeistert meine Gastgeber von der Buchidee waren, hat mich allerdings überrascht. Sie haben mich ermutigt, darüber zu schreiben, wie es im Iran wirklich ist. Die Menschen gingen wesentlich sorgloser mit möglichen Konsequenzen der Veröffentlichung um als ich.

Stellten Sie als recherchierender Journalist nicht ein doppeltes Risiko für Ihre Gastgeber dar. Oder umgekehrt: Hätte man Sie nicht auch verpfeifen können?

Gegenseitiges Vertrauen ist ja die Basis beim Couchsurfing. Auch im Iran.

In Ihrem Buch liest man, dass sich ungewöhnlich viele Frauen im Iran einer Nasenoperationen unterziehen und die meisten sehr viel Make-up tragen. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Wer nur zwischen Kinn und Stirn und an den Händen Haut zeigen darf, versucht verständlicherweise, an diesen Stellen das Maximum herauszuholen. Zugleich ist starkes Make-up natürlich auch eine Provokation und ein Austesten von Grenzen.

Haben Sie im Iran etwas fürs Leben gelernt?

Unsere Freiheit in Deutschland und in Europa habe ich sehr viel mehr zu schätzen gelernt. Wer nichts Böses macht, hat im Alltag nichts zu befürchten. Ein wunderbares, befreiendes und eben nicht selbstverständliches Gefühl.

Werden Sie erneut in den Iran reisen?

Mein Buch beschreibt lauter verbotene Dinge, in persischen Medien wurde bereits ausführlich darüber berichtet. Im Moment wage ich es daher nicht, erneut in den Iran zu reisen.

Sie beenden das Buch mit der Beschreibung Ihres letzten Abends im Iran. Zehn junge Menschen arrangieren für Sie eine Abschiedsparty. Man trinkt trotz Alkoholverbot Rosinenschnaps, obwohl die Internetplatform YouTube im Iran blockiert ist, schaut man sich gemeinsam Skandalvideos an, man tanzt – die Frauen unverschleiert. Wie deuten Sie Ihren letzten Eindruck vom Iran?

Ich wollte kein pessimistisches Buch schreiben. Es mag viele Dinge geben, die im Iran im Argen liegen, aber gleichzeitig waren da auch diese wunderbaren Begegnungen mit Menschen, die aus ihrer teils misslichen Lage das Beste machen, die sich zumindest im Privaten gegen das System auflehnen. Ich habe daher die große Hoffnung, dass sich im Iran über kurz oder lang etwas grundlegend verändert. Zwei Drittel der Iraner sind unter 30. Momentan suchen die jungen Leute ihre Freiheit im Internet und brechen die Regeln auf Facebook, YouTube oder bei Messenger-Diensten. Irgendwann werden all diese Menschen ihre Freiheit auch offline, also im richtigen Leben einfordern. Es wird keiner Regierung gelingen, dieses Bedürfnis dauerhaft zu unterdrücken.

Der Autor

Stephan Orth, Jahrgang 1979, studierte Anglistik, Wirtschaftswissenschaften, Psychologie und Journalismus. Seit 2008 arbeitet er als Redakteur im Reiseressort bei Spiegel Online. Für seine Reportagen wurde Orth mehrfach mit dem Columbus-Preis ausgezeichnet. Er ist Autor des Nr.1-Bestsellers „Sorry, wir haben die Landebahn verfehlt“.

Couchsurfing im Iran, Stephan Orth, Erschienen bei Malik, 240 Seiten
ISBN: 978-3-89029-454-4

www.facebook.com/couchsurfingimiran

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