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Berlin: Touristenflut vergrault Anwohner

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Berlin: Touristenflut vergrault Anwohner

27.07.2011, 15:25 Uhr | AFP

Türen schlagen, Gelächter und Lärm von Rollkoffern tönen durchs Treppenhaus, laute Musik dringt durch die Wände in die Nachbarwohnungen. Alltag in der Berliner Wilhelmstraße, einer Toplage zwischen Brandenburger Tor und Potsdamer Platz. In den Apartments schlafen Touristen - zum Ärger der Dauermieter. "Viele, die hier wohnen, fühlen sich wie auf dem Bahnhof", sagt Jürgen Mickley von der Bürgerinitiative Wilhelmstraße Berlin Mitte, die sich gegründet hat, um sich gegen die Situation zu wehren.

Privatwohnungen an Urlauber vermietet

Dass immer mehr Privatwohnungen an nur temporäre Besucher vermietet werden, ist aus Sicht vieler Anwohner eine der Schattenseiten des Tourismusbooms, den die Hauptstadt seit Jahren erlebt. Von den rund 930 Wohnungen in der Wilhelmstraße würden etwa 260 als Unterkünfte für Gäste vermietet, sagt Mickley. "In manchen wohnen ganze Schulklassen." Für die Besucher sei aber gar nicht ersichtlich, dass es sich bei den Wohnungen keineswegs um angemeldete Fremdenzimmer handle, sondern um Privatwohnungen. Einige alteingesessene Anwohner seien bereits ausgezogen, weil sie die Lage nicht mehr ertragen hätten, andere seien kurz davor. "Es ist eine immense Belastung", sagt Mickley.

Vermutlich 25.000 illegale Ferienwohnungen

Zwischen 15.000 und 25.000 Wohnungen sind nach Schätzungen in der Hauptstadt für Touristen umfunktioniert worden. Der Trend setzte ein, nachdem die Bestimmungen über Zweckentfremdung vom Senat 2002 gelockert worden waren, weil es keinen Wohnungsmangel mehr gab. Inzwischen sorgen sich manche Bezirke jedoch um eine Verdrängung der Bevölkerung - besonders die zentral gelegenen Stadtteile Mitte, Kreuzberg und Prenzlauer Berg. "Die Mieten steigen, denn der Wohnraum ist knapp", sagt der Kreuzberger Baustadtrat Hans Panhoff (Grüne). Der Bezirk sei dagegen, dass Vermieter ihre Wohnungen Touristen anböten. "Wir wollen das nicht haben. Wir brauchen günstige Wohnungen für junge Familien." Panhoff will, dass der Senat die Regelung für Zweckentfremdung wieder verschärft.

Überprüfung kaum möglich

Vor einem Jahr gab der Senat die Verantwortung an die Bezirke weiter, als er strengere Auflagen für den Brandschutz und die Rettungswege in "Beherbergungsstätten über zwölf Betten" erließ. Die Bauämter der Bezirke sollen überprüfen, ob die Bestimmungen eingehalten werden. Panhoff weist dies zurück. "Unsere Mitarbeiter müssten erst zählen, wie viele Betten in einem Haus an Touristen vermietet werden. Das ist schwierig, weil die Fremdenzimmer meist in verschiedenen Wohnungen liegen", sagt er. Eine solche Detektivarbeit sei auch wegen der Personalknappheit nicht zumutbar. Leidtragende sind vor allem die Hotels und Pensionen. Der Hauptgeschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverbands Berlin, Thomas Lengfelder, beklagt eine "Wettbewerbsverzerrung" durch Anbieter, die am Gesetz vorbei nach Touristen fischten. Er schätzt, dass die Zahl der Übernachtungen in Ferienwohnungen pro Jahr bei mehr als drei Millionen liegt - "ein guter Teil davon in illegalen Ferienwohnungen".

Behelfsunterkünfte: Mangelnde Hygiene und fehlende Sicherheit

Lengfelder bemängelt vor allem die mangelnde Hygiene in diesen Unterkünften und die fehlende Sicherheit. Schimmelpilze, ungesicherte Steckdosen und freiliegende Elektrokabel seien keine Seltenheit. Fluchtwege seien nicht ausgewiesen oder Feuerlöscher defekt. Außerdem würden Meldevorschriften umgangen, weil von den Touristen häufig nicht verlangt werde, einen Pass vorzulegen. Steuerausfälle fürs Land in unbekannter Höhe kämen hinzu. Auch die landeseigene Tourismusagentur Visitberlin ist nicht glücklich über den "grauen Herbergsmarkt", wie Sprecher Christian Tänzler sagt. "Das ist unlautere Konkurrenz." Die Vermieter handelten "absolut unverantwortlich", wenn sie ganze Schulklassen in Privathäusern unterbrächten. Unglücklich ist Tänzler auch über das "Konfliktpotenzial" mit der Nachbarschaft - denn Stunk gegen Besucher der Hauptstadt will Visitberlin natürlich um jeden Preis vermeiden.

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