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Mauerbau: Zeitzeugen erzählen vom Eisernen Vorhang

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50 Jahre Mauerbau  

50 Jahre Mauerbau: Grenzgeschichten am Grünen Band

08.08.2011, 13:12 Uhr | Oliver Gerhard, srt

Mauerbau: Zeitzeugen erzählen vom Eisernen Vorhang. Katharinenberg/ Wendeleben: Trabis vor DDR-Grenzturm an der einstigen Grenze. (Foto: srt/Oliver Gerhard) (Quelle: Oliver Gerhard)

Katharinenberg/ Wendeleben: Trabis vor DDR-Grenzturm an der einstigen Grenze. (Foto: srt/Oliver Gerhard) (Quelle: Oliver Gerhard)

Auf geführten Touren erzählen Zeitzeugen zum Jahrestag des Mauerbaus vom Eisernen Vorhang. Mit dem Trabbi fahren sie mit den Besuchern verschiedene Stationen ab und erzählen von ihren persönlichen Erinnerungen an die Zeiten in der ehemaligen DDR. In unserer Foto-Show sehen Sie wie so eine Tour abläuft.

Zeit voller Misstrauen

"James Bond war nie hier", sagt Martin Weber. "Aber ein paar Agenten haben wir schon erwischt." Der Franke kramt in seinem Gedächtnis, während wir den breiten Wanderweg zur Thüringer Warte entlang stapfen. Er erzählt zum Beispiel von der alten Dame aus der DDR, die einst bei ihm logierte. "Beim Aufräumen fanden wir in ihrem Zimmer zerrissene Schnipsel, Notizen über das westdeutsche Grenzpersonal. Eine Spionin." Das Misstrauen gehörte zu Zeiten des Eisernen Vorhangs zu Webers Beruf: Fünf Jahre lang patrouillierte er als Grenzpolizist am Todesstreifen zwischen Franken und Thüringen. Mit den "Kollegen" jenseits des Zaunes konnte er kein Wort wechseln: "Manchmal standen wir uns Auge in Auge gegenüber, doch kein Gruß wurde erwidert, keine Frage beantwortet", sagt der Rentner heute.

Das Handy als virtueller Reiseführer

Beim Laufen deutet Weber auf ein kleines Schild am Wegesrand mit einer abgedruckten Telefonnummer. "Rufen Sie dort mal an." Im Handy ertönt eine Stimme: Martin Weber. Der Grenzpolizist ist Teil eines Zeitzeugenprojekt, bei dem Erzählungen gesammelt und entlang mehrerer Wandertouren abrufbar gemacht wurden - das Handy als virtueller Reiseführer. Geschichten aus dem ehemaligen Grenzstreifen gibt es wie Sand am Meer: Alltägliches aus dem Leben nahe der Grenze, Anekdoten von Schmuggel und Grenzschikanen, Berichte von tragischen Fluchtversuchen, aber auch Skurriles wie die Geschichte von mehreren Dorfbewohnern, die über die Saale schwammen, um jenseits der Grenze zum Dorftanz zu gehen - auch vor dem Mauerbau ein gefährliches Unterfangen. Die Exkursionen mit Zeitzeugen - ob persönlich oder per Telefon - sind Teil des Programms "Erlebnis Grünes Band", mit dem sich der Grenzraum entdecken lässt. Viele Veranstaltungen erinnern zwischen dem 13. August 2011, an dem sich der Mauerbau zum 50. Mal jährt, und dem 3. Oktober an die Epoche des Eisernen Vorhangs.

Das Grüne Band

Weber geht zügig, deswegen haben wir unser Wanderziel schon bald erreicht. Die Thüringer Warte, ein Aussichtsturm auf fränkischer Seite, galt vielen Ostdeutschen einst als "Leuchtturm des Westens". Zu DDR-Zeiten rückten Besucher in Scharen an, um über die Grenze zu schauen. Darunter ehemalige Thüringer, denen die Flucht gelungen war. Von der windumtosten Turmspitze blicken wir weit ins Land. Zwischen alten Fichtenwäldern schimmert ein heller Grünstreifen: junge Birken, deren Farbe sich vor allem im Frühjahr und Herbst deutlich von der ihrer Umgebung abhebt - der ehemalige Grenzverlauf. Jenseits der Flächen des Todesstreifens konnte sich im Schutz der fünf Kilometer breiten Sperrzone eine einmalige Natur entwickeln. Mit seinen rund 1400 Kilometern Länge bildet das Grüne Band heute den längsten länderübergreifenden Biotopverbund Deutschlands.

"Sie dürfen mich Genosse Major nennen"

Nicht weit von hier liegt Frauenwald, ein verschlafener Ort im Thüringer Wald. Nicht einmal die Dorfbewohner ahnten, dass sie über Jahrzehnte versteckte Nachbarn hatten: Über ein unterirdisches Tunnelsystem erstreckte sich der geheime Führungsbunker des Bezirks. "Sie dürfen mich Genosse Major nennen", begrüßt uns der Museumsführer in Stasi-Uniform. Dann geht es in den Untergrund: durch die Dekontaminations-Schleuse, in die Funkzentrale, die Privaträume des Kommandanten, die Wasserversorgung, die Waffenkammer. In der Energiezentrale steht ein Fahrrad - im Notfall konnte man die Belüftung per Pedale in Gang halten: zehn Minuten radeln für eine Stunde Luft. Die Anlage war perfekt getarnt: Während des Baus errichtete man parallel eine Ferienanlage, um die Betontransporte zu rechtfertigen. Die Belüftung erfolgte über Röhren in falschen Straßenlaternen. Abluft wurde vor dem Freisetzen gekühlt, damit sie nicht mit Wärmekameras erfasst werden konnte. Und die Etiketten der Nahrungsmittel trugen die Aufschrift "Kunstharz" - nur für den Fall, dass einmal etwas vom Lkw fiel.

Das Leben im Sperrgebiet

Weber setzt seine Tour in einer Ikone der ostdeutschen Automobilindustrie fort: dem Trabant. Nur noch 33.000 Exemplare sind in Deutschland gemeldet. Einige Unikate stehen im "Trabiparadies" in Weberstedt: ein Papamobil zum Beispiel und ein Mannschaftscabrio mit vier Achsen - vermutlich der einzige "Stretch-Trabi" der Erde. Unter dem Motto "Wer Trabi fahren kann, der kann auch Auto fahren" wird die "Rennpappe" auch vermietet. Dabei kann von Rennen eigentlich keine Rede sein: bei 80 Stundenkilometern ist das Gaspedal im hügeligen Gelände schon am Anschlag. Knatternd düsen wir durch die kleinen Dörfer und über die Plattenwege, auf denen einst die Grenzpolizei unterwegs war. Holpernd erreichen wir schließlich den Grenzturm Katharinenberg. Eine Ausstellung zeigt dort den Aufbau der Grenzanlagen und das Leben im Sperrgebiet: Die Zufahrtstraßen zu diesem Bereich wurden von der Polizei kontrolliert, Besucher mussten sich einen Passierschein ausstellen lassen. Wegweiser waren entfernt worden, Wanderkarten existierten nicht.

James Bond bevorzugt

Zahlreiche Familien aus dem Ort, die bei der Obrigkeit als "politisch unzuverlässig" galten, wurden 1952 in der "Aktion Ungeziefer" zwangsumgesiedelt, darunter auch der damals achtjährige Erich Montag. "In unserem neuen Dorf waren wir als Verbrecher abgestempelt", sagt der Katharinenberger. "Freunde haben wir dort nie gefunden." Erst nach drei Jahren durfte die Familie in die alte Heimat zurückkehren. "Sag nichts in der Schule", lautete die Devise für die Kinder, und manchmal klingelten Fremde nachts an der Tür: "Die fragten nach dem Weg in den Westen. Wer Auskunft gab, der wurde verhaftet", sagt Montag. Die Spione der Stasi waren überall - James Bond wäre den meisten sicher lieber gewesen.


Weitere Informationen:

Touren und Termine: Mit Zeitzeugen wandern - auf fünf Strecken lassen sich per Handy oder MP3-Player Zeitzeugen anhören. Touren im Internet: www.thueringer-wald.com, Download der Dateien unter www.gruenesband.tomis.mobi. Im Frankenwald finden regelmäßig geführte Wanderungen entlang des Grünen Bandes zum Thema innerdeutsche Grenze statt, Internet: www.frankenwald-tourismus.de.
Im Deutsch-Deutschen Museum in Mödlareuth ist bis 31. Oktober die Ausstellung "Bevor die Mauer fiel" mit Fotos von Grenzpolizisten zu sehen, Internet: www.museum-moedlareuth.de. Im Grenzmuseum Schifflersgrund in Asbach-Sickenberg findet am 13. August eine Gedenkfeier zum Mauerbau statt, Internet: www.grenzmuseum.de.
In der Gedenkstätte Point Alpha gibt es am 13. August ein Podiumsgespräch mit der "Frau vom Checkpoint Charlie", Internet: www.pointalpha.com. Das Grenzlandmuseum Eichsfeld in Teistungen veranstaltet am 14. August eine Grenzwanderung zum Thema "50 Jahre Mauerbau", Internet: www.grenzlandmuseum.de. Exkursionen zum Thema Natur und Geschichte des Grünen Bandes koordiniert das BUND-Projektbüro Grünes Band, Internet: www.erlebnisgruenesband.de.
Sehenswert: Bunkermuseum Frauenwald, Am Rothenberg 1, 98711 Frauenwald, Internet: www.waldhotel-rennsteighoehe.de. Führungen täglich von zehn bis 17 Uhr zur vollen Stunde;
Trabiparadies, Museum zur Automobilgeschichte des Trabant mit vielen Unikaten, Hainichstr. 2, 99947 Weberstedt, Internet: www.trabiparadies.de;
Gedenkstätte Point Alpha, Museum in ehemaligem US-Stützpunkt an der Grenze, Platz der deutschen Einheit 1, 36419 Geisa, Internet: www.pointalpha.com.
Weitere Auskünfte: Tourist Information Thüringen, Willy-Brandt-Platz 1, 99084 Erfurt, Tel. 0361/37420, Internet: www.thueringen-tourismus.de.


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