Unter Tage
Tauchen im Bergwerk07.08.2013, 09:28 Uhr | Linus Geschke
Geflutetes Schieferbergwerk Nuttlar: Erst rund zwei der insgesamt zwölf Kilometer unter Wasser sind bislang erkundet. Der Rest bietet ausgiebig Raum für Entdeckungen. (Quelle: b.dorstewitz@googlemail.com / Www.UWPICs-Bjoern.de)
Verlassene Geräte, surreale Schieferwände und geheime Schnapsvorräte: Das Bergwerk Nuttlar sieht noch genauso aus wie zu dem Zeitpunkt, als es geflutet wurde. Jetzt wurde hier einer der aufregendsten Tauchplätze Deutschlands für Besucher geöffnet. Sehen Sie das Taucherlebnis auch in unserer Foto-Show.
Hinter einer kleinen Brücke im Örtchen Bestwig trennen sich die Wege derer, die das Schieferbergwerk Nuttlar besichtigen möchten. Wer den Kiesweg links nimmt, sollte Flossen, Trockentauchanzug und Pressluftflaschen im Kofferraum haben, den anderen genügt warme Kleidung und festes Schuhwerk.Seit Juni können Taucher im Reich der Finsternis auf Entdeckungstour gehen. Unter Tage, unter Wasser. Ein gelber Container, mitten ins schroffe Schiefergestein gesetzt, markiert den Eingang. Rund dreißig Meter weit führt der Stollen von dort aus nach unten, dann steht man vor einem unterirdischen See. Völlig dunkel ist es hier, das einzige Licht stammt von den mitgebrachten Taucherlampen. Und kalt: Ganzjährig liegt die Luft- und Wassertemperatur bei gut sieben Grad, die Luftfeuchtigkeit bei hundert Prozent.
Dieser Bereich des Bergwerks ist auch für Sporttaucher geeignet, sofern sie über die nötige Erfahrung verfügen. "Das ist quasi Schnuppertauchen für Höhlentaucher", sagt Matthias Richter, der Betreiber der Tauchschule (bergwerktauchen.de). "Durch die völlige Dunkelheit stimmt das Feeling, trotzdem kann man noch jederzeit auftauchen." Ein Verleih der Ausrüstung ist auf Nachfrage zwar möglich, wird aber nur selten in Anspruch genommen: "Wer hier hin kommt", sagt Matthias Richter, "gehört zu den erfahrenen Tauchern - und die haben, was sie brauchen." Bei den benötigten Trockentauchanzügen ist ein Ausleihen sowieso nicht sinnvoll, weil die genau angepasst sein müssen.
Die Taucher schweben über Gleisanlagen hinweg, die Lichtkegel ihrer Lampen verleihen dem Schiefergestein surreale Formen. Und irgendwann gelangen sie an den Bereich, der ausgebildeten Höhlentauchern mit entsprechender Ausrüstung vorbehalten ist. Und nur denen - da macht Richter keine Ausnahmen. Was dann folgt, kann man immer noch Tauchen nennen, aber es ist mehr als das. Es ist das Vorstoßen an einen Ort, dem man 1985 wegen der Insolvenz der Bergbaufirma einfach den Stecker zog. Die Männer stellten am letzten Arbeitstag ihr Gerät zur Seite, schalteten die Pumpen ab, machten das Licht aus und schlossen die Tür. Fertig. Zwanzig bis fünfzig Kubikmeter Wasser strömten fortan jeden Tag herein, überfluteten zwölf Kilometer an Gängen und Hallen. Loren, Werkzeuge und Lampen wurden bedeckt, dazu Helme und dicke Jacken, die die Arbeiter an den Wänden hängengelassen hatten. Nach sieben Jahren waren die zwei untersten Ebenen voll, drei höher gelegene sind trocken geblieben.
"Für uns Kinder aus dem Ort war das Bergwerk schon immer ein Abenteuerspielplatz", sagt Rainer Mengelers, der gemeinsam mit seinem Bruder Gerd die Nutzungsrechte besitzt. "Und schon kurz nach der Schließung haben wir gedacht: Da muss man doch was machen!" Bis 2009 haben die Brüder gekämpft, dann bekamen sie das Nutzungsrecht auf Lebenszeit. "Uns war von vornherein klar, dass wir alles lassen wollten, wie es war."
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Auf die Besucher, die sich seinen Führungen über Wasser anschließen, warten keine Laufroste aus Edelstahl, keine nachträglich befestigten Handläufe, keine Lichtinstallationen. Hier bekommt jeder einen Helm mit Lampe aufgesetzt und das war's - Bergwerk pur. Es soll auch zukünftig ein Abenteuerspielplatz bleiben; einer mit zehn Kilometer langen Gängen und mit Hallen, die mehrere tausend Quadratmeter groß und bis zu 25 Meter hoch sind. Am Ende wartet dann der "Gasthof zum verschimmelten Bergmann", wo Mengelers Bockwürstchen serviert: Gegessen wird auf Bänken aus Schiefer, ganz so, wie es einst die Bergleute machten. Garantiert zwecklos ist der Versuch, sich hier nicht dreckig zu machen.
Überall sieht man die Hinterlassenschaften der Arbeiter: Schnapsflaschen, deren Inhalt über die Härte des Jobs hinweghelfen sollte, messingfarbene Karbidlampen, Hakenkreuze aus der Zeit des "Dritten Reichs". Dazu Zeitungen; die älteste aus einer Epoche stammend, als Deutschland noch von einem Kaiser regiert wurde. Hier steht nichts hinter Glas, hier kann alles angefasst werden. Nur von den Zeitungen, sagt Mengelers, würde er die Finger lassen - die hätten den Bergleuten oft als Ersatz für Klopapier gedient.
Auf einer Wand stehen kyrillische Buchstaben, angebracht von Zwangsarbeitern, die im Zweiten Weltkrieg den kriegswichtigen Betrieb am Laufen hielten. "Gut 70 Russen haben hier gearbeitet", erzählt der Pächter. "Der Jüngste war erst 15." Bis zum 29. März 1945 wurde unter Tage geschuftet - eine Woche später hatten die Amerikaner das Sauerland erobert.
Noch unberührter ist nur der versunkene Bereich, den das Wasser wirkungsvoll vor Plünderungen und neugierigen Besuchern geschützt hat. Erst rund 15 Prozent der Gänge sind mit Seilen versehen, der Rest wartet immer noch auf seine Erkundung. Vorsichtig geht es hier durch Engstellen hindurch. Durch Stollen, die weniger als mannshoch groß sind und vorbei an Loren, in denen noch Schiefer liegt. In den weit offenen Bereichen staunt man dann über die grandiosen Sichtweiten: Sind es zwanzig Meter? Dreißig? Eine falsche Flossenbewegung jedoch und die Sicht ist dahin - auf dem Boden hat sich feinstes Sediment abgesetzt, entstanden, als der Schiefer gebrochen wurde.
Leben gibt es in der Unterwasserwelt keins; nur den Einblick in ein Leben, das andere hier führten. Durch das Wasser, maximal 32 Meter tief, entstand eine Zeitkapsel, die sich nur dem vollständig öffnet, der die anspruchsvolle Ausbildung zum Höhlentaucher gemeistert hat. Was zwischen Ende März und Anfang Dezember im Schieferbergwerk auf Anfrage möglich ist. In den Monaten dazwischen ist der Tauchbetrieb allerdings verboten. Das war Rainer Mengelers wichtig, weil dann die Fledermäuse kommen, die diesen Bereich als frostsicheres Winterquartier nutzen. "Und an denen", sagt das Mitglied eines Schutzvereins, "hängt mein Herz genauso wie an dem Bergwerk selbst."
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07.08.2013, 09:28 Uhr | Linus Geschke
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