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Völklinger Hütte: Weltkulturerbe aus Schrott

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Faszination Völklinger Hütte  

Dieser Stahlkoloss ist Unesco-Weltkulturerbe

17.11.2014, 17:14 Uhr | Jörg Fischer, dpa-tmn

Völklinger Hütte: Weltkulturerbe aus Schrott. Ein Gewirr aus Stahl und Ziegelmauern: Das Weltkulturerbe Völklinger Hütte in der Gesamtansicht. (Quelle: Weltkulturerbe Völklinger Hütte/Franz Mörscher)

Ein Gewirr aus Stahl und Ziegelmauern: Das Weltkulturerbe Völklinger Hütte in der Gesamtansicht. (Quelle: Weltkulturerbe Völklinger Hütte/Franz Mörscher)

Die Staubwolke der Völklinger Hütte hat sich längst verzogen. Schließlich wurde das Werk, das die Stadt an der Saar einst zu einer der reichsten und dreckigsten Deutschlands machte, 1986 stillgelegt. Als vor 20 Jahren das Gewirr aus Stahl und Mauern zum Weltkulturerbe ernannt wurde, fand es sich in einer neuen Rolle wieder - es entwickelte sich zu Saarlands Touristenmagneten. Jährlich kommen rund 300.000 Besucher zu einem der "spannendsten Orte der Welt", wie die Werbung verspricht. Und spüren auf 600.000 Quadratmetern Industriegeschichte nach. Ein paar Ansichten der Völklinger Hütte präsentieren wir Ihnen auch in unserer Foto-Show.

Als die Unesco die Hütte am 17. Dezember 1994 zum Weltkulturerbe erklärte, war das eine Sensation. "Die Koordinaten der Kultur wurden neu gesetzt", sagt der Generaldirektor des Welterbes, Meinrad Maria Grewenig, etwas pathetisch. Damals wurde erstmals ein Relikt aus der Hochzeit der Industrialisierung auf eine Stufe mit den Pyramiden von Gizeh oder dem Kölner Dom gestellt. Der 60-jährige Kunstprofessor übernahm das Ruder in Völklingen vor 15 Jahren. Dabei war fraglich, ob der drohende Verfall der vor sich hin rostenden Industrieanlage überhaupt noch zu stoppen sein würde. Nach der Schließung sollte sie eigentlich verschrottet werden. Das hatte der Stadtrat beschlossen. Doch dann fiel der Schrott-Preis.

Beim Rundgang die Anlage erkunden

An ein Aus für die Völklinger Hütte denkt heute niemand. Fast 75 Prozent der Anlage sind saniert, der Ausbau der Besucherwege mit sieben Kilometern Länge ist fast abgeschlossen. Im Jubiläumsjahr wurde ein "Unesco-Besucherzentrum" eingerichtet. In der Sinteranlage, in der einst Reststoffe wie Feinerz und Gichtstaub recycelt wurden, werden die Besucher auf die Besichtigung eingestimmt. Über die Wände flimmern Filme über den Alltag im Werk, aus Lautsprechern ist ein Pochen zu hören: "Der Herzschlag der Industrialisierung", übersetzt Peter Backes. Der 62-jährige Soziologe ist von Beginn an dabei und Spezialist für Industriekultur. Texte, Fotos und Videos informieren jetzt über die Geschichte der Hütte, über Eisen- und Stahlerzeugung. Herzstück ist ein 3D-Modell, an dem man die einstigen Abläufe im Werk per Knopfdruck nachvollziehen kann.

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Dem Laien gibt das eine erste Orientierung für den Rundgang - den man am besten mit einem sachkundigen Führer wie Manfred Baumgärtner unternimmt. Der 71-jährige Rentner ist Hochöfner mit Leib und Seele. Er hat sowohl die Blütezeit der Hütte in den 50er und 60er Jahren, als auch ihren Niedergang miterlebt. Am 4. Juli 1986 nach mehr als 100 Jahren hat er dem Hochofen "den Wind" abgestellt. Seine Gefühle bei der Stilllegung kann er kaum beschreiben: "Der Kopf war leer." Jetzt gibt es für die Hütte ein zweites Leben und für Baumgärtner wieder eine Aufgabe. Er engagiert sich als Besucherbegleiter und sagt bescheiden: "Ich bin schon zufrieden, wenn die Besucher hinterher den Unterschied zwischen Eisen und Stahl kennen."

Der Erhalt der Hütte ist ein ständiger Balanceakt zwischen "Authentizität und Attraktivität", wie Backes es ausdrückt. In Völklingen stehen selbst Staub und Ölfilm unter Denkmalschutz. Man kann die Vergangenheit nicht nur sehen und hören, sondern auch anfassen - etwa mit dem Finger über einen Sinterbrecher streichen. "Industriekultur allein schafft aber die Attraktivität nicht", meint Backes. Spürbar wird das derzeit in der Gebläsehalle, wo ägyptische Sarkophage und Totenmasken in geheimnisvolles Licht getaucht sind - ein Kontrast zu den mächtigen schwarzen Maschinen im Halbdunkel.

Stetiger Kampf gegen den Rost

Die Fenster, an denen noch der Ölfilm klebt, sind mit Vorhängen verhängt. Um den Ölgeruch von früher wahrzunehmen, muss man schon genau "hinriechen". Die Gestaltung der Maschinenhalle als zentraler Museums- und Eventort hat aus denkmalpflegerischer Sicht ihren Preis. Dabei haben gerade die großen Ausstellungen - wie die über Inkas, Kelten oder jetzt die alten Ägypter - die Welterbestätte über die Grenzen des Saarlandes hinaus bekannt gemacht. "Früher kamen die Besucher überwiegend wegen der Ausstellungen, jetzt kommt etwa die Hälfte, um die Hütte selbst anzuschauen", weiß Backes.

Der Kampf gegen den Rost ist eine Daueraufgabe. Die rot-braune Farbe der gigantischen Rohre bestimmt die Atmosphäre der Anlage. An allen Ecken und Enden wird repariert. Backes zeigt auf die eine oder andere Stelle, wo der Zahn der Zeit an Mauerwerk, Beton und Stahl nagt. "Wir müssen jetzt vor allem die jungen Menschen überzeugen, dass sie weitermachen." Dafür bietet sich etwa die "Möllerhalle" im Bauch der Hütte an. Dort lagerten früher Koks und Eisenerz. Heute ist das Erdgeschoss von Frühjahr bis Herbst Ausstellungsort. Ende März eröffnet dort die zweite "Urban Art Biennale", eine der größten Ausstellungen der Graffiti-Kunst.

"Die Besucher bleiben im Schnitt drei Stunden", berichtet Backe. Dabei ist die Hütte in all ihren Facetten kaum an einem Tag zu erforschen. Zu bestaunen gibt es die gigantische Hängebahn, mit deren Hilfe einst die Hochöfen beschickt wurden. Der Landschaftsgarten "Paradies" in der Kokerei, bietet nicht nur Platz für Kunst, sondern auch zum Ausruhen. Im "Ferrodrom" im Keller der Möllerhalle können schon die Kleinsten mit bunten Plastikkugeln oder Seifenblasen das Zusammenspiel von Wasser, Erde, Feuer und Luft spielerisch entdecken. Als nächstes soll die Gasreinigungsanlage hinter den Hochöfen restauriert werden. Eines Tages ist auch der Wasserspeicher zwischen Parkplatz und Gebläsehalle dran. Dort entsteht dann ein Ausstellungs- und Veranstaltungsraum, der die Gebläsehalle entlasten könnte. Das ist nötig, denn den Puristen unter den Denkmalschützern ist eine zu intensive "Zweckentfremdung" ein Dorn im Auge.

Weitere Informationen:

Anreise: Mit der Bahn bis Bahnhof Völklingen. Mit dem Auto über die A620, Ausfahrt Völklingen/Geislautern (aus Richtung Saarbrücken), Ausfahrt Völklingen/Wehrden, (aus Richtung Luxemburg).

Öffnungszeiten: täglich 10.00 bis 18.00 Uhr; Preise: 15 Euro, bis 18 Jahre frei, Schüler und Studenten bis 27 Jahre frei. Dienstags ab 15.00 Uhr freier Eintritt.

Noch mehr Infos: Rathausstraße 75-79, 66333 Völklingen (Tel.: 06898/9100 100, E-Mail: visit@voelklinger-huette.org, Internet: www.voelklinger-huette.org).


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