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Kulturreisen Italien: Das Ghetto von Venedig

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Ungewöhnliche Rundgänge  

Das Ghetto von Venedig

02.02.2009, 14:11 Uhr | Spiegel Online, Antje Blinda, Spiegel Online

Zugänge zu Synagogen wie der Scuola Canton finden sich im ehemaligen jüdischen Ghetto hinter unscheinbaren Eingängen. (Foto: dpa)Zugänge zu Synagogen wie der Scuola Canton finden sich im ehemaligen jüdischen Ghetto hinter unscheinbaren Eingängen. (Foto: dpa)

"Bist du Jude?" Ein Mann mit schwarzem Hut und Gebetsschal zieht einen jungen Touristen am Arm. Der lacht und lässt sich doch in den kleinen Laden der Chabad Lubawitsch hinein komplimentieren. Dort redet der Chabadnik lebhaft auf ihn ein und wickelt ihm Tefellin, den Gebetsriemen, um den Arm. Die Juden der chassidischen Bewegung am Campo des Ghetto Novo gehen offensiv mit ihrer Religion um - und bringen Leben auf das winzige Inselchen mitten in Venedig, das als erstes Ghetto der Welt gilt. Getto hieß die Gießerei, die hier einst arbeitete, auf Venezianisch, und Ghetto nannten die Juden den Wohnbezirk, in den sie 1516 verbannt wurden.

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Mauer mit Stacheldraht erinnert an Deportierung

Ansonsten ist der Campo ein stiller Ort, obwohl Touristen aus aller Welt, darunter auch viele jüdische US-Amerikaner, hierher finden. Sie schlendern an dem koscheren Restaurant "Gam Gam" vorbei, bei dem "Gefilte Fish" und "Auberginen Ghetto Style" auf der Karte stehen. Vorbei an der jüdischen Bäckerei Volpe, an Buchhandlungen, Galerien, dem jüdischen Altenheim und dem Museum. Symbolisch soll eine hohe Mauer mit Stacheldraht und das Relief "Der letzte Zug" an die Ereignisse im Jahr 1944 mahnen. Damals deportierte die SS über 200 Juden aus Venedig in die KZ nach Triest und Auschwitz, nur sieben überlebten.

Hinter schlichten Fassaden verbergen sich die Synagogen

Am zentralen Platz türmen sich die bis zu achtstöckigen Häuser in für Venedig ungewöhnliche Höhen. Immerhin drängten sich hier Mitte des 17. Jahrhunderts bis zu 5000 Menschen auf begrenztem Raum. Die Casa campanile sind nicht prachtvoll wie die Palazzi am Canal Grande, nicht verziert mit goldenen Mosaiken oder gedrehten Säulen. Hinter schlichten, gelb und rot verputzen Fassaden und hohen Bogenfenstern verbergen sich im älteren Teil des Ghettos drei der fünf Synagogen des Viertels, hier Scuola genannt. Die Scuola Spagnola und die Scuola Levantina im neueren Teil zeigen sich dagegen selbstbewusster in Architektur und Fassadenschmuck.

Eine der ältesten Synagogen des deutschen Judentums

Nur mit einer Führerin des Jüdischen Museums erlaubt die sephardische Gemeinde den Zutritt zu drei ihrer Gotteshäuser. Das älteste, die 1528 von Juden deutschen Ursprungs erbaute Scuola Grande Tedesca, öffnet sich den Besuchern wie ein kleines, ovales Theater, mit einer Empore für die Frauen. Umgebaut im 18. Jahrhundert, erstrahlt eine der ältesten erhaltenen Synagogen des deutschen Judentums im Licht der Kronleuchter. Die reich verzierten Säulen, Geländer und die Kanzel schimmern golden. Ebenso überbordend, mit Schnitzereien im Renaissance- und Rokoko-Stil ausgestattet ist die Scuola del Canton der französischen Juden gleich nebenan. Ungleich düsterer gibt sich die mit fast schwarzem Holz vertäfelte Scuola Levantina.

Venezianer: Ambivalentes Verhältnis zu jüdischen Einwanderen

Die Venezianer selber hatten immer ein ambivalentes Verhältnis zu ihren jüdischen Einwanderern. Pogrome und Verfolgungen gab es nicht, aber aufgrund der antisemitischen Stimmung in der Stadt erließ Venedigs Doge am 29. März 1516 ein jahrhundertelang gültiges Dekret: Die Juden mussten sich auf die kleine fünfeckige Insel zurückziehen, die damals zwei Brücken wurden nachts verschlossen. In der Enge erfüllte ein Sprachengewirr aus Jiddisch, Hebräisch, Spanisch, Türkisch und Venezianisch die Gassen. Erst die französischen Truppen brachten 1797 die Befreiung: "Die Tore des Ghettos sollen entfernt werden, um jedes Zeichen der Trennung zwischen jüdischen Bürgern und den Bürgern der Stadt zu entfernen" - die Menschen tanzten auf dem Campo und bejubelten ihre Freiheit und Napoleon.

Ghetto ist an hohen Feiertagen noch Zentrum der Gemeinde

Heute leben noch 428 Juden in Venedig, davon nur drei bis vier Familien im Ghetto. Erst seit neuestem gibt es wieder eine Tagesschule, eröffnet von den Chabadnik, die erst vor wenigen Jahren nach Venedig kamen. Die jüdische Gemeinde trifft ein ähnliches Schicksal wie ganz Venedig: Ihre Mitglieder flüchten aus der Stadt, vor den vielen Touristen, den hohen Preisen und der Arbeitslosigkeit. Doch noch immer ist das Ghetto an hohen Feiertagen das Zentrum der Gemeinde. Der sephardische Rabbi ist stolz, schon Juden aus Melbourne, Israel, Hongkong und Singapur verheiratet zu haben - in der Spanischen Synagoge aus dem 16. Jahrhundert und bei alten italienischen Gesängen.

Führungen des Jüdischen Museum: ab 10.30 bis 17.30 Uhr (Juni bis August) oder 15.30 Uhr (Rest des Jahres) jede Stunde, nur in englischer und italienischer Sprache. Samstags geschlossen. Tickets für die 40-minütige Führung: 8,50 Euro

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