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Tschernobyl: Katastrophengebiet als Touristen-Attraktion

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Tschernobyl: Katastrophengebiet als Touristen-Attraktion

04.10.2010, 09:51 Uhr | AFP

Tschernobyl: Katastrophengebiet als Touristen-Attraktion. Attraktion Tschernobyl: Tagestour ins Katastrophengebiet (Foto: dpa)

Attraktion Tschernobyl: Tagestour ins Katastrophengebiet (Foto: dpa)

Die US-Zeitschrift "Forbes" schreibt von einer "weltweit einmaligen Sehenswürdigkeit", für die sich der Eintritt von umgerechnet 122 Euro pro Tag durchaus lohnen soll: Tschernobyl, 1986 Schauplatz der weltweit schlimmsten Atomkatastrophe der Geschichte, ist heute eine skurril anmutende Attraktion: Fast 25 Jahre nach dem GAU (größter anzunehmender Unfall) in dem Kernkraftwerk aus der Sowjetzeit lockt die verstrahlte Zone mit der verlassenen Stadt Pripjat Busladungen voller Neugieriger an - allein im vergangenen Jahr waren es nach offiziellen Angaben rund 7500 Besucher. Eindrücke der Strahlenzone finden Sie in unserer Foto-Serie.

Sehenswürdigkeit Tschernobyl: Nichts anfassen, nicht rauchen

Ein kleiner Bus bringt Touristen an den Rand des Sperrgebiets. Ohne Genehmigung ist es noch immer nicht zugänglich. Am Eingang muss jeder Besucher unterschreiben, dass er die Regeln beachten wird, die eine Kontaminierung verhindern sollen: Kein Essen und Rauchen, kein Berühren von Gegenständen, kein Sitzen auf der Erde, kein Abstellen von Taschen. Die Besucher unterschreiben mit nervösem Lachen. Die junge belgische Psychologin Davinia Schoutteten räumt ein, sie habe schon "ein bisschen Angst" vor der Radioaktivität. Ihre Schuhe wolle sie nach dem Besuch wegwerfen. Trotzdem geht sie mit den anderen Besuchern zum havarierten Reaktor und seinem inzwischen rissigen Betonmantel. Der Geigerzähler misst eine Strahlenbelastung von 3,9 Microsievert - normal sind 0,12.

Tschernobyl-Katastrophe: Geisterstadt Pripjat

Danach geht die Reise zur verlassenen Stadt Pripjat. Nur drei Kilometer vom Kraftwerk entfernt liegt sie heute in der unbewohnbaren Zone. 1970 für die Beschäftigten von Tschernobyl erbaut, mussten alle 50.000 Einwohner die Arbeiterstadt am Tag nach der Katastrophe verlassen - für immer. Seither ist Pripjat eine Geisterstadt. Noch immer hängen Schilder aus der Sowjetzeit an Gebäuden in der Nähe eines verfallenen Vergnügungsparks, dessen Riesenrad Rost angesetzt hat. In einer Wohnung liegen Bücher und Spielzeuge verstreut auf dem Boden. Hunderte Gasmasken liegen auf dem Boden einer Schulcafeteria. In einem Klassenzimmer hängt noch der Stundenplan für die Woche nach dem Unfall an der Wand. "Es ist sehr traurig", sagt die junge Australierin Bobby Harrington etwas verlegen. "Die Bilder sind wunderschön und poetisch, aber durch die ganze Tragödie fühle ich mich unbehaglich, wenn ich fotografiere." Sie schaut auf ihre Kamera: "Ich fühle mich wie ein Voyeur. Vielleicht ist es noch zu früh, viele der Leute leben ja noch."

Tschernobyl: Testament eines historischen Ereignisses

Andere Besucher haben weniger Hemmungen, für sie ist die gespenstische Szenerie Testament eines historischen Ereignisses. "Ich wollte diesen Ort immer sehen, seit es passiert ist. Es ist ein sehr wichtiger Teil unserer jüngeren Geschichte", sagt der schwedische Musiker Karl Backman. "Ich finde es nicht grotesk. Es ist nicht anders, als wenn man das Colosseum in Rom besichtigt, dort starben auch Menschen, oder Auschwitz." Am 26. April 1986 um 01.23 Uhr explodierte in Tschernobyl der Reaktorblock 4 und kontaminierte große Teile der damaligen Sowjetstaaten Ukraine, Weißrussland und Russland und sogar Teile im Westen von Europa. Bis heute gelten in einigen Ländern Einschränkungen beim Verzehr von Lebensmitteln, die durch den radioaktiven Niederschlag belastet sind. Tausende sogenannte Liquidatoren aus der Ukraine, Russland und Weißrussland halfen anschließend bei der Versiegelung des Reaktors, viele bezahlten mit ihrem Leben. Umstritten ist noch immer die Zahl der Todesopfer. Die Vereinten Nationen nannten 2005 die Zahl von 4000 Toten. Nichtregierungsorganisationen gehen von bis zu Hunderttausenden Opfern aus. Allein in der Ukraine gelten 2,3 Millionen Menschen offiziell als "von der Katastrophe betroffen", beispielsweise durch höhere Krebsraten.

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