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Rafting: Teufelsritt auf der Tara - Europas größter Canyon in Montenegro

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Rafting  

Teufelsritt auf der Tara - Europas größter Canyon

24.08.2011, 16:58 Uhr | Patrizia Schlosser, dpa, dpa-tmn

Mehr als 100 Kilometer weit und 1300 Meter tief im Gebirge zieht sich die türkisblaue Tara durch Montenegro. Sie hat den größten Canyon Europas geschaffen und nach dem Grand Canyon in den USA den zweitgrößten der Welt. Nur wenige Wege führen an ihr Ufer. Doch wer einen gefunden hat, steigt am besten in ein Raftingboot, um einen Teufelsritt auf der Tara zu wagen. Wer eine Fahrt wagt, entdeckt unberührte Berglandschaft und erlebt ein rasantes Abenteuer. Sehen Sie die Stromschnellen auch in unserer Foto-Show.

Die gewaltigste Schlucht Europas

"Rechts, rechts, ja genau, und jetzt alle zusammen", brüllt Nenad-Neso in einem Mix aus Serbo-Kroatisch und Englisch gegen das Tosen des Wassers an. Vor dem Boot wirbeln Wasserstrudel, dazwischen ragen Felsen aus dem Fluss. Sechs Leute stoßen ihre Paddel in das aufgewühlte Wasser. Das wütende Rauschen und Gurgeln der Stromschnellen mischt sich mit ihrem Keuchen. Wie ein Messer schneidet der Fluss Tara hier in die Berge Montenegros, nicht weit von der Küste Kroatiens entfernt. An der tiefsten Stelle hat sich der wilde Strom 1300 Meter in das Gebirge gegraben - und so die gewaltigste Schlucht Europas und nach dem Grand Canyon in den USA die tiefste der Welt geschaffen.

Drei Tage Abenteuer

Immer wieder hebt der Fluss das Schlauchboot vorne in die Luft und lässt es mit voller Wucht auf die Oberfläche zurückschnellen. Wasser spritzt auf die Mannschaft, knöcheltief steht es bereits im Boot. Alle rammen die Paddel in die Tara und klemmen die Füße unter die Riemen am Bootboden, um nicht den Halt zu verlieren. Dann, so unvermittelt wie sie aufgetaucht sind, liegen die Stromschnellen hinter ihnen, und die wilde Tara fließt wieder ruhig dahin. Das Team ist in aller Frühe aus dem Bergdorf Kolašin aufgebrochen. Einige von ihnen sind aus Moskau, andere leben in Montenegro. Alle sind gekommen für das ultimative Abenteuer: Drei Tage Rafting auf der Tara, durch den gewaltigen Canyon von Montenegro bis nach Bosnien-Herzegowina.

Nur wenige Wege führen ans Flussufer

Glasklar und türkisblau schlängelt sich der rund 140 Kilometer lange Fluss durch die Berge Montenegros, von der Quelle im Komovi-Gebirge an der Grenze zu Albanien bis nach Norden, wo er sich am Rande Bosniens mit dem Fluss Piva mischt. Nur wer sich in ihren bisweilen tückischen Strom wagt, kann der Tara wirklich nahe kommen. Denn ihre Ufer liegen fernab aller Straßen tief in der Schlucht. Nur an wenigen Stellen führen Wege hinab ans Wasser. Hier befinden sich die Lager der Rafter. Geschäftiges Treiben herrscht am steinigen Ufer nahe des Orts Splaviste: Neoprenanzüge werden übergestreift, Proviant in Plastiksäcke verpackt, Boote und Floße zu Wasser gebracht.

Im Sommer entstehen reißende Stromschnellen

"Die ersten paar Kilometer haben viele Stromschnellen und Felsen", sagt Guide Miki. Später werde der Canyon ruhiger und breiter, um dann auf den letzten 15 Kilometern vor der Grenze zu Bosnien noch einmal gefährlich zu werden. "Im Sommer können auch Anfänger auf dem Fluss reiten", erklärt Miki, "aber im Frühling und Herbst ist Rafting auf der Tara nur etwas für Profis und Adrenalin-Junkies". Schmelzwasser und Regenfälle sorgen dann für reißende Stromschnellen. Für Miki die perfekte Zeit, um Spaß zu haben und seine Leute zu trainieren.

Die Tara-Brücke

Zu beiden Seiten des Flusses erheben sich majestätisch die Steilwände der Schlucht. Wie eine Fata Morgana spannen sich kurz hinter Splaviste die filigranen Bögen der Tara-Brücke über den Canyon und klammern sich in die Steilhänge der Ufer. Winzig klein sind auf ihr Menschen zu sehen, die nach unten in den Canyon blicken. Die Männer im Schlauchboot winken mit ihren Paddeln in der Hand und rufen fröhlich nach oben. Ihrem Erbauer hat die Brücke kein Glück gebracht. Der Ingenieur Lazar Jaukovic erschuf sie 1941, ein Jahr bevor die deutschen und italienischen Truppen in Montenegro einmarschierten. Kaum war sie gebaut, musste Jaukovic sie schon wieder sprengen, um den Vormarsch der Faschisten zu stoppen. Wenig später wurde er von den Deutschen oder einem ihrer Verbündeten erschossen - auf der Tara-Brücke.

Wohnen im verschlafenen Nachbarort

Ausgangspunkt der Rafting-Touren ist die Pension "Vila Jelka", die der 32-jährige Miki mit seinem Vater im Bergdorf Kolašin betreibt. Der verschlafene Ort mit seinen über die Berghänge verstreuten Häusern ist von Podgorica, der Hauptstadt Montenegros, in knapp zwei Stunden zu erreichen. Touristisch ist er dennoch kaum erschlossen. Die meisten Urlauber fahren an die Küste Montenegros, an die Adria. Vor der Jugoslawienkrise war Montenegro ein Tummelplatz für die Schönen und Reichen, nach dem Bürgerkrieg touristisches Niemandsland. Es folgten Jahre der Goldgräberstimmung, verbunden mit blinder Bauwut: Russische Investoren überzogen die Küste mit grauen Betonburgen. Heute ist der große Boom der Nachkriegsjahre wieder vorbei, doch zur Hauptsaison sind die Strände voll.

Morgens am Strand, nachmittags Ski fahren

Das gebirgige Hinterland Montenegros war und ist dagegen ein Ziel für Abenteurer geblieben. Dabei ist Montenegro kleiner als Schleswig-Holstein. Gerade einmal drei Stunden sind es vom Strand bis in die Berge nach Kolašin. Am Vormittag im Meer schwimmen und am Nachmittag Ski fahren? In Montenegro theoretisch möglich. Doch die 120 Kilometer von der Adria-Küste ins wilde Gebirge schlängeln sich in steilen Serpentinen. Dabei sind die höchsten Gipfel weiß getupft von Schneefeldern, weiter unten bedecken saftig grüne Wälder die Hänge. In der klaren, kalten Bergluft hängt der Geruch von Grillfleisch.

Teufelsritt auf der Tara

Miki prescht schon mal vor. Wer mit ihm eine mehrtägig Rafting-Tour durch die Tara-Schlucht macht, wird mit Essen aus Eigenproduktion versorgt: Bio-Kartoffeln, selbst hergestellter Kajmak (ein cremiger Frischkäse), Eier, Fisch und natürlich Rakija, der selbstgebrannte Pflaumen- und Apfelschnaps. Das Boot auf einer Kiesbank geparkt, pausieren die Männer an Land. Mit einem großen Messer werden dicke Scheiben Brot abgeschnitten, dazu gibt es deftigen Speck und immer wieder einen großen Schluck Rakjia. Mut antrinken für den weiteren Teufelsritt auf der Tara.

Weitere Informationen:

Anreise: Flugverbindungen nach Podgorica bieten zum Beispiel Lufthansa, Austrian und Montenegro Airlines über Lublijana (Slowenien) oder Wien für rund 300 bis 400 Euro an. Am Flughafen in Podgorica gibt es mehrere Anbieter für Mietautos. Vom Stadtzentrum aus fahren Busse bis in die hinterste Bergregion, allerdings nur ein- oder zweimal pro Tag. Die einzige Zugverbindung nach Montenegro geht von Salzburg aus über Serbien durch die Berge bis an die Küste Montenegros. Sie dauert ab München rund 25 Stunden, dafür ist der Abschnitt in den Bergen Montenegros spektakulär schön.

Reisezeit: Für Rafting auf der Tara ist die beste Saison von Mai bis Ende September. Aufgrund der Höhenlage ist es hier im Sommer angenehm warm, während es an der Küste und in Podgorica brütend heiß sein kann. In den höchsten Lagen herrscht ein alpines Klima vor, dort liegt ganzjährig Schnee.

Unterkunft: In der Bergregion kostet ein Doppelzimmer mit Frühstück in einem Mittelklasse-Hotel rund 50 Euro. In Gästezimmern, Sobe genannt,  kann man für 10 Euro übernachten. In Podgorica, das hauptsächlich auf Geschäftsleute eingestellt zu sein scheint, ist Übernachten relativ teuer. Ein Doppelzimmer kostet rund 80 Euro.

Ansprechpartner: Vereinigte Tourismusorganisation von Montenegro, Friedensstraße 7, 60311 Frankfurt, Tel.: 069/24 24 62 12, E-Mail: info-frankfurt@montenegro.travel

Touranbieter Rafting: Vila Jelka, 81210 Kolašin, Montenegro, www.vilajelka.co.me, Miki Bulatovic (Tel.: +382 69/400 094)

Tourismusbüro von Montenegro: www.montenegro.travel

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