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Gibraltar: Affenplage am Verbrecherfels

30.08.2011, 14:19 Uhr | Andreas Drouve, Spiegel Online, Spiegel Online

Gibraltar: Affenplage am Verbrecherfels. Nicht nur die Affen sorgen für Ärger. (Quelle: dpa)

Nicht nur die Affen sorgen für Ärger. (Quelle: dpa)

Gibraltar ist Steuerschlupfloch, Heimat rüpelhafter Berberaffen - und seit Jahrhunderten Zankapfel zwischen Briten und Spaniern. Immer wieder sorgt die Kronkolonie für Verstimmung: unter Diplomaten, aber auch bei Touristen. Andreas Drouve ist "The Rock" trotzdem verfallen. Schauen Sie sich den Felsen auch in unserer Foto-Show an.

Bizarre Exotik verführt die Besucher

Nach jedem Besuch in Gibraltar schwöre ich, so wie die meisten Tagesausflügler: "Nie wieder!" Am allerwenigsten im eigenen Auto. Der Verkehr ist katastrophal, die Parkplatznot nervig, jede Straße ein Nadelöhr. Alles too much, da gebündelt auf engstem Raum, ein Gemenge aus Friedhof und Fußballplatz grenzt gleich an die Start- und Landebahn des Flughafens. Mein Gelübde habe ich dennoch immer gebrochen. Zu sehr zieht mich die bizarre Exotik dieses größten Fremdkörpers der Iberischen Halbinsel an, zu verwirrend strange ist das Gepräge von The Rock, wie Gibraltar genannt wird. Dahinter steckt nichts anderes als ein territorialer Kümmerling, den die Briten 1704 den Spaniern entrissen und seither besetzt halten. Ein Fliegenschiss auf der Landkarte, beherrscht von einem massigen, steilen Kalksteingiganten, der sich 425 Meter hoch über der Bucht von Algeciras und der Schnittstelle von Mittelmeer und Atlantik aufbuckelt.

Affen verrichten ihre Geschäfte überall

Die Zufahrt führt über das Rollfeld, im Hintergrund zeichnet sich Nordafrika ab, die oberen Felsrücken sind Lebensraum von Berberaffen. Schamlos verrichten diese an den Haltepunkten der Ausflugswagen und -taxis ihr Geschäft auf Dächern und Kühlerhauben, knabbern je nach Laune die Fensterdichtungsgummis an und stürzen sich auf alles, was wie eine Plastiktüte raschelt und Nahrung verheißt. Sie sind die Rüpel von Gibraltar, echte Rowdys, hoffnungslos verlaust obendrein.

Tropfsteinhöhle in Kitschbeleuchtung

Gesitteter als zwischen wilden Affen geht es in der Unterstadt zu, wo leibhaftige Bobbys auf Streife gehen, Rempler ein "Excuse me" erfordern und Parfümerien und Elektronikläden rund um die Main Street mit Angeboten und überfrachteten Auslagen locken. Jedes Mal, wenn mich das Schicksal trotz meines Schwurs nach Gibraltar zurückführt, kann ich mich der Faszination der Shoppingschneisen und historischen Mauerverbünde nicht erwehren. Jedes Mal treibt es mich an die äußerste Spitze, den Europa Point, mit Ausblicken auf die Meerenge, die Frachter, die Bergsilhouetten Marokkos. Jedes Mal statte ich - dem stattlichen Zugangspreis zum Trotz - dem Upper Rock Nature Reserve und den unvermeidlichen Affen einen Besuch ab, dazu den Great Siege Tunnels, die als Verteidigungssystem auf die lange spanische Belagerung Ende des 18. Jahrhunderts zurückgehen, und selbst der St. Michael's Cave, obwohl die Tropfsteinhöhle in buntesten Kitschlichtvariationen erstrahlt und den Einbau eines Auditoriums zu verkraften gehabt hat.

Klischee über Klischee

In der Kronkolonie Gibraltar bleibt kaum ein Klischee ausgespart. Briefkästen tragen die Aufschrift Royal Mail, alte Telefonzellen leuchten in Rot, Buden mit Fish'n'Chips stehen für die sagenhaften Errungenschaften der englischen Küche und Wettbüros für die Leidenschaft, ein sattes Pfund auf das richtige Pferd zu setzen. Einzig falsch liegt, wer Linksverkehr vermutet. Nein, ganz so britisch ist Gibraltar nicht. Mit rechten Dingen geht hier allerdings nicht alles zu. Anders lässt sich schwer erklären, dass auf gut 6,5 Quadratkilometer nicht nur 30.000 gemeldete Bürger kommen, was in etwa der Bevölkerungsdichte von London entspricht, sondern zugleich 60.000 Firmensitze, wie Spaniens Medien gerne herausstellen.

Diplomatische Verwicklungen inbegriffen

"Der Fels der Verbrecher", giften Kommentatoren in einer Mischung aus Missgunst und angekratztem Nationalstolz und schieben gleich noch Anschuldigungen gegen die "Drogenschleuse Gibraltar" hinterher, die für die ungewöhnlich hohe Zahl der Abhängigen in Algeciras verantwortlich sei. Fernab von Ressentiments ist allerdings jedem klar: Statt eines rekordverdächtigen Geschäftsinstinkts, der im Schnitt pro gibraltekischem Kopf - Neugeborene, Alte, Beamte und der amtierende Gouverneur inklusive - zwei offiziell registrierte Firmengründungen hervorgebracht hat, steht man vor dem Phänomen eines von höchsten Stellen geduldeten, obskuren Steuerschlupflochs in Europa.

Angeschwemmtes Altöl an der Küste

Licht ins Dunkel bringt zumindest die Sonne, die sich in anderen Teilen von Großbritannien eher bedeckt hält, und der ein oder andere Feuerschein, wenn in Gibraltar wieder mal ein Öllager brennt. Doch nicht nur dann herrscht beim nahen Nachbarn Spanien helle Aufregung. Immer wieder wird das billige Auftanken von Schiffen beklagt, immer wieder machen Anwohner der andalusischen Nachbargemeinden tonnenweise angeschwemmtes Altöl an der Küste aus, immer wieder jagen sich Patrouillenboote beider Länder in den Grenzgewässern.

Ein ewiges Hin und Her

Zertrümmern Soldaten der Royal Navy bei Schießübungen eine spanische Boje, folgt ein diplomatischer Aufschrei. Verfolgen Polizisten aus Gibraltar eine Bande Juwelenräuber auf spanisches Staatsgebiet und hecheln der Beute hinterher, ohne im Eifer des Gefechts die Behörden zu informieren, ist der Konflikt in Gegenrichtung programmiert. Ebenso ungern gesehen sind Aufenthalte britischer Atom-U-Boote, zumal, wenn sie marode zur Reparatur in den Hafen Gibraltars einlaufen.

Das Orakel soll's richten

Der ganze Widersinn aus Geschichte und Gegenwart wird deutlich, wenn die alte Kolonialmacht Spanien unverdrossen auf die Rückgabe von Gibraltar pocht, während sie mit größter Selbstverständlichkeit in Marokko an ihren eigenen Exklaven Ceuta und Melilla festhält. Wie lange es mit dem Zankapfel Gibraltar weitergehen wird, soll ein Orakel vorhersagen. Erst wenn der Fels von den letzten Affen verlassen wird, so heißt es, fällt Gibraltar an Spanien zurück. Da sich die Primaten einer prima Gesundheit erfreuen, blicken die Briten der Wendung des Schicksals cool entgegen: abwarten und Tee trinken. Und ich schwöre, ich werde nie wieder zurückkommen. Zumindest nicht bis zum endgültigen Fall Gibraltars. Nicht einmal, um meinen in der Main Street günstig erworbenen MP3-Player zu reklamieren, der nach kürzester Zeit seinen Dienst versagte.

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